Problemlösen Heuristik Erfinderschule Kreativität Hegel Marx Mathematik Sprache Dialektik Kybernetik Bildung Schülerstreik Arbeitszeit-Verkürzung Bürgerinitiativen Revolution Sozialismus

 

 

THIEL – DIALEKTIK

 

 

Stand: 28. August 2015 

 

In dem nachfolgenden Text können Sie die von mir eingebauten Sprungbefehle nutzen. (noch in Arbeit)

Rainer Thiel, geb. 1930, quer denkend, angriffslustig, konstruktiv. 

 

Fachübergreifend überraschende Ergebnisse

aus kombinierten Studien in Philosophie, Mathematik, Methodik des Problem-Lösens und aus Streifzügen in sieben Fächern sowie aus praktischen Erfahrungen in Industrie, Ministerien, Bildungspolitik, Erfinderschulen, Bürgerinitiativen und sozialen Bewegungen.

 

Freude am Vernetzen.

 

 

Kontakt:

Dr. habil. Rainer Thiel

Telefon: 033 678 / 60 263

 

E-mail: rainer@rainer-thiel.de

Internet:

www.thiel-dialektik.de

www.rainer-thiel.de

 

 

 

Unter "Dialektik" verstehe ich nicht etwa „Rhetorik", sondern die Lehre von universellen Eigenheiten aller Entwicklung in Natur, Gesellschaft und Geistestätigkeit, nutzbar als Anregung für Hypothesen und als universelles Denkzeug im Verbund mit fachgebundener, auch empirischer Arbeit, schließlich als Orientierungshilfe des praktischen Handelns, von Bildung und von Ethik.

Seit 2002 erregt mich die anhaltende Massenarbeitslosigkeit mit ihren katastrophalen Folgen. Innovation führt immer wieder zu Arbeitslosigkeit. Da hilft kein Wirtschafts-Wachstum. Mittel zur Problemlösung könnte allgemeine Arbeitszeitverkürzung werden. Dazu habe ich Konzepte, Text in Publikationsfeld 8 (Klick hier möglich: ^^ 8 Klicken mit gedrückter strg-Taste) .

 

 

Über meine Ergebnisse in Jahrzehnten wird nachfolgend auf drei Ebenen berichtet:

A) Chronologisch. Titel der wichtigsten Publikationen.

B) Nach Themenfeldern (Definitionen, Überblicke und Angaben zur Vernetzung untereinander sowie mit Links zu Publikationsfeldern.) Die Ebene der Themengebiete kann von hier aus durch Rollen mühelos erreicht und durchlaufen werden. Rollen empfiehlt sich auch, um einen Eindruck vom Ganzen zu gewinnen: Vieles hängt mit Vielem zusammen. In den Themenfeldern auch Hinweise auf Publikationsfelder.

C) Nach Publikationsfeldern (mit detaillierteren Angaben zum Inhalt von Publikationen). Hinweise auf die Publikationsfelder jetzt gleich in einer Liste der wichtigsten Publikationen:

A)

Die wichtigsten Publikationen in zeitlicher Folge:

(Zur Inhaltscharakteristik gehe weiter zu den Themen- und den Publikationsfeldern.)

Newton, Marx und Einstein in Aufbau, Berlin, Mai und Juni 1957 (siehe Publikationsfeld 10)

Kybernetik - Philosophie - Gesellschaft in Einheit, Berlin, Juli 1961 (siehe Themenfeld 6 und Publikationsfeld 6)

Über die Existenz kybernetischer Systeme in der Gesellschaft Unterm Patronat von Georg Klaus. In : Deutsche Zeitschrift für Philosophie Berlin, 1/1962. Teil der Dissertation. (siehe Themenfeld 6 und Publikationsfeld 6)

Quantität oder Begriff? Der heuristische Gebrauch mathematischer Begriffe ^^ 4 Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1967; 611 Seiten (Habilitationsschrift). (Siehe Themenfeld 4 und Publikationsfeld 4)

Mathematik - Sprache - Dialektik. Akademieverlag Berlin 1975; 302 Seiten ^^ 4 (Siehe Themenfeld 4 und Publikationsfeld 4)

Methodologie und Schöpfertum Institut für Hochschulbildung Berlin 1977 ^^ 2 (Siehe Themenfeld 2 und Publikationsfeld 2)

Warum Mathematik? Problemspezifische Sprachen und Denken ^^ 4 Gemeinsam mit Manfred Peschel. In: Wissenschaft und Fortschritt, Berlin 32(1982) 1 Reprint 2003 in: Betrachtungen zur Systemtheorie, ISBN 3-9808089-3-9 Gedenkband zum Leben und Schaffen von Prof. Manfred Peschel, (Siehe Themenfelder 2 und 4 sowie Publikationsfeld 4)

Gemeinsam mit Dr. Ing. Hans- Jochen Rindfleisch (Verdienter Erfinder):

Erfindungsmethodische Grundlagen. Erfindungsmethodische Arbeitsmittel.

Zwei Editionen des Ingenieurverbandes der DDR 1988/89; zusammen 224 Seiten ^^ 2 (Siehe Themenfeld 2 und Publikationsfeld 2)

Gemeinsam mit Dr.Ing. Hans- Jochen Rindfleisch und anderen:

Erfahrungen mit Erfinderschulen ^^ 2

Ein aktueller Bericht für das ganze Deutschland, seine Unternehmer, Ingenieure und Erfinder. DABEI-Materialien 9 , Berlin/Bonn 1993

(Siehe Themenfeld 2 und Publikationsfeld 2)

Gemeinsam mit Dr. Ing. Hans- Jochen Rindfleisch (Verdienter Erfinder):

Erfinderschulen in der DDR ^^ 2

Eine Initiative zur Erschließung von technisch-ökonomischen Kreativitätspotentialen.

Gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft. trafo verlag Berlin 1994. ISBN 3-930412-23-3; 127 Seiten.

(Siehe Themenfeld 2 und Publikationsfeld 2)

 

Marx und Moritz - Unbekannter Marx - Quer zum Ismus ^^ 3 trafo verlag Berlin 1998 und 1999, ISBN 3-89626-153-3; 171 Seiten

(Siehe Themenfeld 3 und Publikationsfeld 3)

 

Die Allmählichkeit der Revolution – Blick in sieben Wissenschaften ^^ 3 II ^^ 4 In der Reihe „Selbstorganisation sozialer Prozesse“ herausgegeben von Herbert Hörz,

LIT Verlag Münster, Hamburg, London. 2000, ISBN 3-8258-4945-7; 336 Seiten (Siehe Themenfelder 3 und 4 sowie Publikationsfeld 4)

 

Der Schülerstreik in Storkow ^^ 7

trafo verlag Berlin 2001, ISBN 3-89626-066-9; 194 Seiten (Siehe Themenfeld 7 und Publikationsfeld 7 a)

Der Stausee unterm Auersberg. Die Talsperre des Friedens bei Sosa in Sachsen und der Mythos ihrer Erbauer.

(Anläßlich des 50jährigen Jubiläums der ersten Wasserabgabe. Seit 60 Jahren bewährt und gelobt) trafo verlag Berlin 2002, ISBN 3-89626-390-0; 84 Seiten (Siehe Publikationsfeld 10) ^^ 10a

 

Georg Klaus, die Dialektik, die Mathematik und das lösbare Problem disziplinärer Philosophie In: Kybernetik und Interdisziplinarität in den Wissenschaften – Georg Klaus zum 90. Geburtstag. trafo verlag Berlin 2004, ISBN 3-89626-435-4.

(Siehe die Themenfelder 1, 2, 3, 4, 6 sowie Publikationsfeld 4 (hierzu Klick ^^ 4 )

 

Wachstum sichert keine Arbeitsplätze. Rationalisierung: Chance zu allgemeiner Senkung der Arbeitszeit! Kompensation zwischen Jobbenden und Erwerbslosen! Solidarität! Arbeit und Freizeit für alle, zum Menschsein, für Bürgerdemokratie! Die Verflechtung mit Bildung und gesellschaftlicher Alternative. Fangt endlich an mit Politik!

Text seit 2002 in Entwicklung. Stand: 2009 Publikationsfeld 8 . (Klick beim Zeichen ^^ 8 )

 

Kirche, Christen, Freidenker

In "Woran glaubt, wer nicht glaubt?" Lebens- und Weltbilder von Freidenkern, Konfessionslosen und Atheisten in Selbstaussagen. Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. EZW-Texte 176/2004 Text in Publikationsfeld 9 (Klick hier ^^ 9 )

 

Das vergessene Volk - Mein Praktikum in Landespolitik

Abenteuer und Tiefbohrungen. Bürgerinitiativen und Analysen im Land Brandenburg.

Regionen Verlag 2005, ISBN 3-9809400-3-9 168 Seiten (Siehe Themenfeld 7 und Publikationsfeld 7 b) Klick hier: ^^7a

Weitere kleinere Publikationen nach 2002 sind in einigen der verschiedenen Publikationsfelder aufgeführt.

Allmähliche Revolution - Tabu der Linken

Zwei Arten Abstand vom Volk: Warten auf Wunder ....

Gebt eure Stimme bei uns ab!

Kai Homilius Verlag 2009, 271 Seiten, 22,90 Euro. ISBN 9 7 8 - 3 - 8 9 7 0 6 - 6 5 7 - 1

Klick , um zu 3 c zu kommen

Neugier – Liebe – Revolution.

Mein Leben 1930 – 2010

ISBN 9 7 8 - 3 - 8 9 7 9 3 – 2 4 8 - 7 Edition Ost

Siehe Publikationsfeld 12 - Biographisches, Geschichtliches:

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B) Die 9 Themenfelder ^^1

Durch B) können Sie mühelos hindurchrollen. Das macht Sinn: Die acht Themenfelder sind stark miteinander vernetzt. Typisch Dialektik.

Seien Sie also eingeladen, die folgend aufgeführten Themenfelder im Zusammenhang zu überschauen, als stünden Sie auf einem Aussichtsturm. Panorama aufnehmen. Am besten wäre alles gleichzeitig. Leider macht da unsre Sprache Schwierigkeiten. Deshalb ist Hindurchrollen durch B) das Beste: Dann spüren Sie Zusammenhänge besser, als wenn Sie nur "klick" machen würden. Dialektik fordert und fördert, Zusammenhänge wahrzunehmen. Sie erkennen dann auch, dass althergebrachte Worte oft aus ihrer gewohnten Bedeutung hinausgewachsen sind. Nichts bleibt, wie es ist.

Von den meisten Themenfeldern können Sie schnell per Klick (beim Zeichen ^^ ) zu einem Publikationsfeld gelangen und von dort wieder zurück.

Die 10 Publikationsfelder sind wesentlich länger als die Themenfelder, denn sie enthalten Inhaltsverzeichnisse, Inhaltsangaben, Bilder, zum Teil auch Hinweise auf Kollegen, die mir Partner gewesen sind. Deshalb die Links mit dem Zeichen ^^ von fast jedem Themenfeld zu wenigstens einem Publikationsfeld. Per Klick können Sie dann vom Ende eines Publikationsfeldes zu dessen Anfang bzw. zum Anfang aller Themenfelder zurückkommen.

Die Zeichen ^ bzw. ^^ bzw. # zeigen jeweils ein Hyperlink an, zumeist "springen zu Publikationsfeld ....."

Das Zeichen ## zeigt an, dass Sie per Klick vom Themenfeld oder auch anderen Stellen hier bei ## ankommen können.

 

 

 

1. Themenfeld (Dialektik im engeren Sinn. Beachte auch Themen- und Publikationsfeld "Kybernetik")

Dialektik: System von Hidden Pattern, d.h. verborgenen (empirisch meist nur vage empfundenen) Mustern (Invarianten) in Entwicklungsprozessen, die durch geistige Arbeit aus realen Prozessen abhebbar und zu geistiger Arbeit anregend (heuristisch, als Heuristik, denkmethodisch) nutzbar sind.

Dialektischer Widerspruch. Siehe auch Themen-Felder 2, 3, 4, 5, 6.

Bilder von M. C. Escher und das sog. Qualität-Umschlagen. Umschlagen quantitativer Veränderungen in qualitative (irritierend "Qualitätssprung" genannt). Hegel, Marx und Engels über das Verhältnis von Quantität und Qualität, von Quantum und Quale. Nichtlinearität. Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile. Maß und Maßhalten. Die Unsitte, außerhalb der Physik von Quantensprung zu sprechen. Hierzu „Die Allmählichkeit der Revolution – Blick in sieben Wissenschaften“, siehe Publikationsfeld ^^ 3 II .

Dialektik und Mathematik. Themenfeld 4 und Publikationsfelder ^^ 3 II und ^^ 4

Mathematische Chaostheorie und Dialektik. Themenfeld 3 und Publikationsfeld ^^ 3 II ^^ 4

Sprache der Dialektik. Themenfeld 4 und Publikationsfeld ^^ 4

Dialektik in der Technik-Entwicklung. Dialektik und Kreativität. Themenfeld 2 und Publikationsfeld ^^ 2 .

Dialektik und Kybernetik. Themenfeld 6 und Publikationsfeld ^^ 6 .

Dialektik als Orientierungsmittel und Denkzeug (Heuristik!), beruhend auf multi-disziplinärer Evolutionsforschung. (Doch nicht als Wahrheits-Automat!) Themenfelder 2, 3, 4, 6 und die Publikationsfelder ^^ 2 , ^^ 3 II , ^^ 4, ^^ 6 .

Dialektik ist ein gegenwärtig unterbewerteter Bestandteil der Philosophie. Man weiß, dass das Wort „Dialektik“ von der antiken Streitgesprächs-Erfahrung herkommt. Seitdem ist "Dialektik" zu einer Bezeichnung für "Entwicklungsprozesse" (mit ihren Entwicklungswidersprüchen) und zu einer Bezeichnung für Philosophie der Entwicklungsprozesse geworden.

Zum Publikationsfeld 1 : ^^ 1

 

 

2. Themenfeld (Problemlösen)

Kreativität (Schöpfertum) als Fähigkeit zum Problemerkennen und zum Problemlösen.

Was Kreativität heißen kann, wandelt sich vom Kind zum Erwachsenen. Nötig sind daher zwei Kreativitätsbegriffe: Der erste bezieht sich allein auf Neugier, Phantasie und Etwas-Hervorbringen, der zweite bezieht sich darüber hinaus auf das Herausarbeiten und Lösen von Widersprüchen (Zielkonflikten). Daraus resultieren auch verschiedene Auffassungen von "Realität".

Heuristisches Wissen und epistemisches Wissen sind zweierlei. Was gehört zu den sog. Fakten? Wissen und Denken. Logik und Heuristik, beides bisher unterbewertet.

Heuristik als Denkzeug, aber nicht als Wahrheitsautomat.

Methodologie und Kreativität (Schöpfertum), mit Sorgfalt analogisierbar für alle Disziplinen und Bereiche.

Innovatives Ingenieurdenken, das der wachsenden Bedeutung von Ingenieur-Ethik und Technikfolgen-Abschätzung gerecht werden kann. Für menschliches Antlitz der Technik und Bewahrung unsrer kosmischen Heimat.

Sog. Sachzwänge. Unbedarftheit im Umgang mit Sachzwängen und Restriktionen: Zwischen Leugnung und Verabsolutierung anstelle kreativer, widerspruchslösender Überwindung.

Sach- bzw. Zielkonflikte, in ihrer Entwicklung gesehen: dialektische Widersprüche.

Zielkonflikte und Widersprüche nach Denk- und Handlungsebenen unterschieden, zum Beispiel: technisch-ökonomischer (technisch-ökologischer), technisch-technologischer und technisch-naturgesetzlicher Widerspruch.

Widerspruchszentrierte Innovationsmethodik-Methodik, Programm des Herausarbeitens und Lösens von Erfindungsaufgaben (ProHEAL).

Widerspruchszentrierte Innovations-Methodik, Widerspruchsorientierte Innovationsstrategie (WOIS)

Ingenieur-Heuristik. Heuristische Programme (besonders ProHEAL und WOIS), dialektische Denkmuster als "hidden pattern".

Evolutionsgerechtes Ingenieurdenken.

Unterschied zwischen Kompromiss/Optimierung und Widerspruchslösung

Erfinderschulen.

Editionen von Altschuller, (TRIZ)

Brainstorming invers.

Dialektik in der Technik-Entwicklung.

Dialektische Problemlösemethodik - fachübergreifend

Publikationsfeld 2 erreichbar per ^^ 2

 

 

3. Themenfeld ##3

Hegel und Marx als Dialektiker. Marx quer zum Marxismus. Philosophie und Politik

Revolution/Evolution. Allmählichkeit der Revolution.

Unbekannter Marx.

Marx und der kleine Moritz, der Marx als Pappschild vorangetragen oder vom Katheder in den Hörsaal geschmettert hat.

Marx und der „Marxismus“.

Demokratischer Sozialismus.

Marx und Goethe. Beide über die menschliche Persönlichkeit. Ökonomie und Persönlichkeit.

Die Entfremdung des Menschen von sich selbst – wie vermindern? Was ist Reichtum?

Marx und die sog. Moderne.

Marx über den Wachstumswahn. Zeit statt Konsum. Bildung ist Reichtum!

Illusionen über die Arbeiterklasse.

Marx über Demokratie und Selbstbestimmung. Marx kontra Bakunin und Honecker.

Marx und die Kinder.

Gesetzmäßigkeiten in der Gesellschaftsentwicklung? Marx und Engels gegen Determinismus und Voraussagbarkeit.

Marx und die Ökologie.

Tränen für Honecker? Ein Staatsstreich Honeckers. Honecker als Marx-Fälscher.

Ein Fall von linker Rosa-Luxemburg-Falsifikation.

Zeitgeschichte, DDR, SED, Defizite bisheriger Analyse. Beiträge zur Erschließung unbearbeiteter Felder.

^^ 3 führt per Klick zu Publikationsfeld 3 .

 

 

4. Themenfeld Mathematik und Dialektik

Philosophie der Mathematik in folgendem Sinn:

Problemspezifik von Sprachen. Mathematik als Fundus problemspezifischer Sprachen.

Heuristik und der heuristische Gebrauch mathematischer Begriffe.

Heuristik als Denkzeug, aber nicht als Wahrheits-Automat.

Gebrauch problemspezifischer Sprachen im Dienst verantwortungsbewussten Handelns.

Nichtlinearität. (Vor allem Publikationsfeld 3 II und 3 III): "Die Allmählichkeit der Revolution". Publikationsfeld 3 II ^^ 3 II .

Dialektik und Chaostheorie. Publikationsfeld. 3 II ) "Die Allmählichkeit der Revolution". ^^ 3 II .

Mathematische Modelle und Dialektik. (Beispiele in den Feldern 2, 4, 6.)

Dialektik und Fraktale Mathematik. Verweis auf Manfred Peschel in Publikationsfeld 4.

 

 

5. Themenfeld

Ethik. Philosophie der Verantwortung

in Verbindung mit Analyse der Entwicklung von DDR und SED. Defizite bisheriger Analyse. Verantwortung kontra Bürokratie. Doch auch Beamtentum im linken Spektrum.

Siehe besonders Publikationsfeld 3 I : "Marx und Moritz". ^^ 3 I .

Ethik erfordert Kreativität und Dialektik.

Kreativität und Dialektik siehe Themenfelder 1, 2 , 3 . (Einfach ein paar Handspannen zurückrollen.)

Zu Ingenieur-Ethik und Technikfolgen- Abschätzung siehe Themenfeld 2 : ^ 2 .

 

 

6. Themenfeld Kybernetik für Philosophie

In Verbindung mit Philosophie - Dialektik – Gesellschaft, gebend und nehmend. Siehe Themenfelder 1, 2, 3, 4 . (Falls erwünscht, einfach ein paar Handspannen zurückrollen.)

Zu Kybernetik siehe z.B. „Wörterbuch der Kybernetik“, herausgegeben von Georg Klaus und Heinz Liebscher seit 1967 bis 1992.

Zum Publikationsfeld 6 : ^^ 6

 

 

7. Themenfeld

Bildungspolitik - im Dienste der Persönlichkeit?

Bildung ist mehr, als zu lernen, Computer-Fan oder flotter Manager oder Berufsausübender zu werden. Bildung befähigt, über individuelle Tellerränder (von der menschlichen Gesellschaft entfremdet) hinauszublicken und als Individuum mit Natur und menschlicher Gattung auf unsrem Planeten vermittelt zu sein. Durch Bildung entsteht

Reichtum der Persönlichkeit.

Interessantes Leben. Kostenlose Zugabe: In Freizeit und Alter keine Langeweile. Die globalen Probleme gewaltfrei zu lösen – anders geht es nicht – verlangt gebildete Bürger.

Im Bundesland Brandenburg ist das in der Verfassung und im Schulgesetz § 4 recht gut verankert. Aber die gegenwärtige Bildungspolitik will davon nichts wissen. Sie versucht, die zu bildenden Kinder als Versatzstücke zu gescheiterter Finanzpolitik (Milliarden verspekuliert ! ) zu missbrauchen. Sie will Schulen schließen und immer mehr Kinder in den Klassenzimmern größerer Orte konzentrieren. Dabei jammern Politiker, es seien nicht mehr genug Kinder da. Warum kann man denn nicht akzeptieren, dass dann eben weniger Kinder im Klassenzimmer sitzen? Es wird doch dadurch überhaupt nicht teurer. Fürchten Politiker den gebildeten Bürger, der ihnen demokratisch, rechtsstaatlich und gewaltfrei Qualität abfordern könnte? Der ihnen geistig überlegen ist?

Zur Bildung gehören Wissen, Denkfähigkeiten (logische und dialektische/heuristische) sowie Werte:

Wissen ja, doch muss dem Wissen die Denkfähigkeit ebenbürtig werden. „Vielwisserei bringt noch keinen Verstand.“ (Herakleitos von Ephesos) Siehe Themenfelder 1 , 2, 3, 4 , 6 , 8 .

John F. Kennedy:

"Es gibt auf Dauer nur eines, das teurer ist als Bildung - keine Bildung"

Zu "Werte" siehe Themenfelder ^ 2 , ^ 5 und Publikationsfelder ^^ 2 und ^^ 5.

Zur aktuellen Bildungspolitik und zu „Schülerstreik für Schul-Bewahrung“ sowie zu „Das vergessene Volk – Mein Praktikum in Landespolitik: Publikationsfeld 7 ^^ 7 Beachte auch ^^7a .

 

 

8. Themenfeld

Seit 2002 in Entwicklung.

"Wachstum sichert keine Arbeitsplätze. Rationalisierung: Chance zu allgemeiner Senkung der Arbeitszeit! Kompensation zwischen Jobbenden und Erwerbslosen! Solidarität! Arbeit und Freizeit für alle, zum Menschsein, für Bürgerdemokratie! Die Verflechtung mit Bildung und gesellschaftlicher Alternative. Fangt endlich an mit Politik!"

Text siehe Publikationsfeld 8 ^^ 8

 

 

9. Themenfeld

Begonnen 2004: Entwicklung im Verhältnis "Kirche, Christen, Freidenker" während der letzten Jahrzehnte. Immer dringender wird es, dass traditionell orientierte Linke lernen, Wandlungen in christlich geprägten Populationen zu erkennen. Text in Publikationsfeld 9 (Klick hier möglich: ^^ 9 Klicken mit gedrückter strg-Taste) .

Aus dem Vorwort des Herausgebers von der Evangelischen Kirche: "Der Beitrag des habilitierten Philosophen Rainer Thiel fällt etwas aus dem Rahmen: Er ist sehr persönlich gehalten und erzählt aus dem Leben und Denken eines Mannes, der in seiner DDR-Biographie zahlreiche Brüche erlebte und auch im wiedervereinigten Deutschland eher ´Politik von unten` betreibt. Kurzweilig ist der Text, ....... "

Text siehe Publikationsfeld 9 ^^ 9

 

Weitere Themenfelder definiere ich hier nicht. Aber es gibt Publikationen von mir auch außerhalb der hier definierten 9 Themenfelder. Deshalb gibt es auf dieser website ein

Publikationsfeld 10 "Verschiedenes" ^^ 10

Ferner Publikationsfeld 11 „Offene Wünsche“

sowie am Ende der website Publikationsfeld 12 „Biographisches und Geschichtliches" ^^ 12

Zurück zum Anfang

 

 

 

C) Publikationsfelder 1 bis 12

Danach - am Ende - Feld 12 "Biographisches".

 

Publikationsfeld 1 (Dialektik)

Schon in Themenfeld 1 mit seiner Schlüsselfunktion erfolgten Zuweisungen zu den Themenfeldern 2 bis 6. Dort sind auch viele Suchbegriffe zu den Publikationsfeldern 2 bis 6 enthalten. Mit diesen werden die Stichworte von Themenfeld 1 konkretisiert. Zurück zu Themenfeld 1 : ^ 1

 

Publikationsfeld 2 (Problemlösen)

Rücksprung zu Themenfeld 2 : ^ 2

Rücksprung zu Themenfeld 1 : ^ 1

Rainer Thiel: Methodologie und Schöpfertum

Forschungsbericht 1977 Institut für Hochschulbildung, Berlin, 160 Seiten

dazu Kolloquium. Schriftfassungen aller Beiträge, 170 Seiten.

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Die folgenden fünf Titel * * * * * entstanden in Zusammenarbeit von

Dr. Ing. Hans- Jochen Rindfleisch (Verdienter Erfinder, vielfacher Patentinhaber, Entwicklungsingenieur, nach 1990 Unternehmer, 1991 - 95 Mitglied des Kuratoriums von DABEI)

und

Dr. phil. habil. Rainer Thiel

 

* Dialektische Widersprüche in der technischen Entwicklung, das Verhalten des Ingenieurs und die Methode des Herausarbeitens von Erfindungsaufgaben.

Bauakademie der DDR, 1985, 88 Seiten.

(das darin enthaltene Programm zum Herausarbeiten von Erfindungsaufgaben und Lösungsansätzen wurde 1989 durch eine weiterentwickelte Fassung ersetzt.)

 

* Erfindungsmethodische Arbeitsmittel

A) Programm „Herausarbeiten von Erfindungsaufgaben und Lösungsansätzen“ (ProHEAL)

B) Erfindungsmethodische Arbeitsblätter

Berlin 1989. Edition des Ingenieurverbandes KDT. 96 Seiten

 

* Erfindungsmethodische Grundlagen

Die Methode des Herausarbeitens von Erfindungsaufgaben und Lösungsansätzen.

(Für Trainer/Moderatoren von Erfinderschulen und Fortgeschrittene, sog. Trainer-Material)

Berlin 1988. Edition des Ingenieur-Verbandes KDT. 125 Seiten.

 

* Entwicklung, Konzept und Ergebnisse von Erfinderschulen

in "Erfahrungen mit Erfinderschulen - Ein aktueller Bericht für das ganze Deutschland, seine Unternehmer, Ingenieure und Erfinder".

DABEI-Materialien 9, Berlin/Bonn 1993. In diesem Sammelband (298 Seiten) der grundlegendeTeil (82 Seiten). Vertrieb durch DABEI: e-mail mheister@t-online.de Tel. 0228 311071

 

* Erfinderschulen in der DDR

Eine Initiative zur Erschließung von technisch-ökonomischen Kreativitätspotentialen,

Publikation gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft.

Darin auch 50 Literaturangaben. (Darunter 15 Titel von R. Thiel ab 1976)

Berlin 1994. 127 Seiten. ISBN 3-930412-23-3 . Restbestände bei R. Thiel

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R. Thiel: Komplexitätsbewältigung - Dialektikbewältigung, theoretisch und praktisch.

In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 38 (1990) 5

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Vorstehende Arbeiten in Publikationsfeld 2 sind beeinflusst durch Erkenntnisse, die auf Arbeiten der Publikationsfelder 1, 3, 4, 5, 6 beruhen.

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Widerspruchsorientierte Innovationsstrategie WOIS

von Prof. Dr. Ing. Hansjürgen Linde, FH Coburg, (Prof. für Konstruktionswissenschaft, Entwicklungsingenieur, Verdienter Erfinder, vielfacher Patentinhaber, Unternehmensberater),

besonders

- Dissertation Linde, TU Dresden 1988

- Linde / Hill : Erfolgreich erfinden

ISBN 3-87807-174-4 Hoppenstedt Technik Tabellen Verlag Darmstadt 1993

- WOIS-Symposium 99 : “The Hidden Pattern of Innovation”,

herausgegeben von Hansjürgen Linde ( linde@fhcoburg.de)

 

Zur Anerkennung des Prinzips widerspruchszentrierter Ingenieur-Arbeit siehe Prof. Dr. Ing. Werner Heinrich: Kreatives Problemlösen in der Konstruktion. In Konstruktion 44 (1992) 57-63

 

Die Autoren von ProHeAL und WOIS empfingen wichtige Anregungen durch G.S. Altschuller, besonders aus dessen Arbeiten in den sechziger Jahren, deutschsprachig ab 1973. Sie sehen ihre Ergebnisse als Weiterentwicklung von Altschullers Arbeiten. Das betrifft besonders die Beziehungen zur realen Industrie, die Rolle widerspruchszentrierter Problemstellungen und die Exaktheit von Begriffsbildungen.

Ausgewählte Titel von Genrich Saulowitsch Altschuller:

Erfinden (k)ein Problem? Deutsche Fassung von K. Willimczik, Berlin 1973

Erfinden. Wege zur Lösung technischer Probleme.

VEB Verlag Technik, Berlin 1984, zweite Auflage 1986, 192 Seiten. Deutschsprachige Fassung: Katrin und Rainer Thiel. Herausgegeben von R. Thiel. 3. unveränderte Auflage 1998, ergänzt um weitere Vorworte, ISBN 3-00-002700-9 , herausgegeben von Prof. Dr. Martin G. Möhrle, BTU Cottbus, Postfach 101344, 03013 Cottbus.

Der russische Original-Titel war "Teorija reshenii izobretatelskich zadatsch" - "Theorie der Lösung technischer Probleme" - TRIZ . Unter diesem Logo sind nach 1990 von Schülern Altschullers mehrere Editionen und eine breite Population von Interessenten hervorgebracht worden.

Beachte

Dietmar Zobel: Erfinderfibel - Systematisches Erfinden. Berlin 1985

Dietmar Zobel: Erfinderpraxis - Ideenvielfalt durch systematisches Erfinden.

Berlin 1991. Gekürzte Fassung 1997 bei DABEI, Bonn, e-mail: mheister@t-online.de

Dietmar Zobel: Systematisches Erfinden. Expert verlag 2000, ISBN 3-8169-1959-6

Dr. rer.nat. habil. Zobel, Verdienter Erfinder, vielfacher Patentinhaber, war Leiter der Fabrik für Phosphor und Phosphorprodukte im VEB Kombinat Agrochemie und betreibt seit 1993 ein Ingenieurbüro.

R. Thiel:

"Erfinderschulen der DDR - Silbernes fürs ganze Deutschland"

in: "DDR - unauslöschbar" , Sammelband GNN-Verlag 2008, herausgeg. von Horst Jäkel ISBN 978 - 3 - 89819 - 283 - 5

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Zurück zum Anfang von Publikationsfeld 2 ^^ 2 , zu Themenfeld 2 : ^ 2

Rücksprung zur Liste der Themenfelder: ^ 1

 

 

Publikationsfeld 3

3a, 3 b und 3 c

Bisher in Buchform verfügbar:

3 a "Marx und Moritz" - Unbekannter Marx - Quer zum Ismus" (1998)

3 b „Allmählichkeit der Revolution“ (erschienen 2000) (siehe Publikationsfeld 3 b)

3 c "Allmähliche Revolution - Tabu der Linken - zwei Arten Abstand vom Volk...." (erschienen 2009)

Falls Rücksprung zu Themenfeld 3 erwünscht: ##3

Publikationsfeld 3 a: 1998 und 1999 erschien von R. Thiel - bisher durch linke Medien verschwiegen - das dokumentierende, erläuternde, partiell auch heiter-satirische Büchlein

 

 

Titelgraphik von Roland Beier und Harald Kretzschmar

16 Essays zur Präsentation marxscher Texte aus dem Riesen-Fundus des Unbekannten,

zu den Hintergründen denkbarer Zukunft, mit Episoden erlebter Geschichte, nach jahrzehntelanger Beobachtung entstellender Marx-Reduktion durch sog. Marxisten. Eigene Querdenker-Erlebnisse mit dem Charakter von Fallstudien.

 

Inhaltsverzeichnis:

Zur Sache und zum Autor. Gedanken zu Verantwortung

1. "MEHR HATTE ICH NICHT RISKIERT" (Wie groß war das Risiko in der DDR? für Querdenker? Es gab doch Spielräume!)

2. Geschlagne Truppen lernen gut ? ? ?

3. Ich hab's probiert. Ich such Gefährten

3.1 Dialektik für Industrielle - Schöpfer-Lust und Professoren-Schreck

3.2 Ingenieur-Projekte für Arbeitsplätze. Demokratie am Arbeitsplatz

3.3 "Daß Menschen nicht in Massen noch vor den Bäumen untergehn".

3.4 Des Kanzlers Wort - was für ein Hohn

4. Der Nicht-Proleten Diktatur. Ich raubte mir das Wort

5. Tränen für Honecker

6. Zwei Zentren sind in Marxens Werk. Wer kennt beide?

7. Marx und Muße. Marx und Goethe. Marx als Muse

8. Wer hebt die Entfremdung auf?

1. Arbeiter? Bürger?

2. Die Arbeit? Ja und nein

3. Reichtum ist ganz anders. Marx über Reichtum

9. Entfremdung pfeift aus allen Medien. Marx über das Öffentliche

10. Die "Verhältnisse " - Moritz mit Peachum kontra Marx

11. Rosa Luxemburg-Schmähung in Sozialistischer Tageszeitung

12. Das Marx-Defizit der SED und Folgen für die PDS

13. Marx zur Form des Volkseigentums und ein Staatsstreich Honeckers vermittels Marx-Fälschung

1. Staatsstreich

2. Wir glaubten, Marx hätte alles geklärt. Und hatten ihn nicht gelesen

3. Vorschläge von Wolfgang Harich, die Arbeiter betreffend

4. Marx und Engels über die Form des produktiven Volkseigentums

5. Zur Frage des Staates. Marx und die Anarchisten

6. Honecker für Selbstherrschaft und Konspiration, für Bakunin, gegen Marx

7. Hätten Marx und Engels spekulieren sollen?

14. Also hat Marx gesagt: in der Gesellschaft keine Voraussagen

15. Zwei Netzwerke nach Marx

1. Der Teufelskreis "Produktionsmittel-Privateigentum und Entfremdung"

2. Entfremdungshemmer

3. Koinzidenz von Interessen - ein Netzwerk konvergierender Interessen

16. Marx und die Kinder (darin auch Marx zur ökologischen Dimension)

Beilage: Ausgewählte Korrespondenz (Betrifft: Ab 1992 durch linke Medien beschnittene Auseinandersetzung mit SED-Geschichte)

Aus einer Info des Verlages

Thiel präsentiert ausgiebig Marx und zeigt mit Marx-Worten als Beleg: Marx ist anders, als man sich vorstellt. Marx wird von Thiel mit Lust zitiert; Thiel ist bestrebt, dem Leser Vergnügen zu bereiten.

Die Überschriften der Kapitel zeigen an, was der Leser - vorm Hintergrund jüngster Geschichte und mit Autoren-Abenteuern im Kontext, im Spannungsfeld zwischen Marx und Marxisten - erwarten kann. Thiel ist hier an akademischer Struktur nicht interessiert. Allerdings sind in den Essays Begriffe hintergründig präsent wie "Verantwortung des Individuums", "Persönlichkeit", "Individuum und menschliche Gattung", "Demokratie", "Offenheit und Unvorhersagbarkeit der Geschichte", "Dialektik", "Arbeit und Muße", "Reduzierung der Arbeitszeit", "Kreativität", "Freizeit", "Demokratie im Unternehmen", "Um-Funktionieren des Eigentums an Produktionsmitteln", "Bewahrung der Bio-Welt", "Vertrag der Generationen in ökologischer Dimension". Auch ist präsent in jedem der Essays - in andrer Farbe jeweils - das Netz der Begriffe des Marx-Werkes, das im Rahmen des gewohnten sog. Marxismus kaum findbar ist.

Vom Autor wird auch dokumentiert, wie sich linke Blätter und Funktionsträger der Analyse von Geschichte verweigern, sobald ihre Eigenverantwortung berührt wird.

Sensibilisiert durch Marx bemerkte Thiel unter anderem – beim Lesen unterdrückter Konzepte Wolfgang Harichs und ihnen entgegengesetzter Honecker-Einlassungen - was den damaligen Zeitgenossen entgangen ist, genauso entgangen ist wie ab 1990 den Autoren und Lesern von Enthüllungsliteratur: Honecker hat im Januar 1957 - einem Staatsstreich gleichkommend - die Partei-Kontroll-Kommissionen der SED zu seinem Rutenbündel gemacht, persönliche Macht expandierend, um die Basisorganisationen der herrschenden Partei langfristig und eigenhändig an die kurze Leine zu nehmen und Harichs präzise Überlegungen zur Entwicklung der Arbeiter-Demokratie in den Betrieben sofort und gründlich niederzuschlagen. Harich hatte - wie Marx und Rosa Luxemburg - Motivation, Selbstbestimmung und Sozialismus als Einheit gesehen. Honecker hat - wie Thiel unschwer belegen konnte - die Marx/Engels-Position zum Arbeiter-Staat gefälscht; Honecker hat vorm Zentralkomitee der SED den Marx-Namen lügend missbraucht als Werkzeug persönlicher Machtergreifung.

Thiel zeigt: Nicht Marx ist gescheitert, aber Mangel an Marx-Kenntnis ist den Linken zum Verhängnis geworden. Marx bedenkend werde man verstehen, warum gewisse Gesellschaften untergegangen sind, warum Übriggebliebne sich immer noch reproduzieren und dass sie dennoch - ihre Gesetze bis ins Extrem praktizierend - sich allmählich untergraben, also allmählich invertierbar sind. Zugleich wird von Thiel belegt, daß Marx und Engels sich geweigert haben, ein widerspruchsfreies Zeitalter vorauszusagen.

Also:

"Marx und Moritz - Unbekannter Marx - Quer zum Ismus "

171 Seiten und Titelgraphik.

bestellbar bei trafo verlag , Finken str. 8, 12621 Berlin, Tel. 030 5670 1939, FAX 1949, e-mail trafoberlin@t-online.de

und in Buchhandlungen, in jedem Falle unter ISBN 3-89626-153-3.

Ein Rezensent behauptete, das Buch sei mit Bitterkeit geschrieben worden. So viele Marx-Dokumente, und das soll bitter sein? So viele Erlebnisse, die mit Heiterkeit erzählt sind? Anektoden, konzentrierte Texte. Dem Rezensenten sagte ich: Hättest Du wenigstens seit 1989 Bitterkeit empfunden über Euren Beitrag zum Untergang der DDR. Heute jammert ihr. Einer seiner Kollegen schrieb, Thiel hätte Rundum-Schläge ausgeteilt. Fühlte er sich durch meine Erlebnisse erschlagen? Etwa gar durch Marx? Ein paar Schläge sind allerdings vergeben worden. An wem wohl?

Anmerkung zu Thiel 1998: Verantwortung steht höher als Hoffnung: Und wenn ich wüßte, daß morgen die Welt untergeht, so würde ich heute noch einen Baum Pflanzen. (frei nach M. Luther.) Kurzgefaßte Typologie von "Hoffnung" siehe Siegfried Wollgast in Die Aufklärung in der geistigen Auseinandersetzung unserer Tage, S. 76 ff., Leipzig 2000, ISBN 3-89819-037-4.

 

Falls Rücksprung nach Anfang von 3 erwünscht: ^^ 3

 

 

 

3 b (noch zu Publikationsfeld 3. Beachte auch 3 c) :

 

Im Juli 2000 erschien

 

Rainer Thiel

Die Allmählichkeit der Revolution

Blick in sieben Wissenschaften

 

 

Titelgraphik von M. C. Escher. In der Reihe "Selbstorganisation sozialer Prozesse" herausgegeben von Herbert Hörz

LIT Verlag Münster Hamburg London, 337 Seiten. Restbestände beim Autor

 

 

Zum Inhalt:

Landauf landab glaubt man an Gegensatz zwischen Evolution und Revolution. Revolution sei das Plötzliche, Evolution das Allmähliche. Hier aber wird gezeigt: Das Umschlagen quantitativer Veränderungen in qualitative hat mit "Plötzlichkeit" überhaupt nichts zu tun, wohl aber mit Nichtlinearität in allem Wandel, die man gern ignoriert, weil der lange Atem fehlt, vor raschem Handeln auch zu prüfen: Geht es denn wirklich schnurstracks gradeaus? Linear wie am Lineal? Die klassische Frage "Evolution oder Revolution" erweist sich als Scheinfrage und die Bindung von „Revolution“ an Plötzlichkeit als tragischer Irrtum, der grimmigste politische Kämpfe des 20. Jahrhunderts angeheizt hat: Die halblinke Partei versuchte, rasches Geschehen zu verhindern, die ganz linke Partei erhob - wenn das Plötzliche missriet - den Vorwurf, die Halblinken seien schuld. Das Verhältnis von Evolution und Revolution haben beide verkannt. Das hat ihnen Kraft und Durchblick geraubt, gemeinsam den Tod von Millionen Menschen in Weltkriegen und Lagern zu verhindern.

„Revolution“ im landläufigen Sinn scheint Reformen auszuschließen. Doch da ist zu unterscheiden: Bis jetzt überwiegen Reformen, welche die bestehenden Verhältnisse im Sinne der Herrschenden an die Umstände anpassen oder die Lage der Beherrschten noch prekärer machen. Beispiel: Schröders Agenda 2010, Reform als Mittel zur Reproduktion oder zur Verschärfung bestehender Herrschafts-Verhältnisse. Denkbar sind aber auch Reformen, mit denen Unterdrückte ihre Spielräume erweitern, wodurch sich ihre qualitativen Eigenschaften wandeln. Gegenwärtig vor allem in Lateinamerika. Denkbar sind auch Gegen-Reformen wie im Frühjahr 2006 in Frankreich, die sich als Vorwärts-Reformen erweisen können: Die Offensive der Herrschenden, die Jugend noch fester in den Griff zu nehmen, wurde durch millionenfache Proteste gestoppt. Indem Millionen Bürger den Aufrechten Gang übten, dürften sie – die bisher uneingeschränkt Beherrschten - beträchtlich an Selbstbewusstsein und Aktionsfähigkeit gewonnen haben. Der Kapitalismus ist nicht mehr derselbe wie zuvor. Diese Gegenreform als Vorwärtsreform hat aller Wahrscheinlichkeit nach die Machtverhältnisse zugunsten der bislang Eigentumslosen gewandelt. Jede graduelle Wandlung ist zugleich auch qualitativ.

Trotz mancher Abschwächungen gegensätzlicher Denk-Extreme bricht aber auch heute noch die traditionelle Frage durch: „Kapitalismus reformieren statt abschaffen?“ Die Frage so zu stellen war von Anfang an falsch. In „Die Allmählichkeit der Revolution“ wird gezeigt, dass dieses Frage-Muster auf falschen philosophischen Annahmen beruht, die zudem verbreitet wurden durch missverständliche oder schlicht falsche Auslegungen des Werkes von Marx und Engels. Die Hartnäckigkeit der tradierten Muster gründet sich zugleich auch darauf, dass beträchtliche Teile der Linken, vor allem in Deutschland, aus ihren internen Zirkeln und Versammlungen nicht herauskommen.

Das vorgelegte Buch „Die Allmählichkeit der Revolution – Blick in sieben Wissenschaften“ beginnt mit Berichten über Recherchen im Sprichwortschatz des deutschen Volkes und mit Deutungen von überraschenden Bildern des holländischen Graphikers M.C. Escher. In insgesamt zwölf Kapiteln des Buches werden Verlaufs-Formen von Prozessen in Natur, Gesellschaft und Denken in Beziehung gesehen zu dem berühmten universellen Gesetz vom Umschlagen quantitativer Veränderungen in qualitative. Es wird hinterfragt und gezeigt, was „Umschlagen“ heißt. In vier Kapiteln werden Werke von Hegel, Marx und Engels vorgeführt und kommentiert. Einfache Modelle und Einblendungen aus der mathematischen Chaos-Theorie, Blicke in die Physik der Phasen-Übergänge, in die biologische Evolutionslehre und in die Methodik des Erfindens ergänzen die Vorführung. So gewinnt man Anregungen, Alltag, Geschichte und Zukunfts-Potentiale neu zu bedenken.

Quantität und Qualität, Quantum und Quale: Deren Dialektik hat Hegel erforscht. Der große Denker reklamierte unterm Namen "Potenzenverhältnis" die Nichtlinearität für die Philosophie und eilte der mathematischen sog. Chaos-Theorie (die eine Dialektik-Theorie ist) voraus. Hegel sprach zur Sache, aber nicht von Plötzlichkeit. (Nur ein Mal widersprach er sich selbst. Ausgerechnet der eine falsche Satz wurde kolportiert.) Marx schuf die Theorie der Kapital-Entstehung, indem er Nichtlinearität und qualitatives Umschlagen quantitativer Veränderungen in qualitative miteinander verband. Das war sein Muster für Quale-Umschlagen. Nichts von Plötzlichkeit. Scharf voneinander abgegrenzte Schubfächer gibt es nur zu Zwecken der Verwaltung.

Galilei, Hegel, Marx und Engels verstanden das Umschlagen quantitativer Veränderungen in qualitative als fremd zu "Plötzlichkeit". Im 9. und im 11. Kapitel besonders delikate Überraschungen: Dort wird zum Beispiel dokumentiert, dass der Sinn des Marx-Wortes von den "Lokomotiven der Weltgeschichte" - entrissen allem Kontext durch „Marxisten“ - um ca. neunzig Grad gedreht worden ist, quer zu Marx.

Fürsprecher von Plötzlichkeit, denen die Geschichte das Erbe von Hegel und Marx anvertraut hatte, haben schlecht gelesen. Das war einer ihrer Beiträge, Chancen zu verspielen zu qualitativer Umwälzung von Kapitalismus in Sozialismus und die Deutsche Demokratische Republik zu unterminieren. Selbst noch im Jahre 2002 konnte ich erleben: Kurz vor einem meiner Vorträge sprach ich mit einem Professor für „marxistisch-leninistische Philosophie“. Vorab trug ich ihm Thesen aus meinem Vortrag vor. Da wollte der Prof mir an die Gurgel. Dabei hatte ich mich auf einige der bekanntesten Werke von Marx und Engels bezogen und diese auch ausdrücklich genannt. (Sie sind enthalten in MEW Bände 14, 20, 23) Während meines nachfolgenden Vortrags, an dessen Ende ich zunehmend Marx zitierte, sah ich, wie des Professors Mundwinkel herabsackten. In der nachfolgenden Diskussion sagte er kein Wort dazu, von Reue ganz zu schweigen. Er meinte ausweichend nur: „Auch Marx war ein Mensch.“ Deshalb bleibt:

Präzises Lesen macht Spaß. Es nützt der Gemeinde. Für Katecheten ist es unbequem. Aber es hält jung.

Nun "Die Allmählichkeit der Revolution - Blick in sieben Wissenschaften",

aus dem Inhaltsverzeichnis :

1. Fünf Escher-Bilder und die Allmählichkeit des Gegensatz-Umschlagens.

Das Bild "Befreiung": Vom Erdenkloß zum Vogelflug. Das Bild "Luft und Wasser": FELD-Effekt statt Effekt-PUNKT. Das Bild "Belvedere": Feld-Geschehen und Verdichtung. Das Bild "Wasserfall": Technik-Witz und Witze-Technik. Das Bild "Treppauf, treppab" - antiparallel, Aufstieg und Tod gleichzeitig und allmählich. Escher-Bilder und die Methodik des Witzes. Ein Rest von Plötzlichkeit liegt im Gewahrwerden.

2. In Sprichworten gesammelt - Erfahrungen des Quale-Umschlagens.

Sprichworte zu Standard-Situationen. "Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage" - und umgekehrt. Maßhalten und Maßüberschreiten. Demokrit und Hiob als Zeugen. Modell hilft, Allmählichkeit zu spüren. "Viele Borsten machen Bürste." Nichtlinearität im Sprichwort. Umschlagen ins Gegenteil, auch Suizid.

3. Einfachste Modelle.

Wo beginnt der Haufen? Der Haufen - ein Automat. Der Wald. Die Stadt. Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile. Nichtlinearität. Komponenten des Quale-Umschlagens. Der kriechende Sprung. Allmähliches Umschlagen - Beispiele.

4. Quale-Umschlagen in der Biowelt.

Wandel der Größe von Körper und Organen, Proportionsverschiebung als Folge des Größen-Wandels. Sprecher: Galileo Galilei und der Phylogenetiker: B. Rensch. Organ-Neubildungen. Nichtlinearität in der Biowelt.

5. Wasser, Eis und Dampf im Wandel.

Physiker zum Küchengeschehen, zu Gletschern und Wolken. Nichtlinearität beim Phasenübergang. Plötzlich/allmählich oder stabil/instabil ? Unsitte, außerhalb der Quantenphysik von Quantensprung zu sprechen.

6. Das Sprungmuster des J. W. Stalin.

Stalins Grundmuster. Stalins Versuch, sein Muster suggestiv zu machen. Stalins pragmatisch relativiertes Grundmuster. Schwierigkeit, von Stalins Grundmuster wegzukommen. Am weitesten voran war einst: Georg Klaus. Wird heute immer noch gestalint? Schlüssel zum Verständnis von Denkschwierigkeiten vieler Linker. (Davon geht aber keine Gefahr für das Grundgesetz aus. Vielmehr berauben sich viele Linke selber ihrer Wirkungsmöglichkeiten im Rahmen des Grundgesetzes, (das freilich novellierbar ist.))

7. Das Wort "Q U A L I T Ä T". Hegel als Begründer der Kultur seines Gebrauchs.

Der Alltagsgebrauch dieser Buchstaben hat nichts mit dem philosophischen Begriff zu tun. Aber die Verwechslungen können schlimme Folgen haben.

8. Dialektik von Qualität und Quantität, von Quantum und Quale gemäß Hegel.

WIE HEGEL DIE BEGRIFFE ENTWICKELT. Hegel schuf einen Entwicklungsroman gegensätzlicher Begriffe. Hegels Figuren treibens bis zum Äußersten - wie Faust und Don Giovanni. VON QUALITÄT ZU QUANTITÄT. Hegel beginnt mit einer Persiflage der Philosophie: Vom SEIN = NICHTS zum WERDEN. Erster Auftritt der Figur Qualität. Vom Fürsichsein zur Abstoßung und zur Quantität. ANKUNFT BEI QUANTITÄT UND ÜBERGEHEN VON QUANTITÄT IN QUALITÄT. Ankommen in der Gleichgültigkeit, dem Anfang der Quantität. Der naive Zahlbegriff. Unendliches in den Einsen, Unendliches in jeder Zahl. Krumme Linien. Potenzenverhältnisse – Nichtlinearität. Die Kategorien Quantität und Qualität als identisch. ÜBERGEHEN VON QUANTUM IN QUALE. DAS UMSCHLAGEN QUANTITATIVER VERÄNDERUNGEN IN QUALITATIVE. Der Gegensatz von Qualität und Quantität, von Quale und Quantum - in der Identität bewahrt. QUANTUM wandelt QUALE. Das MASS. Allmählichkeit als Täuschungsgrund. Hegels Entdeckung der Nichtlinearität als Weltgesetz. Das Maß als Verhältnis zweier Maße und ein Exkurs ins Erfindermilieu. Das Maß als Serie und als Knotenlinie von Maßverhältnissen. Die Knoten als Doppelgipfel? Irreführende Verknüpfung. PLÖTZLICHKEIT DES UMSCHLAGENS - GERUPFTE DIALEKTIK. Hegels handling einer Abstraktion. Jeder Größenwandel Quale-Wandel? Holt Hegel Kants Ding an sich wieder herbei, das er zurecht verworfen hat? Entwicklungswidersprüche im Reich des Quale "Zahl". Vom Punkt des Irrtums zum Prozeß des Umschlagens.

9. Marx / Engels: Allmählichkeit des Quale-Umschlagens im Blickwinkel "UNIVER-SELLE DIALEKTIK".

Kapitalismus - Prozeß, kein Granit. Die Übergänge sind fließend. Grenzlinien nur dekretiert. Marx und Engels erkennen Typen des funktionellen Zusammenhangs "Qualität von Quantität". Modell von Marx und Engels: "Reiterverbände der Art 'Napoleon'". Alle Typen der Kategorie "Reiterverband": Quale-Umschlagen allmählich. KAPITAL aus NICHTkapital - Das QUANTUM der mannschaftlich Arbeitenden. Mittelbare und unmittelbare Funktion wachsender Mannschaftsstärke. Allmählichkeit des Umschlagens vom Unten ins Oben. Quale-Umschlagen, Nichtlinearität und Teil/Ganzes-Beziehung: identisch oder synonym? Nichtlinearität als Entfalten und Verlöschen von Prozessen. Benennen der Bezugsebenen - auf welcher Ebene schlägt was um? Dialektik pur in einem Lehrstück für Kinder von Bertold Brecht.

10. Quale-Umschlagen im Lichte der Chaos- Theorie.

Die nichtlineare Form. Nichtlinearität bei taktweiser Rückkopplung. Der quadratische Iterator. Zum Feigenbaum-Diagramm. Zur Dialektik des quadratischen Iterators. Das Übergehen vom Ein-Zweigigen ins Zwei- und Viel-Zweigige. Vom Viel-Zweigigen ins gemustert Chaotische. Fünf Gestalten des Quale-Umschlagens und die Allmählichkeit.

11. Die Allmählichkeit der Revolution in der politischen Philosophie von Marx/Engels.

Revolution als Lokomotive? Auf dem Weg zu einem Begriff "Revolution". Kleinarbeit und Lebensgefahr. Revolution als Prozeß in historischer Ausdehnung. EREIGNIS als PROZESS. Die Langwierigkeit soz ialer Umwälzung. Was heißt "sprengen"? Woher die Langwierigkeit? Doppelcharakter der Umwälzung: Kontra Ausbeutung und gegen Entfremdung. Interesse an beständiger Allmählichkeit. Zeitschätzung. Extrapolations-Falle, NICHT-Linearität, Gefährdung der Allmählichkeit. Gewalt: Legenden und Geschichte. Gewalt bei der Umwandlung von Bauern in Proletarier. Was heißt "Gewalt" auf dem Weg zu gewaltfreier Gesellschaft? Gewalt als Entwicklungshemmer, zur Verhinderung von Allmählichkeit. Engels über Gewalt und Allmählichkeit vorm 1. Weltkrieg.

12. Die Allmählichkeit der Revolution.

Gewalt in unserer Demokratie. Sanfte Idee wird materielle Gewalt. Wer hundert Gramm nicht heben kann, will hundert Kilo stemmen? Blockieren Linke gern sich selber? Zur Debatte in der PDS. Marx und PDS-Programm-Thesen. Linke Kritiker. Drei Defizite der PDS-Thesen: Geschichte / Identität / Strategie ; Bildung / Freizeit / Kultur ; das Dilemma des Rechtsstaats – die Menschen wissen nichts mit dem Recht anzufangen. Etablierte Parteien können sich solche Defizite erlauben, Linke aber nicht. "Akteur gesellschaftlichen Wandels" - wer ist das?

Ausgewählte Rezension zu „Allmählichkeit der Revolution – Blick in sieben Wissenschaften“ von Rolf Löther in „Neues Deutschland“, 22.9.2000, unter dem Titel „Von der Chaostheorie zum PDS-Programm – Kommt der große Kladderadatsch?“ (Auszug auch in Der rote Hahn, Frankfurt/Oder Oktober 2000)

Anmerkung zu Thiel 2000: Zur Philosophie des Evolutionismus vgl. Herbert Hörz in Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät, Berlin 1999, ISBN 3-89626-208-4. Ferner e-mail woeltge@snafu.de

Seit 2002 liegt ein Text von mir bei „Neues Deutschland“ (Sozialistische Tageszeitung). Inhalt: Lenins Schwierigkeit, Hegels mathematisch inspirierte Dialektik des Quale-Umschlagens zu verstehen, und tragische Konsequenzen für die Weiterführung des großartigen Oktoberaufstands 1917 in Petrograd. Publikation nunmehr (Sommer 2006) in einem Sammelband der Deutschen Gesellschaft für Kybernetik.

Falls Rücksprung zum Anfang von Publikationsfeld 3 II erwünscht : ^^ 3 II

 

3 c Noch zu Publikationsfeld 3. Weiterentwicklung von 3 b

Im Dezember 2009 erschien im Kai Homilius Verlag

ISBN 9 7 8 - 3 - 8 9 7 0 6 - 6 5 7 - 1

Überarbeitete Fassung von "Die Allmählichkeit der Revolution - Blick in sieben Wissenschaften" (ed. 2000) Einige Kürzungen, einige Ergänzungen, leserfreundliche Textredaktion, durchwirkt mit Erfahrungen aus aktiver Arbeit in Bürgerinitiativen sowie mit zwangsläufig entstandener Tiefenbohrung ins Innere von Parteien. Zuspitzung auf die Lösung der Probleme, die die Linken haben, eine Strategie zu entwickeln und die Bürgerinnen und Bürger als gesellschaftliche Subjekte zu entdecken:

Rainer Thiel

Allmähliche Revolution -

Tabu der Linken

Zwei Arten Abstand von Politik:

Warten auf Wunder ....

Gebt eure Stimme bei uns ab

 

Wir wollen aber keine Untertanen bleiben. Wir wollen Aufrecht gehen! Im 12. Kapitel wird konzipiert, was sich daraus für die Linken ergibt.

Inhaltsverzeichnis

1. Populäre Redensarten und das QQ-Umschlagen – graduelle Wandlungen schlagen um in qualitative

2. Karl Marx, Maurits Escher, Josef Stalin

2.1 Karl Marx – Wandel geschieht fließend

2.2. Escher-Bilder und das QQ-Umschlagen bis zum Gegensatz

2.2.1 Eschers Graphik „Befreiung“

2.2.2 Eschers Graphik „Luft und Wasser"

2.2.3 Eschers Graphik „Belvedere“

2.2.4 Eschers Graphik „Wasserfall"

2.2.5 Eschers Graphik „Treppauf, treppab“ zu gleicher Zeit - antiparallel. Der Tod als allmählich

2.3 Stalin und was noch immer geglaubt wird - QQ-Umschlagen sei plötzlich

3. In Sprichworten gesammelt – Erfahrungen des Q/Q-Umschlagens

3.1 Sprichworte zu Standard-Situationen

3.2 Maßhalten und Maßüberschreiten. Nun im Modell

3.3 Modell hilft Allmählichkeit zu verstehen

3.4 „Viele Borsten machen eine Bürste.“ Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile. Nichtlinearität im Sprichwortschatz

3.5 Allmählichkeit und Plötzlichkeit

4. EINFACHSTE MODELLE

4.1 Wo beginnt der Haufen?

4.2 Der Haufen - ein Automat

4.3 Wald, Stadt, Heuhaufen - Nichtlinearität

4.4 Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile. Nichtlinearität

4.5 Komponenten des Quale-Umschlagens

4.6 Zugabe: Beispiele aus der Politik

5. Wasser, Eis und Dampf im Wandel

5.1 Was es alles gibt zwischen Himmel und Erde

5.2 Wie alles sich allmählich wandelt

6. Quale-Umschlagen in der Biowelt

6.1 Phylogenetiker schließen Ruckartigkeit der Entwicklung aus

6.2 Wandel der artspezifischen Größe von Körper und Organen

6.3 Wandel von Körperquantum und Quale. Berichterstatter: Galileo Galilei

6.4 Proportionsverschiebung als Folge des Größen-Wandels. Berichterstatter: der Phylogenetiker Bernhard Rensch

6.5 Wandel der Körpermaße und seine Wirkungen. Organ-Neubildungen

7. Allmählichkeit in der Psycho-Welt

8. Georg W. F. Hegel und die Revolution

8.1 Erste Eindrücke beim Lesen Hegels

8.2 Hegel zum Verhältnis quantitativer und qualitativer Bestimmungen. Abstrahieren ist wie Feuer

8.3 Hegel begreift mathematische Funktionen als qualitative Bestimmungen

8.4 Hegel hat das Weltprinzip der Nichtlinearität erkannt

8.5 Differenzierbare Funktionen und Permanenz des Quale-Umschlagens

8.6 Lenin, die Plötzlichkeit und die Mathematik bei Hegel

8.7 Hegel findet noch mehr als Nichtlinearität: Identität der Kategorien „Quantität“ und „Qualität“

8.8 Hegels Begriff des Maßes und die Nichtlinearität

8.9 Statt „Knotenlinie von Maßverhältnissen“ entdeckt Hegel den Ansatz zum Matrizen-Kalkül

8.10 Allmählichkeit

9. Marx/Engels: Allmählichkeit des Quale-Umschlagens im Blickwinkel „UNIVERSELLE DIALEKTIK“

9.1 Kapitalismus - Prozess, kein Granit, es sei denn mit Rissen

9.2 Die Übergänge fließen

9.3 Grenzlinien sind nur dekretiert

9.4 Von Marx und Engels zwei Modelle zum allmählichen Quale-Umschlagen durch Ganzheits-Effekt

9.4.1 Modell der Reiterverbände von Napoleon und Engels

9.4.2 Diskussion des Modells „Reiterverbände"

9.4.3 Alle Typen der Kategorie „Reiterverband": Quale-Umschlagen allmählich

9.4.4 KAPITAL aus NICHTkapital nach Marx - Das QUANTUM der Kooperierenden

9.4.5 Die Quantität der Kooperierenden und ihr Modell

9.4.6 Mittelbare und unmittelbare Funktion wachsender Mannschaftsstärke

9.4.7 Allmählichkeit des Umschlagens vom Unten ins Oben, von Sub in Super

9.4.8 Quale-Umschlagen, Nichtlinearität und Teil/Ganzes-Beziehung: identisch oder synonym?

9.5 Ein Marxist will mir an die Gurgel

9.6 Noch ein Modell von Engels

9.7 Wo schlägt was um? Benennen der Bezugsebenen.

10. Allmählichkeit der Revolution in der politischen Philosophie von Marx und Engels

10.1 Gewalt - Legenden und Geschichte

10.1.1 Gewalt und Plötzlichkeit/Allmählichkeit in der Geschichte

10.1.2 Gewalt bei der Klassenentstehung

10.1.3 Gewalt bei der Umwandlung von Bauern in Proletarier

10.1.4 Was heißt „Gewalt" auf dem Weg zu einer gewaltfreien Gesellschaft?

10.2 „Revolution" - Wandlung des Wortgebrauchs mit Gegensatzumschlag

10.2.1 Woher kommt das Wort „Revolution“?

10.2.2 Ein revolutionärer Streik im Jahre 2000

10.2.3 Ein revolutionärer Aufstand 1848

10.3 Auf dem Weg zu einem Begriff „Revolution"

10.4 Grundrisse sozialistischer Revolution

10.5 Napoleon für das Volk? Stattdessen Anregung zur Selbsthilfe

10.6 Kleinarbeit und Lebensgefahr – den Sinnen gefällige Einlage

10.7 Revolution als Lokomotive?

10.8 EREIGNIS als PROZESS. Doch Medien müssen Sensationen bieten

10.9 Langwierigkeit sozialer Umwälzung

10.10 Was heißt „sprengen"?

10.11 Woher die Langwierigkeit? Doppelcharakter der Umwälzung: Kontra Ausbeutung u n d Entfremdung

10.12 Warum kein Aufstand?

10.13 Interesse an Allmählichkeit

10.14 Gewalt, um allmähliche Revolution zu verhindern

11. Die Weltkriege des Kapitals im 20. Jahrhundert

11.1 Der erste Weltkrieg 1914/18

11.2 Kriegsende 1918. Rosa Luxemburg und die Gründung der Kommunistischen Partei

11.3 Wladimir Iljitsch Lenin: Sowjet-Macht für Frieden und Freiheit

11.4 Zur weiteren Entwicklung der Sowjetmacht

11.5 Der zweite Weltkrieg und sein Ende

11.6 Bilanz versuchen wäre gut

11.7 Schicksal oder Verantwortung?

12. Im einundzwanzigsten Jahrhundert: Allmählich rückwärts oder vorwärts?

12.1 Bitte nicht zurück hinter Lassalle

12.2 Am Brandenburger Tor gesprochen

12.3 Oskar hat verstanden

12.4 Die MLPD geht es praktisch an

12.5 Freie Heide

12.6 Was ich selber einzubringen habe

12.7 Was wird mit der Linkspartei? Zwei Arten Abstand von Politik?

12.8 Was ist mit linker Strategie?

 

Zurück zum Anfang von 3c :

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Publikationsfeld 4 Mathematik und Dialektik

Falls Rücksprung nach Themenfeld 4 erwünscht: ^ 4

Publikationen zumeist nach Bewertung durch Direktoren mathematischer Institute.

R. Thiel: Struktur und Prozess in der Mathematik.

In Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Berlin, 15 (1967) 12

 

Rainer Thiel

Quantität oder Begriff? Der heuristische Gebrauch mathematischer Begriffe

in Analyse und Prognose gesellschaftlicher Prozesse.

VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1967, 611 Seiten.

Das Manuskript zum Buch war als Thiels Habil-Arbeit von Herbert Hörz und Wolfgang Eichhorn I sowie von dem Mathematik-Professor Klaus Matthes positiv beurteilt worden. (Alle drei wurden bald Akademie-Mitglieder und Nationalpreis-Träger). Gleichwohl war es anderen, nämlich den Herren über die Literatur in den zentralen Instanzen der Philosophie, nicht erwünscht. Dass es dennoch erscheinen konnte, verdankt Thiel den Anstrengungen des Verlagsdirektors Gustl Beranek sowie den Chef-Lektoren der Bereiche Mathematik und Philosophie des Verlags.

Am Ende meiner Text-Arbeit - im Vorwort - konnte ich erklären, was jetzt kommen muss. Meine Frau Katrin, selbst berufstätig mit ca. 60 Wochenstunden, übernahm jetzt die Hälfte meiner Verpflichtungen in der Familie mit drei Kindern, denn ich war aus der Humboldt-Universität ausgeschieden worden und musste im Ministerium für Wissenschaft und Technik (dort Wirkung zugunsten der Kybernetik) und im Büro des Ministerrats berufliche Arbeit leisten.

Rainer Thiel

Mathematik - Sprache - Dialektik

Akademie-Verlag Berlin 1975, 302 Seiten

Aus dem Inhalt:

1. Dialektik von Quantität/Qualität und die Mathematik. Philosophische Begriffe durch Spezifizieren brauchbar machen! Mehr als vierundzwanzig verschiedne Bedeutungen der Wörter "Qualität" und "Quantität" im praktischen Sprachgebrauch. Aussonderung grob irreführender Bedeutungen. Materielle Gründe der Vielfalt von Wortbedeutungen. Dreizehn sinnvolle Bedeutungen von "Qualität" und elf Bedeutungen von "Quantität". Was Quantität ist, zeigt die Entwicklung der inneren Relationen in Qualia. Qualität im Reich der Zahlen. Nichtlinearität und Quale-Umschlagen. Schlagen auch die Begriffe "Quantität" und "Qualität" ineinander um?

2. Sprache und Denken. Vielfalt des Denkens - Vielfalt der Sprachen. Die Disziplinen der Mathematik in ihrer Eigenschaft als Sprachen. Sprache als Werkzeug - Mathematik als Werkzeug der Erkenntnis. Ist Bruchrechnung schon Mathematik? Dokumente zur Entdeckung des Werkzeugcharakters der Sprache durch Schöpfer von Sprachen und Sprachschöpfer. Position der Psychologie. Serialität und Komplexität der Wirklichkeit und der begrenzte Zugriff des umgangssprachlich gebundenen Denkens. G. E. Lessings Laokoon. Die Elemente des Werkzeugcharakters problemspezifischer Sprachen. Durchbrechen des Zeilenzwangs, Konzentration der Begriffsbildung auf Denk-Schwerpunkte, Suggestivität der Zeichengestaltung; Rechnen als äquivalentes Umformen, mathematische Sätze zur Rationalisierung des Umformens. Mathematik als unerlässlich zum Denken über Relationen, komplexe Systeme und Prozeß-Dynamik.

3. Die Verflechtungsbilanz (sog. Input-output-Analyse) als Beispiel.

4. Über eine problemspezifische Sprache zur Analyse von Konflikten und Widersprüchen. Ansatz zu einer Klassifikation dialektischer Widersprüche nach strukturellen Merkmalen.

5. Sprachen zur Dynamik von Prozessen. Modelle mit Differentialgleichungen.

Dass das Buch erscheinen konnte, ist einem Lektor des Akademie-Verlags zu danken, der das Manuskript mit List am Philosophie-Apparat vorbeigeschoben hat.

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Prof. Dr. rer.nat. Manfred Peschel (Leiter des Forschungsbereichs Mathematik/Kybernetik/Rechentechnik der Akademie der Wissenschaften), Dr. Rainer Thiel:

Warum Mathematik?

Problemspezifische Sprachen und das Denken

in: Wissenschaft und Fortschritt 10/1982. Herausgeber: Akademie der Wissenschaften der DDR.

Reprint 2003 in "Betrachtungen zur Systemtheorie", Gedenkband zum Leben und Schaffen von Prof. Manfred Peschel, ISBN 3-9808089-3-9

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Ferner

R. Thiel: Diverse Konferenz- und Zeitschriften-Beiträge 1962 - 1982.

R. Thiel: Dialectics and mathematics / systemtheory. In Proceedings of Fuzzy 96, FH Zittau.

Anmerkung: 1966 begann ich, meinen jugendlichen Glauben an Voraussagbarkeit gesellschaftlicher Prozesse in Frage zu stellen. Der Titel „Quantität oder Begriff?“ deutet das an. Herausgefordert wird zum „heuristischen Gebrauch mathematischer Begriffe“. 1967 im Vorwort zu „Quantität oder Begriff“ kündigte ich an, was ich 1975 unter dem Titel „Mathematik – Sprache – Dialektik“ ausführlich demonstrierte:

Mathematik als Fundus problemspezifischer Sprachen zu handlungsorientierendem, verantwortungsbewusstem Denken über Struktur und Dynamik jeglicher Prozesse.

In Thiel "Marx und Moritz", 1998 (siehe Publikationsfeld ^^ 3 I ) steht die Verantwortung für jegliches Handeln im Zentrum.

Anmerkung: Dialektik ist in der Mathematik latent; die mathematische Literatur bedarf diesbetreffend der Interpretation. Darum bemühe ich mich. Zunehmend offen zutage gebracht wird Dialektik in der Mathematik besonders in folgenden ausgewählten Arbeiten von Manfred Peschel (Professor für Mathematik):

Peschel: Ingenieurtechnische Entscheidungen – Modellbildung und Steuerung mit Hilfe der Polyoptimierung, Berlin, VEB Verlag Technik 1980

Peschel / Mende : Leben wir in einer Volterra-Welt? Akademie-Verlag Berlin 1983

Peschel / Gotzmann : Nichtlineare Dynamik in der Systemwissenschaft. Zittau 2001

Peschel in mehreren Beiträgen des Systemwissenschaftlichen Seminars an der TU Karl-Marx-Stadt bzw. Chemnitz, darunter in Arbeiten zur universellen Fraktalität .

Manfred Peschel ist 2002 nach langer Krankheit verstorben. Ein Gedenkband zum Leben und Schaffen von Prof. Manfred Peschel ist 2003 unter dem Titel "Betrachtungen zur Systemtheorie" erschienen. ISBN 3-9808089-3-9. Darin auch 2 Beiträge von R. Thiel und Reprint des obenerwähnten Titels von Peschel / Thiel

Zurück zu Themenfeld 4 : ^ 4 Zurück zu Anfang von Publikationsfeld 4 ^^ 4

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Publikationsfeld 5 (Relationen zur Ethik)

An die Stelle des Voraussage-Glaubens und des Fatalismus - der Schicksalsgläubigkeit - tritt die Verantwortung, die Kreativität, das alternative Handeln und der Wille zur De-Eskalation.

Siehe auch „Neugier – Liebe – Revolution. Mein Leben 1939 – 2010“ in Publikationsfeld 10.

Nicht-Voraus-Determiniertheit, Kreativität und Eskalation/Deeskalation – diese Themen gehören zur Dialektik.

Gehe zum Themenfeld 1 ^ 1 und von dort zu den Themenfeldern 2 bis 4. Dort auch Stichwörter, die ihrerseits Verweise auf die Felder 1 bis 4 meiner Publikationen sind.

Wesentlich Publikationsfeld 3 : ^^ 3

Als aktuelle Literatur beeindruckten mich:

- Hans Jonas:

Das Prinzip Verantwortung.

- Gesine Schwan:

Politik und Schuld. Die zerstörerische Macht des Schweigens

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Publikationsfeld 6 (Kybernetik für Philosophen u.a.)

Falls Rücksprung zu Themenfeld 6 erwünscht: ^ 6

R. Thiel:

Kybernetik - Philosophie - Gesellschaft

in Einheit, Juli 1961, Sonderbeilage. Vgl. dazu http://www.kybernetiknet.de/

 

R. Thiel:

Über die Existenz kybernetischer Systeme in der Gesellschaft

Publiziert unter dem Patronat von Georg Klaus in Deutsche Zeitschrift für Philosophie 1/1962

Bezüge auch in den Themen-Feldern 3 und 4 ( Klick ^ 3 bzw. ^ 4 ) sowie in den Publikationsfeldern ^^ 3 und ^^ 4 .

R. Thiel: Grundsatz-Referate auf zentralen Tagungen in Vertretung von Georg Klaus (1962 und 1967), populärwissenschaftliche Beiträge, Konferenzberichte und Mitteilungen über eigene Hypothesen. U.a. in Wirtschaftswissenschaft, in Deutsche Zeitschrift für Philosophie, in Einheit und in Tagungsberichten der Akademie der Wissenschaften, 1962-65 . Relevant sind auch oben die oben aufgeführten Themenfelder 1, 3 und besonders 4. Zum Anfang aller Themenfelder: ^ 1

R. Thiel in „Wirtschaftswissenschaft“, Verlag Die Wirtschaft, Berlin:

1962 Heft 6 : „Zur mathematisch-kybernetischen Erfassung ökonomischer Gesetzmäßigkeiten“. Zugrundeliegend der Haupt-Vortrag auf der Konferenz am 12. März 1962 über das Verhältnis von Kybernetik und Ökonomie, der auf Initiative der Kybernetik-Kommission der Akademie der Wissenschaften vom Institut für Wirtschaftswissenschaften der Akademie einberufen war.

1963 Heft 3 : „Konferenz über die Bedeutung der Kybernetik für Wissenschaft, Technik und Wirtschaft in der DDR“, Bericht über die Konferenz der Akademie der Wissenschaften am 16. und 17. Oktober 1962.

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I. A. Poletajew: Kybernetik. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften Berlin 1962, zweite Auflage 1964, 384 Seiten.

Deutschsprachige Fassung von Katrin und Rainer Thiel.

Die Idee, eine deutschsprachige Fassung herzustellen, entstand durch Anregung meines Freundes Klaus Matthes, Professor der Mathematik, in der Silvesternacht 1958, in der auch unser erster Sohn geboren wurde. Der Original-Titel des Werkes von Poletajew war „Signal", weil zu jener Zeit das Wort „Kybernetik" in der Sowjetunion noch verteufelt war. Auf die deutschsprachige Fassung „Kybernetik" als Werk der gehobenen populärwissenschaftlichen Literatur bezogen sich auch Wissenschaftler der BRD von damals bis heute.

Ferner:

R. Thiel: Ergebnisse transdisziplinärer und interdisziplinärer Arbeit im Verbund von Philosophie / Mathematik / Kybernetik mit Relevanz für Gesellschaftswissenschaft und mit Auswirkungen auf die Ingenieurmethodik. Vier nachhaltige Beispiele. Vortrag auf dem Interdisziplinären human-ontogenetischen Kolloqium an der Humboldt-Universität im September 2000

R. Thiel: Die Pattern der Dialektik als gemeinsamer Gegenstand von Philosophie, Mathematik und Kybernetik. Vortrag im November 2000 auf einem Kolloquium der Gesellschaft für Kybernetik

und

Nichtlinearität im Lichte von Mathematik, Philosophie und Kybernetik

Vortrag im November 2001 auf einem Kolloquium ebenda. Druck der vollständigen Schriftfassungen aller Kolloquiumsvorträge voraussichtlich Frühjahr 2005 als Edition der Gesellschaft für Kybernetik e.V. Anfragen bei R. Thiel, 033678 60263 oder Einblick in http://www.kybernetik.de/ (website der Gesellschaft für Kybernetik)

Heinz Liebscher: Fremd- oder Selbstregulation? Systemisches Denken in der DDR zwischen Wissenschaft und Ideologie. 177 Seiten. LIT Verlag 1995, ISBN 3-8258-2181-1

Heinz Liebscher: Georg Klaus zu philosophischen Problemen von Mathematik und Kybernetik. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften Berlin 1982, 168 Seiten

e-mail Heinz Liebscher: Karolin_und_Heinz@t-online.de

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Vortrag in der Leibniz-Sozietät am 8. November 2007. Danach mehrmals durchgesehen und ergänzt (von 10 auf 19 Seiten aufgestockt) sowie mit drei angehängten Supplementen (10 Seiten) versehen. Druck ist vorbereitet.

 

Zur Lehrbarkeit dialektischen Denkens – Chance der Philosophie. Mathematik und Kybernetik helfen.

 

Hegel schrieb 1807: „Erst was vollkommen bestimmt ist, ist zugleich exoterisch, begreiflich, und fähig, gelernt und das Eigentum aller zu sein. (Phänomenologie des Geistes, S. 17.) Was dem vorausgegangen war in aller Philosophie, das hat Hans Heinz Holz mit seinem „Weltentwurf und Reflexion“ durchleuchtet. Er hat die Grundlegung der Dialektik vollendet. Sein Werk habe ich erst jetzt lesen können, seit vierzig Jahren stehe ich außerhalb philosophischer Institute. Indessen frei vom Blick auf Bürokraten. Freiheit habe ich mir erlaubt, weil in der DDR keine Arbeitslosigkeit zu befürchten war. Ohne besondere Intelligenz konnte ich Akademikern voraus sein. Seit langem wirke ich in sozialen Netzen, da bleibt für Bücher auch kaum Zeit. Doch Praktikum hat Leibniz gut geheißen: „Theoriam cum praxi coniungere.“

 

Ein Zweites sei erinnert. Die Paderborner Gruppe „Erwägen Wissen Ethik“ (EWE) hatte zum Thema „Dialektik als Heuristik“ aufgerufen. Da habe ich geäußert: Dialektik als Heuristik „JA“. Aber es wurde zu viel drum herum geschrieben, auch vom Thema abgewichen. Statt Dialektik zu entwickeln – zu viel Mechanistik.

 

Indessen gilt: Menschen machen Geschichte, auch wenn es nur per Stillehalten ist und übel ausgeht. Menschen gestalten Geschichte, wenn sie über sich hinausgehen. Wissen muss man, was passieren kann. Rückwärtsblickend hilft die Rede vom Determinismus weiter, vorwärts aber nicht. Marx und Engels haben Möglichkeiten erkannt. Aber Voraussagen? Nein, sagen Marx und Engels. (MEW 22 Seite 509) Goethe war nur wenig zu weit gegangen, als er schrieb: „Was macht gewinnen? Nicht lange besinnen.“ Ähnlich Clausewitz. (Ausgabe 1957 Seite 434). Das habe ich in „Mathematik – Sprache - Dialektik“ verarbeitet, um Mathematik vom Geruch zu befreien, Kochbuch für Buchhalter zu sein. Mit Mathematik kann man Sprechen und Denken über Dialektik. Um das 1975 gedruckt zu kriegen war List vonnöten und Solidarität. Zu spät und zach hat Herbert Hörz ein Löchlein in das Beamten-Brett zu bohren versucht.

 

Kurzum: Alles, was man vorwärtsblickend wissen kann, macht Geschichte einem Fußballspiel oder einer Ehe eher vergleichbar als Planetenbahnen und Gasmolekülen. Auch Ballspiele und Ehen werden von Tätern gestaltet. Hinterher kann man fragen, wie alles gekommen ist, so weit reicht der Determinismus. Vorwärts kommt es aufs kreative Handeln an. Das an der Mechanik orientierte Paradigma „Determinismus“ ist aber, selbst wenn es auf Zufälle Rücksicht nimmt, seit Hegel auch deshalb obsolet, weil es lebendige Objekte nicht zugleich als Subjekte wahrnimmt, die über sich selber hinausgehen. Das kann mit dem Terminus „innere Widersprüchlichkeit“ designiert werden. Zufälle werden in der Regel nur als äußere Beeinflussungen von Objekten gesehen. Das ist Mechanik. Dialektik ist die Selbstbestimmung von Systemen, von Subjekten und Populationen und die Theorie davon.

 

Zum Fußball gehören Trainer. Außerhalb des Fußballs bräuchten wir professionelle Dialektiker. In der schönen Literatur bestimmen sich menschliche Populationen und Subjekte, der Leser perzipiert das intuitiv, das Verständnis der innewohnenden Dialektik könnte durch Philosophen zum vollen Bewusstsein ausgeprägt werden. Marx/Engels haben – übers Heute hinaus denkend - Möglichkeiten erkannt, Hypothesen gebildet, Mut gemacht. Das ist Dialektik als Heuristik. Und auch nachlesbar. Doch das wurde zugewischt. Der Schaden ist gewaltig und trug zum vorläufigen Abbruch hoffnungsvoller Anfänge bei.

 

Vorwärts nun mit Hans Heinz Holz. Sein zwanzigstes Kapitel, sein Ausblick, beginnt etwa so: „Von den jetzt gewonnenen Einsichten aus läßt sich .... eine.... konstruktive Systematisierung der Dialektik vornehmen.“ Das ist Aufruf, Dialektik lehrbar zu machen. Konstruktive Dialektik hat Hans Heinz Holz schon selber praktiziert, indem er zeigte, was „Negation“ und was „Widerspiegelung“ ist. Konstruktiven Geistes war Hegel, als er schrieb: Das Individuum hat das Recht zu fordern, „dass ihm die Wissenschaft wenigstens die Leiter reiche“. (Phäno. 25) Das passt zu Hans Heinz Holz: Dialektik werde „auf die vier Grundzüge zurückkommen“, die in didaktischen Schriften millionenfach verbreitet worden sind. Das ist eine der untersten Sprossen. So habe ich mich geäußert, auch nach der EWE-Diskussion in einem Schreiben an alle Teilnehmer, in höchster Kürze. Auch heute ist Kürze geboten. Als Häretiker hatte ich immer schon Verzicht zu üben. Kompression sollte erleichtern, Ungewohntes gedruckt zu bekommen. Doch es hat auch erleichtert, Gedanken eines Lesers von Karl Marx zu unterdrücken.

 

Nun zur Sache selbst:

 

Kürzehalber lasse ich Worte zu den Grundzügen 1 und 2, also zu den Topoi „Zusammenhang“ und „Entwicklung“, heute ganz weg. Ich lasse auch weg einen 5. Grundzug, der dem „Differenzieren“ gewidmet sein müsste. Erwähnt sei jetzt nur, dass sich Einsichten zu den Topoi „Zusammenhang“, „Entwicklung“, „Differenzierung“ und zugleich Einsichten in soziale Bewegungen ergeben, wenn man als Intellektueller mittendrin ist. Dann erkennt man auch gnoseologische und soziologische Aspekte der Dialektik. In „Zusammenhängen“, in „Entwicklung“ und „spezifizierend“ zu denken ist fast allen Menschen ungewohnt. Es ist schwer, mit ihnen über Entwicklung und Differenzierung in Politik und Bürgerbewegung zu sprechen. Vielen fällt es schon schwer, den Zusammenhang mit einem Partner zu realisieren. Sie melden sich am Telefon, zum Beispiel „Stefan“. Doch welcher Stefan ist es von den vielen, an die der Hörer denken muss? Und gar zwei Zusammenhänge gleichzeitig im Auge zu haben fällt den meisten Menschen schwer. Lieber versteifen sie sich auf erste Eindrücke und klopfen sich mit Redepartnern, die einen anderen Zipfel der Realität am kleinen Finger haben.

 

Also jetzt nur zum 4. und danach zum 3. Grundzug der Dialektik, zum dialektischen Widerspruch und danach zum Verhältnis von Quantum und Quale.

 

Anmerkungen zum dialektischen Widerspruch:

 

Dabei blicke ich auf Lehrbücher, die bis 1989 erschienen sind. Ein Teil der zehntausend Zeilen dort gilt gutwilligen Lesern als unbestreitbar. Zu dem anderen Teil möchte ich jetzt sechs Anmerkungen vortragen:

 

1. Anmerkung: Zur Dialektik polarer Verhältnisse wird bis 1989 verwiesen auf Beispiele von Marx/Engels, nicht immer bewältigt im Sinne ihrer Spender, aber immerhin. Doch Anregungen aus der Kybernetik? 1967 durch Georg Klaus auf einem Berg von Erkenntnissen! Danach war Schluss damit in Lehrbüchern zum DiaMat. Kybernetik hatte um 1960 geholfen, das Verhältnis von Wechselwirkung und Zielstrebigkeit zu verstehen, ich hatte das exemplifiziert an Rückkopplungs-Systemen in Marxens Kapital, mit Rückhalt von Georg Klaus gedruckt 1962, und anno 67 weiter ausgeführt unterm Titel „Quantität oder Begriff? Der heuristische Gebrauch mathematischer Begriffe“. Neulich hat Günter Kröber daran erinnert in einem Sammelband „Kybernetik steckt den Osten an. Aufstieg und Schwierigkeiten einer interdisziplinären Wissenschaft in der DDR“ (Berlin 2007). Mein druckfertiges Manuskript für diesen Sammelband mit Auszügen aus meinen Veröffentlichungen von 1962/67 war ohne Rücksprache mit mir unterdrückt worden. Doch ein Teil der Erkenntnisse findet sich bei Kröber. Meine Arbeit von 1962 scheint also auch 45 Jahre später interessant, obwohl ich selber heute darüber hinaus bin. Trotzdem freue ich mich über jeden, den ich mit der Zeit von der Gültigkeit auch der ersten Anfänge habe überzeugen können. Erkenntnisse von anno 62 schmücken also den Sammelband von anno 2007. In meinem druckfertigen, doch unterdrückten Beitrag waren auch Erkenntnisse von 1975 zum Thema „Mathematik – Sprache – Dialektik“ referiert. Heute in diesem kleinen Kreise darf ich das erwähnen: Als Mitgestalter des Aufstiegs einer interdisziplinären Disziplin, auch in praktischen Fragen, meine ich, dass der Sammelband nicht rundum gelungen ist. Laut muss ich sagen, dass verschwiegen wurden auch die Initiativen von Friedhart Klix und anderen im Forschungsrat der DDR, an denen ich teilgenommen habe und die der Akademie der Wissenschaften abgerungen wurden. Andere Einzelheiten, die in „Quantität oder Begriff“ (1967) und in „Mathematik – Sprache – Dialektik“ (1975) nachgelesen werden können, auch die Beiträge zu einer Spezifikation des dialektischen Widerspruchs, lasse ich heute weg. Bedauerlich bleibt, dass im erwähnten Sammelband von 2007 zum xten Mal der Eindruck erweckt wird, man hätte sich der Gefahr erwehren müssen, dass Philosophie durch Kybernetik ersetzt werde. Stattdessen wäre hervorzuheben gewesen, dass durch Kybernetik belebt wurde, was in der Philosophie von Hegel und Marx längst angedacht und endlich wahrzunehmen war.

 

In den sechziger Jahren hatte es noch einiges mehr gegeben, um schrittweise eine Lehre der Dialektik zu schaffen. Der Philosophie-Historiker Gottfried Stiehler hat 1966 das Maximum an Klarheit erreicht, das ohne Mathematik erreichbar ist. Stiehlers Buch von 1966 zeugt von Ernst, auch heute kann man daraus lernen. Doch bald ist in Lehrbüchern nur noch Konglomerat von Worten wie Widerspruch, Gegensatz, Antagonismus, Differenz von Soll und Sein. Keine Begriffe, keine Spur von System und Verständlichkeit. Unausgefüllte Gerüste blieben die beiden Ansätze von 66 und 67. Verschlampert wurden Ansätze zum Sozialismus.

 

2. Anmerkung: In den Lehrbüchern bis 1989 sind die umfangreichen Texte mit der Arbeiterklasse im Zentrum fixiert auf erstarrte Bilder gesellschaftlichen Geschehens. Ich war vierzig Jahre lang Mitglied der SED, in den ersten Jahren habe ich viel gelernt, das gebe ich nicht auf, Arbeiter und Funktionär bin ich selbst gewesen. Aber bis 89 ist in Lehrbüchern ausgeblendet die Spaltung der Arbeiterklasse in Werktätige und Ritualienpfleger. Spaltung begann vorm ersten Weltkrieg. Nach dem zweiten Weltkrieg äußert sie sich verschieden in Ost und West. Dass sie beginnen konnte, liegt in der Arbeiterklasse selbst. Das wäre zu sehen gewesen mit Marxens Entfremdungs-Lehre. (Dazu Rudolf Bahro 1979 „Die Alternative“ und neunzehn Jahre zu spät von mir: „Marx und Moritz – Unbekannter Marx – Quer zum Ismus“) Doch in Lehrbüchern des DiaMat wurde das nicht reflektiert, auch nicht das Phänomen der „Spaltung“ selber, das bis hinein in Seelen reicht. Fingerzeige darauf wurden aus Texten zum dialektischen Widerspruch gestrichen. Das fehlt nun in den Lehrbüchern, die kein gutes Zeugnis ablegen für das Land, für das sie stehen sollten.

 

3. Anmerkung: Unterbelichtet ist in den Lehrbüchern der Umgang mit Widersprüchen. Es fehlt „De-Eskalation versus Eskalation“. Es fehlt das Philosophikum „Kreativität“, also „Schöpfertum“. Ein Professor des histMat meinte, „Kompromisse lösen Widersprüche.“ Aus Achtung vor seinem lauteren Charakter verschweige ich seinen Namen. Doch auch die Theorie strategischer Spiele dient nur der Selektion von Varianten im Rahmen konstanter Repugnanzen. Hingegen wäre kreativ, durch neue Strategien Widerspruchslösung anzubahnen. Deutlich wird das vorm Hintergrund mathematischer Modelle. Was unter „Optimierung“ fällt, ist Kompromiss, also Änderung im Rahmen bestehender Verhältnisse. Unter Lösung fällt dagegen die strukturelle Änderung bestehender Konstellationen. Das führt hin zum Wesen von „Kreativität“.

 

Deshalb sei ein Phänomen angedeutet, das in der Deutschen Demokratischen Republik auf Dialektik und Kreativität orientieren sollte. Das Phänomen wurde „Erfinderschule“ genannt, etwas unglücklich, weil unter „Erfinden“ oft „Märchenerzählen“ verstanden wird. Besser wäre gewesen „Workshop zu Widerspruchszentrierter Innovations-Methodik“. Die Methodik wurde geprägt von Hans-Jochen Rindfleisch, Rainer Thiel und Hansjürgen Linde, letzterer führt das Phänomen weiter in Bayern. Zwei der Autoren sind Verdiente Erfinder der DDR und promovierte Ingenieure, Linde wurde in Bayern Professor, leitet zwei Institute und ist gefragter Partner der Industrie. Das Phänomen „Erfinderschule“ wurde mehrmals dokumentiert, durch den Ingenieurverband der DDR und danach mit Hilfe von Freunden an Rhein und Isar sowie mit Fördermitteln eines Bundesministeriums.

 

Kurzum, das Phänomen wurde in mehrtägigen Workshops mit Ingenieuren praktiziert an Problemen aus realen Betrieben der DDR. Brainstorming diente der guten Laune. Danach zwecks Provokation das „Inverse Brainstorming“. Anschließend viele Fragen: Welchen Bedürfnissen entspringt das Problem? Wie hat es sich entwickelt? Welche technischen, ökologischen, ökonomischen Parameter bestimmen es? Aus Kundensicht und aus der Sicht des Betriebes? Das alles wurde in einer Matrix erfasst. Und dann ging es richtig los: Wie müssten wir die Parameter-Werte ändern, wenn etwas Gutes entstehen soll? Wir forderten: „Kollegen, schraubt die Werte hoch, habt Mut, wir wollen etwas Neues, das obendrein vernünftig ist!“ Wenn nun - mit der Tabelle experimentierend - die Ingenieure beginnen, die wünschbaren Werte-Variationen miteinander in Beziehung zu denken, z.B. Werte der Geschwindigkeit, des Gewichts, der Sicherheit, der Handhabbarkeit, der Kosten und alles das bei extrem knappen Ressourcen, dann dauert es nicht lange, und die Ingenieure rufen: „Das geht nicht, da kommen wir in Widersprüche.“ Dann habe ich gesagt: „Aha, die Profs haben euch irregeleitet.“ Ich füge hinzu: Im Fachwissen waren die Ingenieure der DDR vortrefflich ausgebildet. Aber betreffend Dialektik waren sie irregeführt. Man hat ihnen eingetrichtert: Wenn in Ingenieuraufgaben Widersprüche auftreten, müssen die wünschbaren Parameter-Werte heruntergedreht werden. Und von Philosophen wurden wir Heuristiker befehdet, weil wir Dialektik praktizierten. Hörz war einsame Ausnahme. Auf einem Kolloquium wurden wir beide von jüngeren Philosophen angegriffen.

 

Wir Erfinderschul-Methodiker haben mit führenden Profs der Hochschulen erbittert gerungen. Erst anno 92 hat deren Primus öffentlich bekannt: „Ja, in einer Ingenieuraufgabe, die auf Neues zielt, müssen Widersprüche konzipiert werden, um Neues zu entwickeln.“ Natürlich hatten wir Erfinderschul-Leute eine tief gegliederte Methodik geschaffen, auf dreihundert Druckseiten nachlesbar. Dort haben wir in hundert Schritt-Empfehlungen und vielen Erläuterungen gezeigt, wie man durch Antizipieren von Entwicklungs-Widersprüchen zu Lösungsansätzen kommt. Lösungen haben wir auch erarbeitet. Die Lösungs-Empfehlungen sind ihrerseits durch Dialektik inspiriert, zum Beispiel „Spalten von Objekten“ und „gegenseitiges Kompensieren der Komponenten“. Einfachste Paradigmen sind Kompensationspendel und die nachempfundene Erfindung des Schiffsankers. (Vergleichbare Kompensationen werden auch in der Mathematik praktiziert, z.B. beim Integrieren per Substitution oder - zwecks Radizieren der quadratischen Gleichung - in Gestalt der quadratischen Ergänzung.

 

Kurzum, indem wir in Systeme von Parametern durch Variation oder durch Spalten von Objekten gleichsam Power einbrachten, begannen in den antizipierbaren Werte-Verlaufslinien Divergenzen zu entstehen bis zur Unliebsamkeit. Wir präsumierten, wie per Variation Widersprüche entstehen. Das Gesamtgeschehen aus Spaltung bis zum Gegensatz ist der dialektische Widerspruch.

 

Die erste neuzeitliche Anregung, nachzudenken über die Spaltung von Monolithen in auseinandergehende, zuerst nur differenzische, bei fortgesetzter Variation bald auch entgegengesetzte Komponenten, die erste Anregung jenseits von Hegel und Marx empfing ich durch Genrich Saulowitsch Altschuller (Baku, Moskau). Altschuller hatte darauf hingewiesen und anhand einer Tabelle erläutert, dass bei extensiver (tatsächlicher oder antizipierter) Variation technischer Objekte deren Parameter - physikalisch und unterm Gesichtspunkt ihrer Nutzbarkeit auch ökonomisch - oft „in Widerspruch“ zueinander geraten. Im Deutschsprachigen wurde erstmalig darauf verwiesen von mir in Deutsche Zeitschrift für Philosophie 1976. Bald entwickelte ich dazu eine mehr mathematisch anmutende, simple Darstellungsweise, die 1982 auch Eingang gefunden hat in das erste Erfinderschulmaterial des Ingenieurverbands. Das war den meisten Ingenieuren und Naturwissenschaftlern anfangs zu neu, einige begeisterten sich nur an der von mir verwandten Symbolik. Sofort verstanden wurde es von dem auch theoretisch hochgebildeten Erfinder Dr. Ing. Hans-Jochen Rindfleisch, sodass es in den Berliner Erfinderschulen bald zur praktischen Anwendung kam, über die ich soeben berichtet habe. Hansjürgen Linde hat eine eigene Version geschaffen unter dem treffenden Titel „Widerspruchsorientierte Innovations-Strategie“ (WOIS), zum ersten Mal zusammenhängend dokumentiert in Lindes Dissertation TU Dresden 1988, die längst zur Grundlage zahlreicher Schriften, Workshops und Kongresse geworden ist. In der prononciert kybernetischen Literatur habe ich darauf noch keine Bezüge gefunden.

 

4. Anmerkung: In der kybernetischen Literatur ist aber von Anfang an bezug genommen auf die Interaktionen zwischen technischen Objekten und ihrem Umfeld, indirekt auch innerhalb technischer Objekte, wenn man diese als Systeme sieht. Daraus ergab sich auch eine fundamentale Vertiefung des simplen Wechselwirkungsbegriffes der Philosophie, die am mechanischen Materialismus orientiert war und noch ist. Als Paradigma gelten dort die Newtonschen Grundgesetze. Sie bleiben relative Wahrheiten. Nicht alle Wechselwirkung ist Rückkopplung, aber ohne den Rückkopplungsbegriff ist der traditionelle Wechselwirkungsbegriff arm und kann bestenfalls dem sog. 1. Grundzug der Dialektik zugeordnet werden, durch den auf die Omnipräsenz und Vielfältigkeit von Zusammenhängen hingewiesen wird.

 

Dass geringe Störungen, die aus Gespaltetsein einheitlicher Aggregate resultieren, sich hochschaukeln können, lehrt die Kybernetik positiver Rückkopplungen. Das Paar aus Störung und Rückkopplung macht dialektischen Widerspruch. Nachvollziehbar ist das mit Differentialgleichungen. Darüber habe ich 1962/63 berichtet in Deutsche Zeitschrift für Philosophie und differenzierter in „Quantität oder Begriff“ 1967, wobei ich auch auf Forschungen von Lewis F. Richardson von 1960 (englischer Physiker und Friedensforscher) zurückgegriffen habe. Leider ist das von Philosophen und Wissenschaftstheoretikern, deren es Hunderte gab, nicht zur Kenntnis genommen worden.

 

5. Anmerkung: Nicht alle Träume betreffs Applikation von Differentialgleichungen außerhalb des technisch-physikalischen Bereichs sind in Erfüllung gegangen. Das erkannte ich während der Arbeit an dem umfangreichen Text, den ich 1967 betitelte „Quantität oder Begriff?“, und als ich das Vorwort verfasste, war mir klar geworden: Das nächste Buch muss „Mathematik – Sprache – Dialektik“ heißen. Simpelste Überlegungen deuten an, worauf das hinausläuft:

 

Weil dialektische Widersprüche in Wachstumsprozessen entstehen, müssen Wachstumsprozesse verstanden werden. Das wird aber verhindert, weil die öffentliche Meinung darauf dringt, höchstens einzelne Ereignisse zu betrachten. Nicht besser steht es, wenn Ökonomen den volkswirtschaftlichen Prozess in Jahresabschnitte und Wachstumsraten, zum Beispiel in jährliche Zinsraten, zerstückeln: Das kontinuierlich verlaufende Jahr wird auf den Silvesterabend reduziert. In Wirklichkeit können großflächige, zum Beispiel volkswirtschaftliche Prozesse als annähernd stetige Veränderungen zum Beispiel des Inlandsprodukts verstanden werden. Von einzelnen Ökonomen wird das tatsächlich anerkannt, sie experimentieren mit Wachstumsmodellen in der Sprache der Differentialgleichungen, wobei sie natürlich oft auf hypothetische Werte von Koeffizienten angewiesen sind. Wenn Makro-Ökonomie annähernd verstanden werden soll, ist beides unvermeidbar: Die Differentialgleichungen und der hypothetische Charakter von Parameter-Werten. Die meisten Ökonomen aber und fast alle Normalverbraucher verstehen nichts von Differentialgleichungen. Deshalb wird Makro-Ökonomie fast überhaupt nicht verstanden und ist ein Tummelfeld für Kartenleger, mit allen Konsequenzen für das politische Leben.

 

In meinem Umfeld bemerkten einzelne Ingenieure und Physiker, dass hinter der gebräuchlichen Zinseszinsformel die Differentialgleichung

 

y = a.dy/dt

 

steht, deren Lösung die Exponentialfunktion ist. Nächster Schritt war die Einsicht, dass nicht alle Bäume in den Himmel wachsen. Es muss also auch an Sättigungsprozesse gedacht werden, im einfachsten Fall an die logarithmische Funktion. Also wäre auch an komplexere Differentialgleichungen zu denken gewesen. Diese hätten anregen können, über die zugrunde liegenden makro-ökonomischen Prozesse und deren Beeinflussung nachzudenken. Doch das Publikum, dessen Aufklärung den Philosophen oblägen hätte, verweigerte sich schon den allerersten Einsichten. Das war einer allzu primitiven, doch universell verbreiteten Auffassung von Realität geschuldet: Die meisten Menschen berufen sich in ihren Urteilen auf den augenblicklichen Zustand der Objekte, die sie zu sehen glauben. Mit Heftigkeit und Leidenschaft, die bis zum Fanatismus geht, behaupten sie: „Ich bin Realist!!!“ Muss man das glauben?

 

Wer auch nur ein wenig Umgang mit Differentialgleichungen hat, fühlt sich zur Widerrede herausgefordert. Die sich Realisten nennen, berufen sich auf den augenblicklichen Zustand, auch wenn sie zurecht unterstellen könnten, dass das Objekt mitsamt vieler seiner Eigenschaften veränderlich ist. Aber sie greifen sich aus der Lebenskurve, die man hypothetisch in ein Koordinatensystem eintragen könnte, nur den Augenblickswert, also einen einzigen Punkt y = t0 der Kurve. Man braucht aber keinen großen IQ zu haben um zu wissen, dass in der Regel jedes y einer Funktion zugeordnet ist und dass insbesondere diese Funktion Differentialquotienten enthalten wird. Diese bringen zum Ausdruck, dass das y nicht nur schlechthin veränderlich ist, sondern auch mit einer gewissen Geschwindigkeit (Steilheit), Beschleunigung (Steilheit der Steilheit) und so weiter.

 

Die Leute, die am lautesten schreien, Realisten zu sein, sind es nicht. Das zeigt sich massenhaft in Diskussionen, in denen Überwindung von Unzuträglichkeiten ansteht. Ihr Geschrei ist eine sich selbst erfüllende Behauptung: Man behauptet, es bewegt sich nichts, also bewegen sich die Menschen nicht und warten, bis das sogenannte Sein über sie kommt. Die sich Realisten nennen, begreifen nicht, dass auch die Veränderung in jedem Zeitpunkt zur Realität gehört. Wer das nicht begreift, wird auch nicht kreativ werden. Wer Umgang mit Differentialgleichungen hatte, dem hat sich diese Welt-Ansicht eingeprägt. Schon in dieser elementaren Bewandtnis hat sich Mathematik als Sprache der Dialektik gezeigt.

 

Daraus folgt, dass Philosophie, welche die Sinn-Fragen des Lebens beantworten will, an den Fragen nach Struktur der Wirklichkeit nicht vorbeikommen kann.

 

6. Anmerkung: Systeme von Differential-Gleichungen gehören zu den Paradigmen, an denen sich die philosophische Widerspruchs-Dialektik hochziehen kann. Sogar multipolare Systeme gewinnen da an Transparenz. Und sind Gleichungen nichtlinear, können neue stabile, auch unumkehrbar unerwünschte Zustände eintreten. Dann ist mit Störgrößen-Ausregeln nichts mehr zu machen. Das begriff ich – ungewollt - als mathematisch interessierter Bürger der DDR vor 45 Jahren. Im Ausland aber – was mir erst zehn Jahre später auffiel - sind weitere Formen der Nichtlinearität erkannt worden. Dazu einige Worte.

 

Schon im Gymnasium lassen quadratische Gleichungen einen Spaltpilz im Lösungsgeschehen erkennen. Längst werden auf Computern brisantere Nichtlinearitäten realisiert: Werden nichtlineare Ausdrücke, im einfachsten Fall der quadratische Iterator

 

y = xn+1 = axn (1 – xn) ,

 

immer wieder auf sich selber angewendet und werden zusätzlich Koeffizienten exzessiv variiert – das entspricht Energie-Einträgen in das Geschehen -, dann zeichnet sich auf dem Bildschirm das sogenannte Feigenbaum-Diagramm ab: Anfangs einheitliche Bahnen spalten sich in zwei und mehr Zweige. Fachleute subsumieren das der sogenannten Chaos-Theorie, die eine dialektische Prozess-Theorie ist. Das Feigenbaum-Diagramm und einfachste Implikationen habe ich vor Jahren in „Die Allmählichkeit der Revolution“ deutlich zu machen versucht, weil es auch für Quale-Umschlagen relevant ist. Schon bescheidenste Auswertungen dieser Theorie erbringen Aufschlüsse darüber, wie dialektische Widersprüche entstehen.

 

Der quadratische Iterator und Hegels Entwicklung von „Sein“ lassen ahnen, was Dialektik ist. Wird der quadratische Iterator praktiziert, kommt (bei manchem Anfangswert x1 und manchem Wert von a ) eine überraschende Folge von Werten yn heraus. Hegels Begriffsentwicklung beginnt mit dem „Sein“. Und was tut der Dialektiker Hegel? Er entwickelt – mit der Sturheit eines Schelms, wie ein Computer – den Inhalt des „reinen Seins“:

 

„Sein, reines Sein, - ohne alle weitere Bestimmung. In seiner unbestimmten Unmittelbarkeit ist es nur sich selbst gleich und auch nicht ungleich gegen Anderes, hat keine Verschiedenheit innerhalb seiner, noch nach außen. Durch irgendeine Bestimmung oder Inhalt, der in ihm unterschieden, oder wodurch es als unterschieden von einem Andern gesetzt würde, würde es nicht in seiner Reinheit festgehalten. Es ist die reine Unbestimmtheit und Leere. – Es ist nichts in ihm anzuschauen, wenn von Anschauen hier gesprochen werden kann; oder es ist nur dies reine, leere Anschauen selbst. Es ist ebensowenig etwas in ihm zu denken, oder es ist ebenso nur dies leere Denken. Das Sein, das unbestimmte, unmittelbare, ist in der Tat Nichts, und nicht mehr noch weniger als Nichts.“ Könnte das nicht jeder Bürger nachvollziehen, der gefragt wird: Was könnte dir einfallen, falls dich jemand nach dem reinen Sein befragt?

 

Vom „Nichts“ aus entwickelt Hegel das „Sein“ und aus beiden, die nicht dasselbe sind, doch sich als dasselbe erweisen, das „Werden“. Was Hegel hier geschrieben hat, ist eine gewollte Persiflage des Dialektikers auf die dumme Philosophie. Es ist, als hätte sich Hegel damit warm gelaufen, denn jetzt wird es ernst. Jetzt nämlich beginnt Hegel erst richtig: Alle wesentlichen Begriffe der Philosophie, alle wesentlichen Semanteme, die Menschen benutzen, um über Probleme des Erkennens zu sprechen, entwickelt Hegel aus ihren elementaren Stadien und in ihren gegenseitigen Relationen, darunter die Semanteme „Quantität“ und „Qualität“, sodass auch sichtbar wird, wie viele verschiedene Bedeutungen mit derartigen Worten verbunden werden, ohne dass sich Nutzer solcher Worte dessen bewusst sind. Damit hat Hegel – die Geschichte der Philosophie und des menschlichen Erkenntnisvermögens nachvollziehend - nicht nur ein dialektisches System philosophischer Begriffe geschaffen, sondern auch ein System, das als ein Muster „Konstruktiver Systematik“ der Dialektik gelten kann, wie Hans Heinz Holz gefordert hat und wie ich angeregt habe seit Jahrzehnten. Solche Muster müssten – nach dem Vorbild Hegels – in größerer Anzahl geschaffen werden. Eine kurze Charakteristik seiner Dialektik gibt Hegel 1820 in „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ § 31.

 

Dabei wird es hilfreich sein, Hegels „Logik“ zu didaktischen Zwecken in vereinfachter Form darzustellen, als Handreichung zum Lernen, als erste Anregung zum Verstehen, wie „konstruktive Dialektik“ aussehen kann. Schon die Fähigkeit zum Verständnis von Hegel, Marx und aller Dialektik muss trainiert werden.

 

In Hegels „Logik“ steckt zugleich die tiefe Wahrheit: Kommt heraus aus der Kontemplation, aus dem Frust, seid aktiv, handelt, entwickelt die Dinge aus sich selbst heraus, gleich, ob es die inhaltsvollen nachfolgenden Begriffe wie „Quantität“ und „Qualität“ sind oder ob es der Begriff „Zahl“ ist und die Zahlensysteme – von der Mathematik und von Hegel entwickelt - oder ob es der quadratische Iterator oder sonst was ist. Selbstentwicklung ist geradezu das Wesen des Iterators, Mathematiker sprechen von „Rekursiver Funktion“, besser wäre „prokursive Funktion“.

 

Eine Abart solcher Entwicklungen demonstriert der Graphiker M. C. Escher, zum Beispiel so (Wiedergabe in http://www.thiel-dialektik.de/ Publikationsfeld 3b) : Escher beginnt mit simplen, völlig exakten Dreiecken. In den Augen des Künstlers sind das prokursive Objekte; er sieht in ihnen die Anlage zur Selbstbewegung. Sogleich lässt Escher die Dreiecksseiten zu sanften Linien aufwallen wie die Oberfläche ruhenden Wassers, wenn es heiß und immer heißer wird. In einem zweiten Schritt lässt Escher die Wellung stärker werden, in einem dritten Schritt noch mehr, wobei sich zugleich die Ecken des ehemaligen Dreiecks auszustülpen beginnen, immer mehr, bis sie sich der Gestalt von Flügeln nähern. So geht es weiter. Beim elften Schritt – annähernd allmählich - sind aus den ursprünglichen toten Dreiecken hochvitale Möwen geworden, die sich in den Lüften vergnügen.

 

Der Graphiker Maurits Cornelis Escher hat eine Vision gehabt und hat die Entwicklung - der Vision entsprechend und als Künstler gestaltend – den Dreiecken zukommen lassen: Die Dreiecke sind zunächst Symbole der Starre, sie werden zu Möwen, zu Symbolen der Vitalität. Das scheint einem Elementarprozess zu entsprechen, von dem auch die Entwicklung von Personen in der schöngeistige Literatur lebt. Natürlich sind in der Regel in einem Werk zwei und mehr solcher Elementarprozesse miteinander verflochten. Dem entsprechen die beiden ersten Grundzüge der Dialektik nach Lenin:

 

„1) die Bestimmung des Begriffs aus ihm selbst / das Ding selbst soll in seinen Beziehungen und in seiner Entwicklung betrachtet werden; 2) das Widersprechende im Ding selbst / das Andere seiner/, die widersprechenden Kräfte und Tendenzen in jedweder Erscheinung;“

(LW 38, Seite 212, s.a. S. 213)

 

Das zielt ins Innerste des Lebens und seiner literarischen Gestaltung, wurde aber in der DDR nicht zitiert. Wenn es auch richtig ist, dass man literarische Werke nicht zu Tode analysieren soll – man könnte probieren, durch Hervorheben von Linien der Entwicklung und der Selbstentwicklung die Dialektik so manchem Leser lebendig werden zu lassen:

 

Vorstehende Beispiele – pädagogischer gestaltet – könnten als Muster des lehrbaren, trainierbaren dialektischen Denkens fungieren, das zu Gegensatzumschlägen und zu Spaltungen des scheinbar Monolithischen führt. Zugleich lässt sich darüber nachdenken, dass „Gegensatz-Umschlagen“ und „Spaltungen“ komplementäre Etiketten für dialektische Prozesse sind. So lernt ihr, liebe Leute, auch euch selber zu entwickeln, ihr seid doch keine Trauerklöse, keine Monolithen.

 

Inzwischen habe ich auch empirisches Material zu Spaltungen in Bürgerbewegungen und Parteien. Ich musste Ursachen und Formen solcher Spaltungen erkennen, auch unter gnoseologischen und psychologischen Aspekten. Das alles wäre Stoff zur Lehre von Dialektik der Ausgebeuteten und Gedemütigten. Dem kann man das Etikett „innere Widersprüche“ anheften, aber man muss es begreifen, um es zu gestalten. Dazu wiederum muss die Dialektik von quantitativen und qualitativen Wandlungen verstanden werden. Dem war in Stalins Nomenklatur der 3. Grundzug der Dialektik zugeordnet:

 

Anmerkungen zum dritter Grundzug der Dialektik (Stichwort „Quale-Wandel“):

 

Stalin hatte mit seinem dritten Grundzug der Dialektik viele Menschen beeindruckt. Das Personal des sog. Marxismus-Leninismus kam bis heute nicht los von Stalin: Stalin quer zu Marx, niemand bemerkte es.

Stalin unterstellte, Wandlungen seien anfangs nur quantitativ, nicht qualitativ von Anfang an, Quanta müssten sich erst ansammeln, um ins Qualitative umzuschlagen. Erst das eine, dann das andere. Daraus folgert Stalin, Quale-Wandel würde plötzlich eintreten. Das ist Bürokraten-Logik: Erst gar nichts, dann alles auf einmal. Es ist leider auch die Logik des Kleinen Mannes. Aber es stimmt nicht einmal für das Wasser in realen Gefäßen. Niemand hat je erlebt, dass flüssiges H2O im Kochtopf plötzlich verdampft. Schmelzpunkt und Siedepunkt werden lokal erreicht, dabei entstehen retardierende Prozesse, komplizierte Wechselwirkungen. Integral gesehen wandeln sich reale Wassermengen allmählich. Stalin widerspricht dem Augenschein. Das ist georgische Priesterschule.

Doch überall, wo Augen-Schein wirklich trügt, besteht Stalin auf dem Schein. Die Frage ist nämlich überhaupt nicht, ob Quale-Wandel von Anfang an sichtbar ist. Materialisten hätten Stalin subjektiven Idealismus vorwerfen müssen. Wahr ist nämlich: Wir abstrahieren von qualitativem Wandel. Gründe liegen in der objektiv bedingten Praxis. Indirekt lernen das Ingenieure und Physiker im ersten Semester. Sie arbeiten mit vereinfachten, mit linearisierten Formeln, sonst wird alles zu umständlich. Bei exzessiven Wandlungen – das wissen Physiker und Ingenieure – gelten aber Funktionen, die nichtlinear sind, wo also Variable in einer von eins verschiedenen Potenz stehen. Nur wird das aus praktischen Gründen vernachlässigt. In polemischer Überspitzung kommentierte ein Mathematiker: Mit überzogenen Linearisierungen hat man „die einzige Möglichkeit eingebüßt, .... sich mit der Realität auseinanderzusetzen“. (Leon O. Chua. Zitiert nach Peitgen, Jürgens, Saupe, C.H.A.O.S Seite 211)

Gewiss ist das überspitzt. Es gibt Lehrbücher der dezidiert Nichtlinearen Elektro-Technik. Auch Ballistiker der Artillerie kennen die Nichtlinearität. Doch Unteroffiziere konnten damit in Schwierigkeiten geraten. Erich Loest erzählt in seiner Biografie, wie ein Feldwebel den Hitlerjungen erklärte, „das Geschoss würde nach dem Verlassen des Laufs eine Weile geradeaus fliegen, bis Erdanziehung und Luftwiderstand die Flugbahn krümmten,“ worauf die Gymnasiasten behaupteten, „das stimme nicht, sofort wirkten diese Faktoren, schon im ersten Millimeterbruchteil.“ Der Feldwebel wiederholte seine Ansicht, doch der Gymnasiast Erich Loest „blieb hartnäckig, der Feldwebel jagte den Aufsässigen um den Block.... Die Unteroffiziere sahen in L. einen Schnösel von der Oberschule, der sich über sie lustig machte“.

Praxisbedingt sind viele Ingenieurformeln linearisiert, und ausschließlich linearisiert zu denken sind die meisten Menschen gewöhnt. Für die Philosophie aber geht es um mehr. Hegel war es, der die Nichtlinearität erkannt hat, als er die Kategorien „Qualität“ und „Quantität“ untersuchte. In „Wissenschaft der Logik“, Lehre vom Sein, spricht Hegel von Potenzen-Verhältnissen. Damit wird von Anfang an nicht nur quantitativer, sondern auch qualitativer Wandel ausgewiesen. Das wäre im gesellschaftswissenschaftlichen Pflichtstudium in der DDR leicht erklärbar gewesen. Man hätte nur Marx und Engels lesen müssen. Diese beiden benutzten zur Erläuterung ein Beispiel nach Napoleon mit unterschiedlichen Reiterverbänden:

2 Mameluken schlagen jeweils 3 Franzosen.

100 Mameluken sind 100 Franzosen gleichwertig.

300 Mameluken können von 300 Franzosen besiegt werden.

1500 Mameluken werden jedes Mal von 1000 Franzosen geworfen.

Nachlesbar in MEW 14/308, 20, 23. Dort findet man die Nichtlinearität. (MEW 20 S. 120) Marx war durch das Modell angeregt, die Möglichkeit von Mehrwertproduktion zu begründen. Verschiedengroße Kooperationen nebeneinander hat sich Marx vorgestellt, also etwa eine Kooperation aus 10 Werktätigen, dann aus 20, aus 50, aus 100 usw. Marx zeigte, dass sich Möglichkeit zur Mehrwert-Produktion aus nichtlinear variierenden Größenverhältnissen ergibt (DAS KAPITAL Erster Band, Kapitel „Kooperation“), analog, wie durch Wandel von Quanta das Quale der Reiterverbände von Anfang an wächst. Einzelkämpfer-Quale schlägt allmählich um. Mit Blick auf allmählichen Wandel sagte schon Goethe: „Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage“, auch das war Friedrich Engels aufgefallen. Quale geht allmählich über in Unter- und in Überlegenheit, sie wandelt sich permanent mit dem Quantum. Und selbst, wenn Bürokraten einen Punkt markieren, der Übergang vollzieht sich allmählich. Fuzzy-Geometrie macht das noch deutlicher. Clausewitz hat das vorweggenommen. Wer Meilensteine setzt, will sich vor allem selber feiern.

Hält man sich das Modell von Napoleon und Marx wiederholt vor Augen, erkennt man auch den Zusammenhang zwischen Nichtlinearität und dem Weltgesetz „Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile“. Das Ganze einer Wandlung äußert sich von Anfang an gegenüber linearem Wachstum als Surplus-Effekt, ausgedrückt in Nichtlinearität. Man spricht dann auch von progressivem bzw. degressivem Wachstum. Leider gilt in den Schulen fast nur die lineare Algebra, wo es egal ist, ob und wie man in mehrgliedrige Additionen Klammern einstreut. So wird durch den Schulunterricht nicht nur ein schiefes Bild der Mathematik erzeugt, sondern auch eine Abstraktion vom Ganzen, das mehr ist als die Summe der Teile. Eben nichtlinear.

Die bürokratische Fasson der linearen, rein linear-summativen Anhäufung quantitativen Wandels hätte ersetzt werden müssen durch die Frage: Wieso unterscheiden wir überhaupt quantitative und qualitative Änderungen? Steinzeit-Menschen kannten diese Unterscheidung nicht. Wieso? Welche Rolle haben Abstraktionsprozesse gespielt?

Stalin hat religiöse Illusionen gestützt per Abstraktion vom permanenten Quale-Wandel. Er hätte sagen können: Wenn deutlich wird, dass sich die Abstraktion nicht mehr halten lässt, dann glauben wir, es träte ein plötzlicher Übergang ein. Auch die Alltags-Menschen nehmen die Illusion für bare Münze, weil sie überwiegend keine Prozesse wahrnehmen, sondern singuläre Ereignisse. Die Medien sind ganz geil, den Menschen Ereignisse zu bieten und nichts als Ereignisse, die punktuell sind, ohne Entwicklung zu reflektieren. Das ist Opium.

Von religiösem Wahn möchte ich auch sprechen, wenn Leute, die sich als links verorten, der Meinung huldigen: Jetzt haben wir Kapitalismus, da können wir sowieso nichts machen, da bleiben wir am besten zu Hause, bis ein großer Kladderadatsch den Kapitalismus hinweggefegt hat, dann sind wir wieder da.

Bei derart absurder Auffassung vom Quale-Umschlagen ist auch das Verhältnis von Reformen verschiedenen Typs der Dialektik entzogen. Es gibt nämlich Reformen ganz verschiednen, ja entgegengesetzten Typs. Typ A ist entwicklungsneutral. Beispiel: Hartz IV als Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe. Typ B festigt bestehende Herrschafts-Verhältnisse. Beispiel: Hartz IV als Instrument zur De-Vitalisierung von Arbeitslosen und als Schreckmittel für die, die noch einen Job haben. Die Typen A und B überwogen bisher in der Geschichte. Dagegen bewirkt Reform des Typs C zweierlei: Ein rasches Ergebnis wird erzielt, das zugleich ein Ergebnis ist, welches den Wandel des gegenwärtigen Quale in eine neue Gesellschaft voranbringt. Das Kräfteverhältnis wird gewandelt, Spielräume werden verändert: Enger für die Konzerne, weiter für die Notleidenden. Ein Beispiel wäre allgemeine Verkürzung der Arbeitszeit, Arbeit und Freizeit für alle, Spielräume und Kraft, um politische Freiheiten wahrzunehmen, die durch das Grundgesetz verbrieft sind: Kampf um Menschenwürde und Schach dem Eigentum, das seine Pflichten verletzt. Menschliche Kräfte würden der Abtötung entrissen. Würden Reformen des Typs C erkämpft, ist der Kapitalismus nicht mehr wie zuvor - es entstehen Elemente einer Gesellschaft Aufrecht gehender Bürger. Das Philosophikum ist strategisch bedeutsam. Aber es ist ja noch nicht mal zur Kenntnis genommen worden, dass Karl Marx in seinem Hauptwerk DAS KAPITAL ERSTER BAND geschrieben hat: „.... abstrakt strenge Grenzlinien scheiden ebenso wenig die Epochen der Gesellschafts- wie der Erdgeschichte.“ (MEW 23.391)

Die Menge der Marx-Engels-Dokumente, die dasselbe bedeuten, ist erdrückend, die Gedanken zur Nichtlinearität in den Werken Band 14, 20 und 23 gehören dazu. Zwölf Jahre nach der Wende verwies ich einen Professor für Marxismus-Leninismus darauf. Da schrie der Professor „nein, nein, nein.“ Als ich danach in meinem Vortrag ausführlicher über die Quellen gesprochen hatte, sagte der M-L-Prof nur das eine: Marx wäre eben auch nur ein Mensch gewesen. Da hatte ich Mühe, meine Verachtung zu zügeln.

Indem Hegel die Zwangsläufigkeit von Potenzen-Verhältnissen enthüllt, also von Nichtlinearität, beweist er, dass sich Quale permanent wandelt, wenn sich etwas quantitativ wandelt. Ausgerechnet in diesem Punkt versagt Lenin, der Hegel hoch verehrt hatte. Lenin schreibt: „Ohne Studium der höheren Mathematik ist das alles unverständlich.“ (LW 38 S. 110f).

Da Lenin Hegels „Potenzenverhältnis“ nicht verstehen konnte, fragte er: Wodurch unterscheidet sich der dialektische Übergang von einer Qualität zur anderen? Lenins Antwort: „Durch das Abbrechen der Allmählichkeit.“ (LW 38 S. 272. Siehe auch S. 339) Lenin spricht von „Sprung“. Heute reden Schwätzer gar von „Quantensprung“. Hegel hatte aber gemeint: Veränderung des Quantums „ist zugleich wesentlich der Übergang einer Qualität in eine andere....“ (S. 345) Hegel konzediert Allmählichkeit, er fügte nur hinzu: Allmählichkeit erklärt nicht den Quale-Wandel. Hegels Antwort liegt in der Dialektik, die er enthüllt auch via Nichtlinearität.

 

Hat Lenins Fehlinterpretation Einfluss gehabt auf die Geschichte? Ich glaube „ja“, und zwar unmittelbar nach dem Oktober-Aufstand. Das habe ich vor fünf Jahren untersucht. Erst im April 1918 relativiert Lenin seine Plötzlichkeitsthese (LW 27, S. 264) und ersetzt sie durch die Frage „Langsamer oder schneller“. Das ist aber auch noch nicht Hegel oder Marx. Einheit von Quantum und Quale ist keine Frage der Zeit, sondern der Dialektik eines Phänomens, das durch Abstraktion zerspalten ist. Abstraktion ist wie Feuer, von welchem Schiller sagt: „Wohltätig ist des Feuers Macht, wenn es der Mensch bezähmt, bewacht.... Doch furchtbar wird die Himmelskraft, Wenn sie der Fessel sich entrafft.“

 

Die Himmelskraft vom Stamme „Abstraktion“ hat Hegel verstanden. Von Anfang an in seiner Begriffsentwicklung sagt Hegel vom Quantum: „Die Gleichgültigkeit der Bestimmtheit macht seine Qualität aus, d.i. die Bestimmtheit, die an ihr selbst als die äußerliche Bestimmtheit ist.“ (S. 215) Oder: „Die Qualität des Quantums .... ist seine Äußerlichkeit überhaupt....“ (S. 323) Oder „Die Äußerlichkeit der Bestimmtheit ist die Qualität des Quantums....“ (332). Und so geht das bei Hegel von Anfang an in seiner Begriffsentwicklung, in der er Wohltätigkeit und verheerende Kraft der Abstraktion recherchiert als Dialektiker und Kriminalist. (vgl. Logik I S. 115) Menschen haben in Jahrtausenden „Quantität“ durch Abstrahieren von „Qualität“ geschieden und verselbständigt. Das hat beigetragen, Welt zu erkennen. Doch es hat auch Folgen gehabt, Risiken und Nebenwirkungen. Dialektische Widersprüche sind zwischen „Quantität“ und „Qualität“ entstanden. Hegel hat sie kenntlich gemacht und zu überwinden gelehrt. Goethe, der sich mit Hegel gut verstand, hat dazu ein Dichterwort parat: „Natur ist weder Kern noch Schale, alles ist sie mit einem Male.“ Doch Bürokraten betonieren Abstraktionen. Bürokraten applizieren Brachialgewalt, wie das heute an ostdeutschen Siedlungen und Schulen praktiziert wird.

 

Mathematik und Philosophie pflegen unterschiedliche Ambitionen und Sprachen. Hegel hat sie zum Nutzen beider Wissenschaften genial zur Korrespondenz gebracht, auf 200 Seiten, auch Physik und Chemie im Blick. Hegel hat sogar einige Begriffsentwicklungen der Mathematik vorausgespürt. Vor allem wollte Hegel Dialektik als Wissenschaft. Ein ungeheures Anliegen! Hegels Logik hätte da eine 3. Auflage verdient, doch Hegel wurde nur 61 Jahre alt. Wo er den Begriff „Matrix von Maßverhältnissen“ einbringt, stimmt noch alles, dort klingt sogar ein fraktaler Gedanke an, nur das Wort „Matrix“ kennt Hegel noch nicht, seine Interpreten erst recht nicht.

 

Hegel hat recht gegen die Philosophen. Nur - auf den letzten 18 Seiten hat Hegel Korrespondenzen realer Bewandtnisse nicht angemessen spezifiziert, das haben seine Interpreten auch nicht bemerkt. Im Umfeld seines Reizwortes „Knotenlinie von Maßverhältnissen“ hat Hegel Bezugsebenen von Beispielen vermengt. Unbemerkt. Die so entstandenen Vogelscheuchen hat er dann beschossen. Das Reizwort „Knotenlinie“ sollten wir vergessen. Matrix-Darstellung muss an seine Stelle treten.

 

Ganz richtig aber blieb Hegel durchgehend dabei, die Allmählichkeit von Wandlungen erkläre nicht den Quale-Wandel. Doch permanenten Quale-Wandel hat er nachgewiesen. Nach titanischer Arbeit ist er erschöpft. Da unterläuft ihm der Fehler, den er auf 200 Seiten überwunden hatte. Dergleichen kann den Cleversten passieren. Dem wackeren Einzelkämpfer Hegel werde das verziehen, doch ganzen Scharen Lehrbuch-Machern? „Quod licet Iovi, non licet bovi.“

 

Übrigens hat Hegel auch die sogenannten Elenchen kommentiert. Nur hat noch kein Hegel-Interpret bemerkt, was Hegel über Nichtlinearität alias Potenzen-Verhältnis und über Elenchen schrieb. Lenin dagegen ist ehrlich gewesen.

 

Hegel hat allmähliche Proportionsverschiebungen beim Wachstum von Städten gesehen: Das Quantum ist die Seite, an der ein Dasein unverdächtig angegriffen wird. Es ist die List des Begriffes, ein Dasein anzufassen, wo seine Qualität nicht ins Spiel zu kommen scheint. (346) Obwohl es daran keinen Zweifel gibt, hat für die unausgegorene Idee überdimensionierter Luftschiffe und Abwasseranlagen – für Giga-Projekte - die Regierung Brandenburgs Hunderte Millionen verschleudert. Da müsste Strafgesetzbuch § 266 „Untreue“ greifen.

 

Auch Wärmehaushalt und Körpermechanik von Tieren hängen ab vom Verhältnis zwischen Körperlänge, Oberfläche und Volumen des Körpers: Oberfläche wächst in zweiter Potenz zur Schulterhöhe, Volumen in dritter Potenz. Das beeinflusst allen Stoffwechsel der Lebewesen und die Evolution. Jahrzehnte nach Darwin wird dergleichen „Allometrie“ genannt und ist unübersehbar.

 

Nichtlinearität im Größen-Wandel eines Objekts bedeutet: Proportionen zwischen dessen Komponenten – also Eigenschaften - ändern sich. Mathematik macht das verständlich. Zum Beispiel fürs Verhältnis „Kapital/Arbeit“ bedeutet das Verschiebungen in den Handlungsspielräumen. Also ist Kapital nicht gleich Kapital.

 

Quale-Wandel, der sich in Schaumkronen andeutet, wenn er in den Tiefen längst im Gange ist, können wir verstehen, wenn wir nicht abstrahieren von der Nichtlinearität in der Entwicklung von Relationen innerhalb eines Quale. Wenn sich Relationen verschieben, dann wandeln sich Eigenschaften. Das hatte auch Lenin Hunderte Male richtig gesehen. Eigentlich sind es Bürokraten und kleine Leute, die allmählichen Quale-Wandel verleugnen, weil sie ihn in ihrer begrenzten Weltsicht nicht wahrnehmen, sie ergötzen sich an Ereignissen als den Schaumkronen auf der Oberfläche von Flüssen. Quale-Wandel von der Daseinsform „Zeit“ her zu definieren ist schlichtweg unangemessen. Von „Allmählichkeit der Revolution“ spreche ich, um zu provozieren. Dialektik im Inneren kann sich in zeitlicher Form äußern, doch die Geschwindigkeit ist nicht ihr Wesen.

 

Hegel hat im Zusammenhang mit Potenzverhältnissen nicht nur das Wort „Maß“ gebraucht. Hegel hat mehr noch gedacht an multiple Maß-Verhältnisse. Das sind zugleich Indikatoren der Multipolarität des Widerspruchssyndroms. Multiple Maßverhältnisse im Sinne habend verallgemeinert Hegel den Begriff des Exponenten einer Variablen. Exponent im Sinne Hegels kann im Rahmen multipler Maßverhältnisse ein System nichtlinearer Gleichungen sein, auch nichtlinearer Operator-Gleichungen. So hat Hegel das Prinzip der Nichtlinearität in der Philosophie verankert. Allmählichkeit erklärt nichts, aber Nichtlinearität erklärt das Quale-Umschlagen und dessen Allmählichkeit.

 

Vereinzelt war Hegel nicht exakt. Richtig sagt er, die Änderung der Größe ist dem Etwas „nicht gleichgültig“, es bleibt nicht, was es ist, “sondern die Änderung änderte seine Qualität.“ (S. 343) Nur heißt das nicht, dass ein fixes Quantum existiere, wo das Etwas „zugrunde ginge“. (343) Zwischen „Änderung“ und „Untergang“, zwischen „Untergehen als Prozess“ und „vollendetem (oder gar plötzlichem Untergang)“ ist wohl zu unterscheiden. Statt „Untergang“ wäre korrekt gewesen: „Ein Etwas schickt sich über sich hinaus“. Im Vorwort zur zweiten Auflage der Logik bat Hegel um Nachsicht. Das war am 7. November 1831. Sieben Tage später hatte ihn die Cholera dahingerafft.

 

Lehrbarkeit der Dialektik als pädagogisches Problem

 

Grundzüge der Dialektik sind gut, um allererste Aufmerksamkeit zu erregen: Was ist Dialektik? Gut ist auch zu wissen, dass biologische Arten und Gesellschaftsformationen sich entwickelt haben. Manchmal wird ein Freund der Dialektik seinen Zeitgenossen sagen: Leute, wendet die Entwicklungslehre an. Selbst Lenin hat zuweilen so gesprochen (z. B in „Staat und Revolution“), und wenn man die Entwicklungslehre „anwendet“, ist das ein erster Schritt zum dialektischen Denken.

 

Doch nachhaltig ist das nicht. Eine Doktrin auf Objekte „anzuwenden“ wird der Dialektik nicht gerecht. Man muss trainiert sein, Objekte, Zustände, Begriffe gedanklich zu explorieren. Man muss deren Eigenschaften (begriffliche Bestimmungen) aus den Keimen entwickeln. Das muss dem Weltbürger in Fleisch und Blut übergehen, dann wird er Dialektiker. Eine Vorstellung davon hat Hegel gegeben, als er explorierte, was „Sein“ und „Nichts“ ist. Hegels Logik ist eine riesige Exploration philosophischer Begriffe. Vergleichbar damit ist DAS KAPITAL von Marx. Beide Werke sind für den Nutzer sehr anspruchsvoll. Mit einmal Lesen ist es nicht getan. Manchmal ist schon mit einzelnen Gruppen von Sätzen zu ringen. Allmählich versteht man die „Logik“, Verzeihung – Dialektik.

 

Geniale Menschen sind unbewusste Dialektiker. Sie haben so etwas in ihrem Hinterkopf. Als Dialektiker im Geiste Hegels und als früher Kybernetiker exemplifiziert das Clausewitz („Vom Kriege“, Zweites Buch, 6. Kapitel) vermittels Napoleons Handlungsproblematik im italienischen Feldzug 1797. In Erfindungen hervorragender Ingenieure habe ich Dialektik gesehen. Aber erstens wird das in der Patentschrift nicht zum Ausdruck gebracht, und zweitens sind Erfinder zunächst schockiert, wenn man sie bittet: Lassen sie mich mal ihre Erfindung in meinen Worten ausdrücken. Danach sind sie angenehm überrascht, als hätten sie das Christkindlein gesehen.

 

Dialektik zu erlernen und zu trainieren ist sehr aufwändig. Zwischen den Extremen „Gar nichts“ und „Hegel/Marx“ sind Sprossen auf Hegels Leiter zu finden, Zwischenstufen. Die Gruppe der Grundzüge kann erstes Zwischenstadium sein. In vorstehendem Text sind mehrere Vorschläge enthalten. Mathematik und Kybernetik gehören dazu. Jetzt noch ein weiterer Vorschlag:

 

So wichtig auch immer Grundzüge der Dialektik für alle Propädeutik sind – Begriffsentwicklungen müssen auch zum täglichen Leben in Bezug gesetzt werden. Auch das ist in „Die Allmählichkeit der Revolution“ begonnen worden. Leicht sieht man, dass z.B. Hegels Figur des „Fürsichseienden für „Apartheit“ steht, wohin der Liberalismus tendiert und wo die Parteien einschließlich Linkspartei angekommen sind. Das bremst den Aufrechten Gang zu einer humanen Welt, in der kein Mensch mehr gedemütigt würde. Zu solchen Dialektika habe ich Material aus praktischer Arbeit als Bürgerrechtler. Und dann gibt es auch noch ganz trivialen Stoff, nämlich alltägliche Sätze, in denen das Wort „aber“ vorkommt. Was will man ausdrücken, wenn man das Wörtchen „aber“ verwendet? Ist also auch im Alltäglichen manchmal ein kleines bisschen Dialektik?

 

Nun schlage ich vor, die Leibniz-Sozietät möge einen Studienkreis für Dialektik bilden, zwei Drittel der Mitglieder mit einer eins in Mathematik oder einem höheren Zertifikat. Vielleicht würden meine Ingenieur-Kollegen mitwirken. Drei Voll-Mathematiker müssen dabei sein. Wir sollten Brücken schlagen zu Kennern der Künste und zu Promotern der De-Eskalation. Doch ohne Hegel geht es nicht: „Erst was bestimmt ist, ist exoterisch und fähig, gelernt und das Eigentum aller zu sein. Die verständige Form der Wissenschaft ist der Allen dargebotene und für Alle gleichgemachte Weg zu ihr....“

 

Drei Supplemente

 

I.

a) Der Deutschen Gesellschaft für Kybernetik, vor allem Prof. Siegfried Piotrowski (Paderborn), gebührt Dank für das Interesse zur Rekonstruktion des Aufstiegs und der Schwierigkeiten der Kybernetik in der DDR. In einer Reihe von Kolloquien ab 1999 hatte die Deutsche Gesellschaft für Kybernetik Zeitzeugen und Aktivisten des schwierigen Aufstiegs zusammengerufen. Nicht alle haben den Aufstieg betrieben, doch sie haben erneut das Wort ergriffen. Die Deutsche Gesellschaft für Kybernetik hat recherchiert und Aktivisten nach vielen Jahren erneut zusammengeführt. In einem Vortrag und in mehreren Diskussionsbeiträgen hatte ich vornehmlich die tiefgreifenden Korrespondenzen von Dialektik und Mathematik/Kybernetik behandelt. Früher oder später wird das auch noch publiziert werden.

 

b) Alsbald nahm die Deutsche Gesellschaft für Kybernetik auch Verbindung zur Leibniz-Sozietät auf. In einem korporativ veranstalteten zweitägigen Kolloquium 2002 wurde versucht, den 1912 geborenen und 1974 verstorbenen Georg Klaus zu würdigen. Auch dort habe ich die Korrespondenz von Kybernetik und Dialektik zur Sprache gebracht („Georg Klaus, die Dialektik, die Mathematik und das lösbare Problem disziplinärer Philosophie“). In einer kurzen Notiz habe ich auch auf die Arbeit der Kybernetik-Kommission des Forschungsrates der DDR hingewiesen. Daran hätte im neuesten Sammelband angeknüpft werden können.

 

c) Beide Korporationen luden für November 2007 zu einer Veranstaltung ein mit den zwei sinnverwandten Titeln „Kybernetik – evolutionäre Systemtheorie – Dialektik“ und „Kybernetik und Dialektik“. Zum ersten Mal nach vielen Jahrzehnten wurde versucht, dem Begriffspaar Dialektik/Kybernetik ein ganzes Tagungsprogramm zuzuordnen.

 

d) Schon Jahre zuvor hatten beide Korporationen den Sammelband „Kybernetik steckt den Osten an –Aufstieg und Schwierigkeiten einer interdisziplinären Wissenschaft in der DDR“ inauguriert. Für den Anfang 2007 gedruckten Sammelband hat Frank Dittmann in engagierter, mühevoller Kleinarbeit 20 schriftliche Beiträge acquiriert und druckfertig formatiert. Ich weiß nicht, ob Frank Dittmann dafür den hochverdienten Lohn empfangen hat. Deshalb bin ich Frank Dittmann auch nicht böse, dass einer meiner beiden in seiner Hand befindlichen druckfertigen Beiträge der Weiterleitung an den Verlag entgangen ist. Niemand ist in der Lage gewesen, Herrn Dittmann für seine anspruchsvolle Arbeit einen dotierten Forschungsauftrag zu vermitteln. Deshalb wäre es unbillig, ausgerechnet ihn dafür verantwortlich zu machen, dass mit der umfangreichen Publikation nicht alle Probleme gelöst worden sind, die zwangsläufig auftreten, wenn man möchte, eine komplizierte Komponente der Wissenschaftsgeschichte Revue passieren zu lassen. Frank Dittmann hat es vermocht, einen engagierten Berichterstatter von Werken des früh verstorbenen Manfred Peschel in die Edition einzubeziehen, nämlich Herrn Seising.

 

Freilich wären durch Zusammenarbeit mit Zeugen und Mitgestaltern der Kybernetik in der DDR einige Defizite vermeidbar gewesen: Wichtige Ereignisse wären ausnahmslos richtig eingeordnet worden, die Leistungen des Forschungsrates der DDR ab 1968 wären gewürdigt worden. Kenntlich gemacht worden wären auch die verderblichen Folgen der Ungleichmäßigkeit des Aufstiegs der Kybernetik in der DDR, die sich ab 1968 in Karrierismus und Opportunismus äußerten. Vor allem ab 1968 rief das den Widerstand seriöser, wenn auch konservativer Wissenschaftler und Ingenieure hervor. In meinem Lebenslauf werde ich darüber berichten. Einige Andeutungen unten in den beiden folgenden Supplementen.

 

II.

Nach wiederholter Durchsicht von Texten im Sammelband „Kybernetik steckt den Osten an – Aufstieg und Schwierigkeiten einer interdisziplinären Wissenschaft in der DDR“ gebe ich hiermit zu Protokoll:

 

a) Zum Widerspruch herausfordernd ist die Überschrift eines Kapitels auf Seite 13, welche lautet: „Das Verdikt von 1969“. Diese Formel nimmt unmittelbar bezug auf den Titel des Sammelbandes und ist deshalb von grundlegender Bedeutung. Bekanntlich können geschichtliche Prozesse nicht monokausal erklärt werden. Gewiss hat es 1969 eine restriktive, den Aufstieg bremsende autoritative Verlautbarung gegeben von Kurt Hager, Mitglied des Politbüros und des Sekretariats des ZK der SED. Hager war dort zuständig für die Bereiche Hoch- und Fachschulwesen, Volksbildung, Gesundheitswesen und darüber hinaus für ideologische Fragen. In der Praxis sprach man kurz von „Bereich Hager“. Multi-kausal gesehen könnte Hagers „Verdikt“ partiell auch inspiriert gewesen sein durch den ausufernden Karrierismus, vor dem ich ja selber auch gewarnt hatte. (s.u.)

 

Hager war aber nicht verantwortlich für die Bereiche Wirtschaft, wirtschaftsnahe Forschung und Forschungsrat der DDR. Dafür war sein gleichrangiger Kollege Günter Mittag zuständig, in der Praxis sprach man von „Bereich Mittag“. Als Hager restringierte, war im Bereich Mittag eine neue, der Kybernetik förderliche Initiative angelaufen. Deshalb führt die Formel „Das Verdikt von 1969“ in die Irre. Unzufrieden mit der Entwicklung der Kybernetik-relevanten Forschung in der DDR hatte sich der hochangesehene, mathematisch beschlagene Psycholog Prof. Friedhart Klix, der wenig später auch zum Präsidenten der Weltföderation der Psychologen gewählt wurde, an den Vorsitzenden des Forschungsrates der DDR, Prof. Max Steenbeck (Physiker, Magneto-Hydro-Dynamik) gewandt.

 

Der Forschungsrat der DDR war ein demokratisch arbeitendes Organ. Seine Mitglieder wurden vom Ministerrat zu dessen Beratung berufen. Seine primären Gliederungen waren sog. Gruppen, z.B. für Mathematik, Physik, Chemie, Maschinenbau, Medizin. (Insgesamt schätzungsweise knapp hundert Personen.) Außerdem gab es etliche Zentrale Arbeitskreise (ZAK) mit Mitgliedern aus der Akademie der Wissenschaften, aus Hochschulen und aus der Industrie, schätzungsweise 300 Personen. Mitte 1968 wurde Klix von Steenbeck eingeladen, die Beratung fand in Steenbecks Residenz an der Otto-Grotewohl-Straße statt und dauerte drei Stunden. Klix wurde von Steenbeck gebeten, eine Kybernetik-Konzeption für den Vorstand des Forschungsrates auszuarbeiten und geeignete Mitwirkende zu gewinnen. Als Mitarbeiter des Ministeriums für Wissenschaft und Technik habe ich an der Beratung teilgenommen, im Auftrag des Ministers hatte ich die Kybernetik-Kommission hinfort als deren Sekretär zu unterstützen.

 

(Gleich zu Beginn überschritt ich meine dienstliche Kompetenz und fertigte einen Entwurf für die Konzeption. Der Minister erfuhr davon, mir wurde hinterbracht, er habe geflucht. Da meldete ich mich beim Minister und wurde sofort empfangen. Der Minister belehrte mich freundlich und ließ erkennen, dass er meinen Eifer hoch schätze. Ich erwähne das um zu dokumentieren, dass man als verantwortungsbewusster Bürger der DDR sehr wohl Möglichkeiten hatte, sich bemerkbar zu machen. Ich habe das auch später genutzt.)

 

Ende August 1968 (es muss der 22. des Monats gewesen sein) trat die Kybernetik-Kommission zum ersten Mal zusammen. Ihr gehörten an: Prof. Karl Reinisch (Ilmenau), Prof. Helmut Thiele (Berlin), Prof. Hans Drischel (Leipzig), Prof. Günter Tembrock (Berlin), Prof. Ulrich (Greifswald), Prof. Friedhart Klix als Vorsitzender. Gleichzeitig wurde im Ministerium eine Abteilung für Mathematik/Kybernetik/Operationsforschung gebildet, anfangs bestehend aus Heinz Wassermann und Rainer Thiel, später kamen weitere Mitarbeiter hinzu. Wassermann war zu Beginn seines Mathematik-Studiums Teilnehmer meiner Philosophie-Seminare gewesen.

 

Leider stehen mir ministeriums-interne Aufzeichnungen und eigene Notizen über die Arbeit in der dreigliedrigen Abteilung nicht mehr zur Verfügung. (Vielleicht lagern sie im Bundesarchiv in Koblenz. Klix zur Erinnerung an die Geschichte zu animieren gelang mir nicht. Klix war voller Gedanken an neue Projekte und zugleich betroffen vom Tod seiner Frau. Ich kenne seinen Schwiegersohn und zwei seiner wichtigsten Mitarbeiter: Wissen sie, was aus Klix´ Nachlass geworden ist?)

 

Sicher ist, dass nach einigen Monaten der Entwurf einer Kybernetik-Konzeption (Wissenschaftskonzeption Kybernetik, kurz „WK Kybernetik“) im Vorstand des Forschungsrates beraten wurde. Der Vorstand bestand aus etwa 30 Personen, die Beratung fand im Hause Wallstraße .... am Spree-Arm nahe Spittelmarkt statt. Klix und mir war bekannt, dass mit Widerstand zu rechnen war vor allem von dem hoch angesehenen Mediziner Prof. Mitja Rapoport. Auch Physiker und Chemiker, die zugleich Akademie-Mitglieder waren (z.T. auch des Präsidiums der Akademie), hatten in vorausgehenden Gesprächen Mangel an Verständnis für die Kybernetik erkennen lassen. Zum Beispiel hatte der hoch angesehene Physiker Prof. Robert Rompe (zugleich Mitglied des ZK der SED) gemeint, die beste Kybernetik wäre die Physik der Atomhülle.

 

Beim Eintritt in das Haus am Spittelmarkt war Klix aufgeregt. Da treffen wir im Treppenhaus den Ökonomen Prof. Helmut Koziolek, Mitglied des ZK der SED und des engsten Kreises um Walter Ulbricht sowie Direktor des Zentral-Instituts für sozialistische Wirtschaftsführung (Bereich Mittag), wo Minister und Generaldirektoren „runderneuert“ wurden. Koziolek machte Klix Mut und ließ seine Sympathie erkennen. Ein paar Monate zuvor hatte ich in Vertretung des erkrankten Georg Klaus in Kozioleks Institut einen Vortrag zu halten. Aus dem Hochschulwesen (Bereich Hager) war ich 1967 ausgegliedert worden. Nun in persönlicher Vertretung von Klaus und eingeladen von Koziolek wies ich in meinem Vortrag auch darauf hin, dass die bisherigen Versuche in Ökonomie und Verwaltung, Kybernetik als System-Wissenschaft kennen zu lernen oder gar anzuwenden, noch nicht über die „nullte Stufe“ hinausgekommen sind, wir sollten uns nichts vormachen.

 

Das überraschte Kozioleks Mitarbeiter, ein Abteilungsleiter (Prof. Salecker) sagte zu mir: „Sonst warst du immer so optimistisch, und heute....“ Ich erwiderte: „Ich bin gar nicht pessimistisch, ich sage nur, dass wir endlich ernster werden müssen, nicht nur Kästchen malen.“ <Die Kästchen-Malerei wurde bald auch von seriösen Intellektuellen verspottet.> „Die erste Stufe wäre“ – sagte ich – „am Kästchen wenigstens ein Plus- oder ein Minuszeichen anzubringen, um anzuzeigen, ob wir es mit positiver oder negativer Rückkopplung zu tun haben.“ An uns Kybernetik-Fans gewandt, von denen etwa zehn meinem Vortrag und dem nachfolgenden Vortrag von Georg Wintgen über Operationsforschung beiwohnten, hatte Koziolek gerufen: „Genossen, helft der Partei, wir brauchen die Kybernetik.“

 

Und nun, vor der Beratung im Forschungsrat, erlebt Klix den Zuspruch von Koziolek. In der Beratung äußerte Rapoport wie erwartet Vorbehalte. Überraschend kam der entschiedenste Zuspruch von einem Maschinenbau-Professor aus Karl-Marx-Stadt: Er habe nach Klix´Vortrag und der schriftlich eingereichten Konzept zum ersten Mal verstanden, was Kybernetik will. Die Mathematiker fühlten sich durch unseren Auftritt ohnehin bestärkt, vor allem Prof. Nikolaus-Joachim Lehmann (Dresden), Schöpfer des Kleinrechners und später durch Konrad Zuse und das Deutsche Museum in München hoch geehrt, war unser Verbündeter.

 

Etwa zu dieser Zeit war durch die Reihen der Mathematiker ein Ruck gegangen. Viele von ihnen arbeiteten fern von Problemen der Industrie. Aber Walter Ulbricht galt im Forschungsrat als „unser großer Forderer und Förderer“ (wörtlich Steenbeck.) Und ich hatte das Glück zu erleben, wie auf einer Beratung, zu der die kleine Abteilung „Mathematik/Kybernetik“ im Ministerium für Wissenschaft und Technik eingeladen hatte, unter Zustimmung aller Anwesenden ein industrie-ferner Mathematiker sagte: „Wir wollen jetzt anfangen, auf neue Art Mathematik zu betreiben. Wir wollen bei industriellen Projekten von Anfang an einbezogen sein.“ Und so begann es auch zu werden. (Zwei Jahre später setzte Honeckers Bremse ein. Doch auch diese war – multikausal betrachtet – eine Reaktion auf Karrierismus und überbordendes Geschwätz.)

 

Die WK „Kybernetik“ wurde im Vorstand des Forschungsrates bestätigt, mit der praktischen Umsetzung konnte begonnen werden. Nicht alle Versuche, das Kombinat Carl Zeiss Jena und das Kombinat „Robotron“ mit der Akademie- und der Hochschulforschung zu verbinden, stellten uns zufrieden. Bei Zeiss und Robotron gab es Zurückhaltung, bei Zeiss wegen Rücksichtnahme auf hochvertrauliche Kooperation mit der Sowjetunion.

 

Zunächst konzentrierten wir uns darauf, die Akademie zur Gründung eines Instituts für Kybernetik und Informationsprozesse zu bewegen. Ich erinnere mich, als Mitarbeiter des Ministeriums mit dem Präsidenten der Akademie auf einer Beratung gestritten zu haben. Der Präsi beteuerte zugleich, er habe keine Räume für ein neues Institut. Da bin ich herumgelaufen, um für den Anfang Räume zu suchen. Ich fand ein rekonstruierbares Gebäude im Plänterwald. Schließlich fand die Akademie selber zwei Baracken in Berlin-Adlershof, das Institut wurde gegründet, vier Mitarbeiter von Klix wurden eingestellt, darunter die später zu Professoren berufenen Hubert Sydow und Werner Krause. Das muss Ende 1969 oder Anfang 1970 gewesen sein.

 

Auf einem Festakt in Adlershof wurde das neue Zentral-Institut offiziell gegründet, Nikolaus Joachim Lehmann beglückwünschte mich und meinte: „Herr Klix und Sie sind die Väter des Instituts.“ Das Institut wurde in wenigen Jahren zur Perle der Akademie. Es war angesiedelt in dem umfangreichen Bereich „Rechentechnik und Datenverarbeitung“, zu dem auch das Institut für Mathematik gehörte. Dessen Direktor Prof. Klaus Matthes hatte mich am Silvesterabend 1958 animiert, ein Werk der gehobenen Populär-Literatur aus der Sowjetunion („Poletajew“) in deutscher Sprache herauszubringen. Das gelang (über Probleme werde ich in meinem „Lebenslauf“ berichten), ich nannte das Buch „Kybernetik“, es erschienen zwei oder drei Auflagen und wurde noch vierzig Jahre später international gerühmt. Direktor des umfangreichen Forschungsbereich war jahrelang Prof. Manfred Peschel, mit dem ich später auch literarisch kooperierte. Ganz gewiss hat Manfred Peschel die Entstehung des Zentralinstituts für Kybernetik unterstützt.

 

Etwa zu gleicher Zeit – um 1969 - begann die Akademie, sich neu zu strukturieren und für ihre Bereiche und Zentralinstitute Beiräte zu installieren. Im Ministerium für Wissenschaft und Technik waren wir davon ausgegangen, dass so wie im Forschungsrat (Bereich Mittag) in diesen Beiräten Experten der Akademie, des Hochschulwesens und der Industrie kooperieren müssten. Da wurde mir durch Hubert Sydow telefonisch mitgeteilt, es gäbe einen Ukas aus der Umgebung des Präsidenten (da war der Einfluss von Hager stärker), die Akademie müsse „unter sich bleiben“. Unverzüglich fuhr ich nach Adlershof und sprach mit dem Direktor, Prof. Horst Völz, der der Industrie zugewandt war. Völz war recht kleinlaut und bestätigte mir, dass es einen solchen Ukas gibt. Sofort unterrichtete ich den für Grundlagenforschung zuständigen Stellvertreter des Ministers für Wissenschaft und Technik, Gen. Dr. Fritz Hilbert. Ich war überrascht, dass Hilbert zu erkennen gab, keinen Rat zu wissen. Ich deute das als Anzeichen darauf, dass der alternde Walter Ulbricht von Honecker, mit Rückhalt von Breshnew, an die Wand gedrückt wurde. Tatsächlich wurde Ulbricht durch Honecker würdelos an die Wand gedrückt, bis Honecker selber auf dem XIII. Parteitag der SED den Kaiserthron bestieg.

 

Kurz zuvor war ich vom Ministerium für Wissenschaft und Technik zur Mitarbeit an einer zentralen Prognosegruppe im Dienste Ulbrichts mit Anbindung an das Büro des Ministerrats vermittelt worden. Ich hatte verschiedene Gründe, mich dafür zu interessieren, mein Werk im Ministerium für Wissenschaft glaubte ich getan zu haben, die Pionierphase schien durchlaufen, Routinearbeit stand bevor, an meine Stelle konnten neue Mitarbeiter treten. Doch Ulbrichts Prognosegruppe wurde im Vorfeld von Honeckers Krönung aufgelöst, und ich saß in einer Falle. Ich hatte nur die Genugtuung, nach drei Jahren mit einem Berg von Blumen verabschiedet zu werden durch meine Kollegen, die mich manchmal belächelt hatten, aber nun zum Ausdruck brachten, dass sie meine kritisch-konstruktiven Avancen von unten nach oben mit Achtung beobachtet hatten.

 

b) Es gab also 1969 für die Kybernetik kein allgemeines Verdikt, sondern einen partiellen Aufschwung im Bereich Mittag. Dazu gehört auch die Wertschätzung von Mittags Lieblingsprojekt „Akademie für marxistisch-leninistische Organisationswissenschaft“ (AMLO) durch hochrangige sowjetische Experten (Aganbegjan aus Novo Sibirsk und andere.) Vom Ministerium aus hatte ich die Delegation zu begleiten. Ich kam nur einmal in Bedrängnis, als die Akademie der Wissenschaften (Präsident Hermann Klare) plötzlich ihre Dolmetscher abgezogen hatte, ohne dass ich das vorausgesehen hatte.) Doch Mittags AMLO wurde aus dem Boden gestampft mit mehreren Hallen in Berlin-Wuhlheide. Freilich war manches dilettantisch angelegt, zu einem Training von Generaldirektoren wurden ersatzweise Mitarbeiter des Ministeriums für Wissenschaft und Technik eingesetzt, das Training war sehr naiv konzipiert, was die Generaldirektoren erheiterte. Ich suchte das im Ministerium beim ersten Staatssekretär zur Sprache zu bringen, doch der sagte nur: „Was willst Du denn, das haben doch Professoren gemacht.“

 

Es ist also ungerecht, von einem allgemeinen Verdikt 1969 zu sprechen, wie das auf Seite 13 ff in „Kybernetik steckt den Osten an“ geschah. Es gab nur einen Verriss durch Kurt Hager (Bereich Hager). Wenn man die Dinge auf die Goldwaage legt, könnte sich sogar zeigen, dass Hagers Verlautbarung auch anders hätte ausfallen können, wenn ihm nicht total zufällig ein Text zur Kybernetik in die Hand gefallen wäre, der ihn misstrauisch gemacht hatte. Sicherlich hatte Hager seine Position gegenüber Honecker festigen wollen. Auch Hagers philosophische Ansichten standen nicht für die Kybernetik, doch als Politiker war er damals noch fähig, die progressive Rolle von Klaus zu verstehen, und auch das lag in seinem Interesse. Hager hatte oft seine Hand über Georg Klaus gehalten, er hatte Klaus als erstem Philosophen der DDR den höchsten Orden – den Karl-Marx-Orden – besorgt (wann war das?) und zu seinen Mitarbeitern auch schon mal gesagt: „Lasst mir den Klaus in Ruhe.“ Hager hatte ursprünglich auch Bloch protegiert. Einschneidende Veränderungen sind nicht an einer einzigen Person festzumachen. Dazu habe ich längst publiziert, sehr zum Missfallen verantwortlicher Zeitgenossen.

 

Ein Anfang zur Historie der Kybernetik in der DDR ist gemacht, ein Anfang. Demnächst werde ich weiteres Material vorlegen, das mit meinem Lebenslauf zusammenhängt.

 

c) Völlig unbeleuchtet blieb bisher, dass sich ab 1968 von Intellektuellen an der Basis – jawohl an der Basis - Unmut gegenüber der Kybernetik entwickelte, den Honecker und andere ausgenutzt haben. In meinem Buch „Marx und Moritz – Unbekannter Marx – Quer zum Ismus“ (1998, dort Kapitel 2 „Geschlagne Truppen lernen gut....?“) und 1992 in kleineren Texten habe ich darauf hingewiesen. Das erzürnte diejenigen, die selber den restringierenden Unmut provoziert hatten: Als nämlich 1967 auf dem VII. Parteitag der SED Walter Ulbricht deutlich gefordert hatte, jetzt endlich mit der Kybernetik ernst zu machen, war ein Ruck durch die Reihen der sog. Gesellschaftswissenschaftler gegangen. Man spürte, dass es zur Einrichtung von Professuren kommen würde, und man wollte seine Eignung zur Schau stellen.

 

Der Umschwung nach Ulbrichts Forderung auf dem VII. Parteitag der SED war so plötzlich eingetreten, dass Prof. Wilhelm Kämmerer (ZRA 1, Jena) meinte: „Bis jetzt haben wir für die Kybernetik kämpfen müssen, dafür sind wir getreten worden, und jetzt glauben alle, ohne Mühe die Kybernetik vertreten zu können. Was sollen wir jetzt tun?“ Das war auch meine Frage. Ein hochrangiger Soziologe sagte: „Nun werden wir unsre Zahlen in den Rechner eingeben, der denkt für uns.“ Aha. Es genügte sog. Gesellschaftswissenschaftlern nicht, von „Rückkopplung“ zu sprechen. Obwohl Anglismen bei uns verpönt waren, sprachen sie jetzt von „feedback“. Das schien ihnen wissenschaftlicher zu klingen.

 

Über die plötzlich ausbrechende „Kästchenmalerei“ hatte ich schon gesprochen. Parallel geriet die noch sehr junge „Systematische Heuristik“ von Johannes Müller, Peter Koch und anderen in einen Mode-Taumel, der den Ingenieuren auf die Nerven ging.

 

Einfacher hatten es die Philosophen, die sich von Anfang an schon auf ihre Ideologie gestützt hatten, um Kybernetik und Mathematik dem Misstrauen auszuliefern, indem sie den Eindruck hervorriefen, die Kybernetiker könnten die Philosophie überflüssig machen wollen. Noch heute stellen sie die Frage „Kybernetik als Philosophie-Ersatz?“ Es blieb ihnen unbegreiflich, dass eher zu fragen war, wie Mathematik und Kybernetik der Philosophie helfen könnten. Ihr Verständnis für die Rolle der Mathematik erschöpft sich bis heute darin zu sagen, mit Mathematik könnte alles ein bisschen präziser werden. Natürlich geht das am Wesen der Mathematik vorbei. Ich habe das seit 1967 angedeutet (Vorwort von „Quantität oder Begriff – der heuristische Gebrauch mathematischer Begriffe“ und 1975 („Mathematik - Sprache – Dialektik“) eingehend begründet, was bald auch von Manfred Peschel und Nikolaus Joachim Lehmann bestätigt wurde.

 

Den Tatsachen entgegengerichtet sind die Ausführungen von G. Kröber auf den Seiten 92 und 93 f. Die tatsächlich 1962, 1967 und 1975 veröffentlichten Einsichten zur Rolle der Mathematik im philosophischen Bereich sind durch Kröber verstümmelt zur Schau gestellt oder einfach ignoriert worden. Dabei hätte es G. Kröber in der Hand gehabt, kraft seines seinerzeitigen Amtes die mühevolle Entwicklung der errungenen Einsichten zu erleichtern.

 

Bei solcher Haltung führender Philosophen musste eine Lage entstehen, die 1969 zu Hagers „Verdikt“ und 1971 auch zu den Irritationen Honeckers, leider auch zu Irritationen von einigen seriösen Akademikern geführt hat, die nach dem VIII. Parteitag 1971 meinten: „Jetzt ist endlich bewiesen, dass Kybernetik und Psycho-Analyse Pseudowissenschaften sind“, während Parteifunktionäre riefen: „Jetzt ist endlich Schluss mit dem Systemgerede.“ Das war dann sogar Honecker zuviel, der sich ein halbes Jahr nach seiner Inthronisation um Schadensbegrenzung bemühte. Doch was geschehen war, auch im Umfeld der Kybernetik, warf die DDR um Jahre zurück.

 

e) Nun bleibt die Hoffnung, dass eines Tages ein neuer Anlauf unternommen werde, ein interessantes Kapitel der Geschichte wissenschaftstheoretisch aufzuarbeiten. Ich schließe nicht aus, dass auch höhere Gewalten die bisherige Arbeit beeinflusst haben. Leider sind wichtige Zeitgenossen und Mitgestalter schon nicht mehr unter uns: Wilhelm Kämmerer, Nikolaus Joachim Lehmann, Manfred Peschel, (die drei Erstgenannten parteilos), Helmut Thiele, Friedhart Klix. Ich verneige mich vor ihnen.

 

III.

 

Die links-alternative Bewegung – in ihren Reihen viele Intellektuelle – hat von Entwicklungen wie den vorstehend memorierten nicht erkennbar Kenntnis genommen, nicht einmal von der Dialektik, deren Namen einige auf ihr Banner geschrieben hatten. Umso interessanter sind jüngste Äußerungen:

 

a) Robert Steigerwald, Ehrenvorsitzender der Marx-Engels-Stiftung, Redakteur und Mitherausgeber der Marxistischen Blätter, setzt sich in der Zeitung Junge Welt 3./4. November 07 mit der überwiegend verquasten Entwicklung philosophischen Denkens auseinander und schreibt u. a.:

 

„Als der marxistische Philosoph Walter Hollitscher (1911 – 1986) aus der englischen Emigration heimkehrte, brachte er die Kenntnis jener wissenschaftlichen Entwicklungen mit, von denen wir in Nazideutschland abgeschnitten waren. Hollitschers Freunde waren der Physiker und Wissenschaftsphilosoph John Bernal, der Historkier Eric Hobsbawn, der Begründer der Kybernetik Norbert Wiener, der Chemiker Linus Pauling, der marxistische Philosoph Maurice Cornforth und andere. Niemand unter den europäischen Kommunisten war so gut über den aktuellen Stand in den Naturwissenschaften und der Philosophie informiert wie er. Hollitscher hielt dazu an der Humboldt-Universität eine Vorlesungsreihe, doch als die Texte veröffentlicht werden sollten, begann eine regelrechte Hetzjagd gegen ihn. Er .... mußte eine beschämende, bis auf den Auftritt des Philosophen Georg Klaus (1912 – 1974) mehr als niveaulose Diskussion durchstehen.“ .... Steigerwald setzt fort mit Ausführungen, die dazu dienen, die Rolle von Georg Klaus und seinen Mitstreitern ins rechte Licht zu setzen.

 

b) Mit dem Thema „Lenin und die Dialektik – Wiederentdeckung und Beharrungskraft in Philosophie und Weltpolitik“ befasst sich in „Sozialistische Hefte für Theorie und Praxis“ Nr. 15, Dezember 2007 sich Kevin B. Anderson, Professor an der Purdue University, Indiana. Die beiden ersten Abschnitte sind überschrieben „Lenin, Hegel und der ´westliche Marxismus´: die unterirdische Beziehung“ und „Lenin, Hegel und die Dialektik“. Zurecht wird dort aus den Philosophischen Heften Lenins zitiert: „Begriffe, die für gewöhnlich tot erscheinen, analysiert Hegel und zeigt, dass in ihnen Bewegung ist.“ Und „Man kann das ´Kapital´.... nicht vollständig begreifen, ohne die ganze Logik von Hegel durchzustudiert und begriffen zu haben. Folglich hat nach einem halben Jahrhundert nicht ein Marxist Marx begriffen!!“ Zurecht versucht Anderson, Lenins Werke „Materialismus und Empiriokritizismus“ (1908) und „Annotationen zu Hegel“ (1915, enthalten in „Philosophischer Nachlass/Philosophische Hefte“) zu vergleichen. Letztere stellen sehr hohe Ansprüche an den Leser und wurden in der DDR kaum zur Kenntnis genommen.

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Dr. habil. Rainer Thiel, www.thiel-dialektik.de

Vortrag bei Gesellschaft für Kybernetik (GfK) am 22. November 2008 im Clubhaus der Freien Universität Berlin, Goethestr. 49, 14163 Berlin. II. Kolloquium der GfK „1948 – 2008: 60 Jahre Kybernetik“

Kybernetik und Entwicklung der Dialektik – Ergebnis und Perspektiven

Liebe Freunde der Kybernetik, zu denen ich mich rechne - bitte nehmen Sie meine heutigen Worte als Ergänzung des Vortrags, den ich vor einem Jahr in der Leibniz-Sozietät gehalten habe. Leider entzog sich die Leibniz-Sozietät ihren Gästen, um gleichzeitig in einem anderen Haus zu tagen. Mein Vortrag vor einem Jahr hieß

„Zur Lehrbarkeit dialektischen Denkens – Chance der Philosophie. Mathematik und Kybernetik helfen“.

Dieser Vortrag ist noch nicht gedruckt, also ist er virtuell. Physik und Philosophie waren schon oft in virtueller Beziehung zueinander. Mit „virtuell“ meine ich:

Philosophen gaben Anregungen, sie wurden aber nicht wahrgenommen. Hegel wurde sogar verteufelt. Als dann Physiker diesem Philosophen gerecht wurden, geschah es sehr spät, ohne Besinnung auf Hegel.

Dafür ein Beispiel: Die Raum- und Zeit–Auffassung der Newtonschen Physik und ihr bedauerlicher Reflex bei Immanuel Kant. Aber Kant schien den Physikern hundertfünfzig Jahre lang als der größte Philosoph. Indessen, schon wenige Jahre nach Kant hatte der Philosoph Hegel den Kantschen Reflex der Newtonschen Physik so tiefgründig kritisiert, dass er den Physikern hätte Anregung sein können. Als dann Einstein aus Experimenten seine Schlüsse gezogen hatte, war Hegel vergessen, ein toter Hund mitsamt Marx und Engels. (Darüber Rainer Thiel: „Newton, Marx und Einstein“, Diplomarbeit, veröffentlicht in Aufbau, Kulturpolitische Monatsschrift, Berlin Ost, 1957 Nr. 5 und Nr. 6) Und so ging das weiter. Deshalb behaupte ich: Die bisher besten Beziehungen zwischen den Fakultäten sind leider nur virtueller Natur. Statt „virtuell“ könnte ich auch sagen „potentiell, sie müssten wirksam gemacht werden“. Kybernetiker aber haben bessere Chancen, virtuelle Beziehungen zu verwirklichen.

Dazu erlaube ich mir sechs Beispiele, wie fruchtbare Kontexte zur Kybernetik entstanden sind, virtuelle Verflechtungen, die Norbert Wiener freudig ernst genommen hätte. Ich muss also Verflechtungen sichtbar machen und hoffe auf Initiativen bis tief hinein ins Bildungswesen.

1.) Zuerst ein Kontext, der Kybernetikern weitläufig erscheinen könnte, aber dank Mathematik als Medium der Kybernetik von weitreichender Bedeutung ist. Das Stichwort heißt Nichtlinearität:

In „nichtlinearen“ Funktionen kommen Variable in einer von 1 verschiedenen Potenz vor. Galilei hatte eine Idee, die darüber hinaus wies. Doch erst der prononcierte Dialektiker Hegel erkannte „Nichtlinearität“ als Weltgesetz aller Entwicklung, besonders des Umschlagens der sog. quantitativen Wandlungen in qualitative. Totales Un-Verständnis dafür wurde zu einer selbstmörderischen Fallgrube sozial ambitionierter Denker. Erst hundertfünfzig Jahre nach Hegel wurde „Nichtlinearität“ wenigstens zur Quelle von Theorien wie der sog. Chaos- und Ordnungstheorie, die auf den kybernetischen Rückkopplungsbegriff rekurriert. Diese Theorie könnte auch der Philosophie ein Himmelreich der Erkenntnis öffnen. Hinweise in meinem Vortrag vor einem Jahr. Ausführlicher in meiner Monographie „Die Allmählichkeit der Revolution – Blick in sieben Wissenschaften“, LIT-Verlag 2000.

2.) Nun ein Beispiel, das den Kern der kybernetischen Regelungstheorie betrifft, den Begriff der Rückkopplung. Im Jahre 1953, fünf Jahre nach Wieners Buch, schrieb ein Professor der Elektrotechnik namens Tustin in Cambridge Massachussets: „Die allgemeine Vorstellung, dass ‚Wechselwirkung´ ein Schlüssel zum Verständnis des Verhaltens ökonomischer Systeme ist, ist natürlich sehr alt. Es handelt sich zum Beispiel genau um das, was Engels <also Friedrich Engels> durch seine ´dialektische Beziehung´ auszudrücken versuchte.“ (Vgl. R. Thiel: „Quantität oder Begriff – Der heuristische Gebrauch mathematischer Begriffe“, Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin Ost, S. 407)

Von dieser Vorstellung waren Georg Klaus und sein Anhänger besessen. Das half aber nicht viel. Klaus und sein Mitstreiter wurden bedrängt. Ihre Fach-Genossen in Philosophie und Ökonomie führten die Worte „Dialektik“ und „Wechselwirkung“ nur im Mund. Inzwischen hat das Publikum deren Lehrbücher entsorgt. Das war genau so kurzsichtig. Also muss Geschichte analysiert werden. Und da kann man an Kybernetik nicht vorbei. Schon der Stabilitätsbegriff der Kybernetik reicht in die Dialektik hinein und verweist die Stabilitätsvorstellung der Nicht-Kybernetiker in die Mechanik starrer Körper. Philosophen und Ökonomen verstanden nicht das Interessante an der Rückkopplung, nämlich die Struktur und zweitens die innere Dynamik samt möglicher Stabilität und vor allem jene Zielstrebigkeit in Natur und Gesellschaft, die ohne Theologie auskommt. Den damaligen Glauben von Philosophen an die Höherentwicklung der Gesellschaft teile ich heute noch, doch ich leite daraus gemeinnützige Arbeit ab, damit es nicht zum Untergang komme.

Wer damals von Dialektik sprach, hatte durchaus Anlässe, von Höherentwicklung zu sprechen. Doch das war in Philosophie und Politik mit mechanistischen Vorstellungen von Zielstrebigkeit verbunden, mit der primitiven Zielstrebigkeit von Billard-Kugeln: Von außen angestoßen, verharren sie in ihrer Richtung, solange keine Kräfte einwirken. Was darüber ist, wäre Theologie. So sagte man. Und Stabilität gilt ihnen heute noch als Konstanz des Ziegelsteins. Das Bild starrer Körper durchdrang die Interpretation gesellschaftlicher Kräfte. Nur einige Schriftsteller drangen tiefer. Doch das reichte nicht, um zum universellen Begriff der dialektischen Wechselwirkung zu führen. Das hat Georg Klaus und seinen Mitstreiter geärgert.

Der Mitstreiter erinnert sich, wie er selber zum ersten Mal den Unterschied von mechanischer Wechselwirkung und kybernetischer Rückkopplung empfand, ohne schon etwas von Kybernetik gehört zu haben. Das war 1940. Kindern war durch Ballspiele und durch Erlebnisse mit Murmeln die mechanische Wechselwirkung etwas Vertrautes. Wenn aber ein Kind rein zufällig das Glück hatte, seine kindliche Neugier bewahrt zu haben, weil sie ihm durch die Eltern nicht geraubt worden war, dann konnte etwas Interessantes geschehen. Ein solches Kind konnte es wie ein Wunder empfinden, dass überm Toilettenbecken im Wasserspülkasten das einströmende Wasser ganz von selber seinen weiteren Zustrom unterband. Es konnte nicht zum Überlaufen kommen. Dieses Phänomen fiel aus dem Rahmen der kindlichen Erfahrungswelt heraus. Es entsprach nicht dem Muster der Ballspiele oder der Wasserspiele mit Gießkannen. Der Unterschied war aufregender als das Märchen vom Rumpelstilzchen. Das Kind, das den Unterschied empfand, war höchstens 12 Jahre alt, das lässt sich belegen, denn 1942 verzog die Familie in eine Altbauwohnung ohne Wasserspülung. Zuvor aber hatte sich das Kind von seinem Vater, einem Klempnermeister, das Wunder erklären lassen: Das ansteigende Wasser hebt einen Schwimmer samt angelagertem Hebel in die Höhe, und dieser Hebel drückt einen Stopfen ins Zuflussrohr des Wassers. Der Wasserfluss kompensiert sich selber.

Fünfzehn Jahre später las Kind, das sich immer noch wundern konnte, zum ersten Mal Das Kapital von Karl Marx. Da fand es Wechselwirkungen analysiert mit folgenden zwei Eigenschaften: Zunächst wechselwirkt es wie in der Mechanik. Doch die Pole der Wechselwirkung waren auf separaten Bahnen zu einem Kreis zusammengeschlossen, sodass sie ein perennierendes Resultat garantieren, als ob ihnen ein Ziel implantiert wäre. Deshalb das Reizwort „Zielstrebigkeit“. Das Ziel konnte von dreierlei Art sein: Permanenz der Wechselwirkung bis zu ihrem Einschlafen, also negative Rückkopplung, zweitens Permanenz der Wechselwirkung in Form von Schwingungen um Normzustände und drittens gegenseitige Verstärkung bis zu einem neuen stabilen Zustand, eventuell bis zum Untergang des Systems, also positive Rückkopplung.

Hatte sich das Kind über Selbstregelung und Selbstkompensation im Wasserkasten gewundert, dann mussten analoge Strukturen im Werk von Marx zum Notieren reizen, nun auch schon strukturgleiche Wechselwirkungen in dreierlei Art. Kurz zuvor war der Student durch Georg Klaus auf die Kybernetik aufmerksam geworden. Das half, Kindheitserlebnisse weiterzudenken und eine Dissertation zu verfassen über die

„Existenz kybernetischer Systeme in der Gesellschaft“.

Natürlich war Klaus nicht überrascht von dieser Arbeit. Doch er war so angetan, dass er für Publikation sorgte und einen Satz hinzufügte: Unsere Erkenntnis ist wichtig für den Aufbau des Sozialismus.

Klaus und sein Mitstreiter konnten Philosophen und Ökonomen nicht überzeugen, dass das Muster der Wechselwirkung im Sinne von Marx und Kybernetik hätte helfen können, Probleme der erwünschten sozialistischen Gesellschaft zu verstehen und z.B. starre Planung flexibel machen. Wir begannen auch nachzudenken über die Rückkopplung von Volk und Partei, wie sie Marx in seiner dritten Feuerbachthese gefordert hatte. Doch als im Jahre 67 Walter Ulbricht forderte, die Kybernetik zu studieren, begann Geschnatter von Ökonomen. Einziges Resultat war: Das Wort „Rückkopplung“ wurde durch das Wort „Feedback“ ersetzt. Amts-Philosophen fühlten sich von der Kybernetik bedroht, statt Chancen zu erkennen.

3.) Nun ein drittes Beispiele zur Verflechtung der Kybernetik in Kontexte:

Georg Klaus und sein Mitstreiter hatten gespürt, dass ihre Erkenntnisse auch Pfade erschließen, die philosophische Dialektik, besonders den Begriff des dialektischen Widerspruchs, mit Mathematik zu verbinden. In erwähnter Dissertation von 1962 wird angeknüpft an die Darstellung von Rückkopplungssystemen durch Differentialgleichungen mit Funktionen X(t) und Y(t) . Dabei bedeutet t die Zeit, t kann aber auch ein anderer Parameter sein. Es kann sogar ein Parameter sein, der den Grad eines Phänomens ausdrückt, die Intensität, eventuell die Kraft zweier Kontrahenten, zu der sich Konfliktforscher äußern. In der Dissertation wird auch ausgeführt, dass X(t) nicht eine Störung im Sinne der Regelungstheorie sein muss, es kann allgemein als Charakteristik eines der Wechselwirkungs-Pole aufgefasst werden. Ähnlich ist das von Georg Klaus ausgedrückt worden. Dabei auf den Begriff der zufälligen Störung bezug zu nehmen ist nicht falsch, aber ablenkend. Mit Bezugnahme auf den Begriff der Störung wird nur potenziert zum Ausdruck gebracht, dass durch Rückkopplung Zielstrebigkeit begründet wird. Auch das entspricht einem Gedanken von Hegel.

Klaus schrieb 1962 in seinem Buch „Kybernetik in philosophischer Sicht“: Verlaufskurven einer gedämpften, einer stationären und einer eskalierenden Schwingung seien als Verhaltenslinien dialektischer Widersprüche aufzufassen. Zugleich verwies er auf die Darstellbarkeit durch Differentialgleichungen. Für mich ist das Nutzung mathematischer Sprachen. Fünf Jahre später wurde das dank Georg Klaus auch erwähnt in einem Lehrbuch des Dialektischen Materialismus. Genannt wurden dort auch die Worte „ultrastabil“, „multistabil“ und „lernende Systeme“. Danach aber fielen die Lehrbücher zurück, partiell auch in Geschwafel. Das trug bei zur Frustration des akademischen Nachwuchses aller Fakultäten.

Mathematik ist nicht unerlässlich, um Rückkopplungen aufzuspüren und sich der Dialektik zu nähern. Doch Sicht auf stetige Funktionen kann anregen, die Sicht auf Entwicklungen von dem Zwang zu befreien, Geschichte immer nur als Aufblitzen von Ereignissen zu verstehen. Da werden Rückkopplungen verdeckt. Geschichte ist auch Wandlung von Potenzen, die unterirdisch wirken, ohne sich in journalistisch verwertbaren Ereignissen zu manifestieren. Unterschwellige Ströme können sogar durch Ausbleiben denkbarer Ereignisse wirken, wie Clausewitz erkannte. (S. 130) Mitunter machen sich Änderungen von Parameterwerten, von Potenzen bemerkbar in Krisen, in Krächen und Aufständen. Doch was sich wiederfindet in Archiven ist nur die Hälfte der Geschichte. Unsichtbare Hälfte – das sind Wandlungen von Parameterwerten, von Potenzen, von Rückkopplungen. Parameterwerte können geschätzt werden. Nicht sicher genug für Voraussagen, doch prägnant genug, um Denken anzuregen. Historische Prozesse ausschließlich durch Events zu repräsentieren habe ich vor Jahren in der Studie „Die Allmählichkeit der Revolution“ kritisch beleuchtet. Auf Events berufen sich Fernsehsender wegen der „Einschaltquote“. Gegenüber Gottschalk hat Reich-Ranicki recht.

4.) Nun ein vierter Kontext, in den Kybernetik verflochten ist, mehrfach sogar. Interpreten, die mit der Dialektik kokettieren, bezeichnen jede Entgegensetzung als „dialektischen Widerspruch“. So habe ich vor Jahrzehnten auch gedacht. Da wurde mir durch einen ehrwürdigen Professor im Seminar erwidert: „Was Sie meinen, ist ja nur die Repugnanz, wo ist da die Dialektik?“ Der alte Herr hatte recht. Begriffen habe ich das erst, als ich gemeinsam mit erfinderischen Ingenieuren eine Methodik des Erfindens ausarbeitete, die auf die technisch-ökonomische Entwicklung Bezug nimmt: rückwärts analysierend, vorwärts analysierend und strebend. Wohlgemerkt entwicklungsbezogen.

Skelett der Methodik ist ein heuristisches Programm in Form eines Algorithmus, doch mit substantiellen Prämissen und Erläuterungen. Die Methodik regt an zu untersuchen, wie aus der technisch-ökonomischen Entwicklung heraus und beim Höherschrauben von Parameterwerten, beim Höher-Entwickeln mit Spaltungen zu rechnen ist. So werden Repugnanzen antizipiert. Damit findet man erfinderische Aufgabenstellungen. Schon das ist ein Stück Weg, um wünschenswerte Ziele realiter zu erreichen. Auch beim Finden von Lösungen kann eine Spaltung hilfreich sein, nämlich als Spaltung eines Objekts in Komponenten, die sich gegenseitig in gewünschter Weise kompensieren analog dem Kompensationspendel. Selbstkompensation steckt ja auch im Rückkopplungskreis. Dieses Bild im Hinterkopf steuerte den Erfindungs-Methodiker. Und so haben wir seit 1980 in Berlin, in Erfinde-Workshops, Erfindungsaufgaben entwickelt, um Kollision von Wünschen durch widerspruchslösende seriöse Erfindungen zu überwinden und dabei auch das Kompensationsmuster lenkend anzuwenden. Das ist uns oft gelungen. Und so verstehen wir Kreativität. Was ich in Nürnberg auf der Erfinder-Messe gesehen habe, entsprach nur selten diesem Kriterium.

Eine solche Methodik der Kreativität wird heute unterm Namen „Widerspruchsorientierte Innovationsstrategie“ in Industrie-Unternehmen und Hochschul-Seminaren praktiziert. Exponent ist mein Freund Prof. Dr. Ing. Hansjürgen Linde, früher in Gotha, seit 1991 in Coburg. Meinerseits beobachte ich, dass diese Methodik – mutatis mutandis – auch in anderen Lebens-Bereichen praktiziert werden kann. Dazu analysiere ich Erfahrungen zum Beispiel in Bürgerinitiativen. Das scheint mir im Sinne der philosophischen Hintergedanken von Wiener zu sein. Es würde der philosophischen Dialektik dienen und jene Kreativität befördern, die über Kinderspiele hinausgeht.

Bekanntlich wird auch die Theorie der strategischen Spiele im Sinne von Neumann/Morgenstern der Kybernetik und der Dialektik zugeordnet. Doch Widersätzlichkeiten, Repugnanzen, kommen dort vor ohne ihre genetischen Wurzeln, die zum Wesen des dialektischen Widerspruchs gehören. Auch sind ihre Ziele nicht etwa befreiende Auflösungen von Widersprüchen, sondern lediglich rationale Variantenauswahl und ohne Kreation von Strategien. Da bin ich mit der Kybernetik, der Steuermannskunst, bisher nicht zufrieden. Strategische Spiele steigern nur das Bedürfnis nach neuen Strategien. Gleichwohl müssten strategische Spiele im Sinne von Neumann/Morgenstern auch in allgemeinbildenden Schulen behandelt werden, weil sie beitragen, die Binnendialektik von Repugnanzen zu durchleuchten. In den Schulen würde ein wenig Theorie der strategischen Spiele beitragen zu zeigen, dass Mathematik mehr ist als Bruchrechnung.

Um Rückkopplungs-Kybernetik und Widerspruchsdialektik auch im täglichen Leben fruchtbar werden zu lassen, sind Anknüpfungspunkte zu finden. Solche Punkte sind massenhaft gegeben durch Worte wie „aber“, „doch“, „trotzdem“, „dennoch“, „Dilemma“ und „Zielkonflikt“, auch „Dissonanz“ und „Komplementarität“. Stets kann man fragen: Was liegt der Verwendung dieser Worte zugrunde? Beim Lesen Hegels sinnierte Lenin über Dialektik in den einfachsten, täglich anzutreffenden Dingen, und er notierte: „Auf diese Weise kann (und soll) man in jedem beliebigen Satz ..... die Keime aller Elemente der Dialektik aufdecken und so zeigen, dass der gesamten menschlichen Erkenntnis überhaupt die Dialektik eigen ist.“ (LW 38 S. 343). Das kann man auch auf die Kybernetik beziehen. Dann würden Kybernetik und Dialektik im Volksbewusstsein Wurzeln schlagen. Dann könnte man auch Lenins Forderung erfüllen, „die Sache selbst“, also die Wechselwirkung selbst zu erforschen statt drum herum zu reden. Das Drum-herum-Syndrom ist auch in der Bundesrepublik virulent, nur in andrem outfit. Die Kybernetik ist in dieser Hinsicht besser dran, denn wenn sie von „Rückkopplung“ spricht, redet sie nicht um die Sache herum, sondern behandelt sie im Reichtum ihrer Bestimmungen, also konkret. Aber Lenins Notat, das 1915 beim Lesen Hegels und anderer Philosophen entstanden ist, blieb bis heute unbeachtet von Verbalisten, denen ihre Sachen selbst samt Hegel und Marx zu schwierig waren. Die Verbalisten sind auch zu sehr auf sich selber fixiert, um praktische Bedürfnisse zu spüren.

Regelkreis/Verstärkerkreis lassen sich von Kindern leicht verstehen. Darüber hinaus wäre Verständnis für dialektische Widersprüche zu entwickeln. Anzusprechen wären Didaktiker der Unterrichtsfächer Mathematik, Physik, Biologie und Geschichte. Das Verständnis der Schüler, in Relationen zu denken, würde befördert. Im allgemeinen drücken Menschen ihre Befindlichkeit aus, doch sie erkennen nicht die Relationen, die sie durchleuchten müssten. Sie denken abstrakt. Umso mehr brauchen wir auch die Sprachen der Netzwerke und Matrizen als Kulturfaktoren.

Doch eines ist hervorzuheben: Repugnanz ist erst dann als dialektischer Widerspruch qualifiziert, wenn die Wechselwirkung entgegengesetzter Pole auch als Resultat einer Entwicklung verstanden wird, welche zu Spaltungen führt, mit Differenzen beginnend, sich entwickelnd zur Entgegensetzung. Repugnanz zusammen mit ihrer Wurzel, der Spaltung innerhalb von Entwicklungsprozessen – erst das ist der dialektische Widerspruch. Sinngemäß schrieb Marx: Technologische Erklärungen taugen nicht viel, wenn ihnen „das historische Element“ fehlt. (MEW 23 S. 392) „Abstrakt naturwissenschaftliche Materialismus“ taugt nichts, weil er „den historischen Prozess ausschließt“. (a.a.O. S. 393) Und weiter sinngemäß: Entwicklung von Repugnanzen ist der „einzig geschichtliche Weg ihrer Auflösung und Neugestaltung.“ (a.a.O. 23 S. 512) Das wäre eine höhere Stufe der Steuermannskunst: Noch mehr Dialektik und viel mehr Kreativität. Durch Dialektik und durch weitergedachte Kybernetik gelangte die Kategorie der Kreativität in die materialistische Philosophie, allerdings nur virtuell, weil Amts-Philosophen den Diskurs verweigerten, Publikation hintertrieben und Kreativität mit brainstorming verwechselten.

In den siebziger Jahren begann ich zu eruieren, wie solide Erfindungen entstehen. Ich noch ein bisschen mehr als tradierte Steuermannkunst. In die Gespräche mit Verdienten Erfindern ging ich mit Vermutungen. Im Laufe der Jahre entstanden Vorstellungen über Methodik des Erfindens. Erste Lehrmaterialien entstanden ab 1980. Ausgereiftes Lehrmaterial gibt es seit 1988.Und den dialektischen Widerspruch betreffend zeigte sich: Beim Antizipieren technisch-ökonomischer Entwicklungsprozesse tritt Spaltung ein, wenn die Werte der kennzeichnenden Parameter hinreichend hochgetrieben werden. Das hatte mein Freund, der Erfinder Dr. Ing. Hans-Jochen Rindfleisch sofort aufgegriffen und zunehmend detaillierter demonstriert. Praktisch im Erfinde-Workshop, theoretisch in unsrem Lehrmaterial. Hans-Jochen war einer der ganz wenigen Ingenieure, die fähig sind, erkenntnistheoretisch über ihre Arbeit nachzudenken. Nachträglich berichtet wird über unsre gemeinsame Arbeit in zwei Studien 1993 und 94, von „Deutsche Aktionsgemeinschaft Bildung Erfindung Innovation“ herausgegeben bzw. vom Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft gefördert.

Foli 1 und 2 weiter unten

Der Ansatz könnte auch im Mathematik-Unterricht der Gymnasien gelehrt werden. Nebenbei könnte der Lehrer zeigen, was ein Algorithmus mit bedingten Sprungbefehlen ist, die zu Rückkopplungschleifen führen, wobei die Ergebnisse unscharf sind. Auch in dieser Form würde von der Kybernetik her die Historizität alles Seienden reflektiert und Kreativität befördert.

5.) Fünftes Beispiel für Kontexte kybernetischer Grundbegriffe, ebenfalls Anlass zur Modernisierung des Schulunterrichts: Der dynamisierte Rückkopplungskreis, die Iteration. Damit beginnen bekanntlich Chaostheorie und fraktale Geometrie, mit der man so wundersame Muster erzeugen kann. Wobei sich Zielstrebigkeit nun viel differenzierter darstellt als beim klassischen Rückkopplungskreis. Das zeigen Feigenbaum-Diagramme. Der dynamisierte Rückkopplungskreis – früher sagte man „Rekursion“, heute treffender „Iteration“ – aktiviert den historischen Aspekt, der - in nuce - auch im Rückkopplungskreis der Kybernetik und im philosophischen Wechselwirkungsbegriff verborgen ist. (Neuerdings wird sogar das Fallgesetz als eine Iteration interpretiert.) Schüler können auch nichtlineare Iteratoren verstehen. Für Lehrer genügt es, die ersten fünfzig Seiten zum Beispiel im Werk von Peitgen, Jürgens und Saupe über Chaos und Ordnung zu lesen. Schüler würden auch lernen, ihre Computer vernünftig zu nutzen statt bei Spielen zu verharren, die sie lieber auf dem Sportplatz austragen sollten.

Neulich besuchte ich die http://www.mathematik.de/, wir haben ja das Jahr der Mathematik. Doch da glaubte ich im Kaiserreich zu sein. Nun müssen Reformen erstrebt werden, die allen Schülern, allen Menschen zugute kommen. Und diese müssen fakultätsübergreifend angelegt werden, damit sich die Fach-Lehrer von Mathematik, von Biologie und von Geschichte interdisziplinär begegnen. Kybernetik braucht eine Renaissance. Ihr interdisziplinäres Credo muss in den Schulen wie ein Halleluja erklingen. Entstehende Fähigkeit, dialektische Widersprüche zu denken, würde ein kultureller Fortschritt sein. Das wäre auch im Sinne Goethes. Wenn Dialektik und Kybernetik gelehrt würden, dann würden Problem-Lösungen häufiger gelingen. Das würde auch mit dem Anliegen der Konflikt-Forschung koinzidieren.

6.) Wo aber Wirkungskreise wie Teufelskreise wirken und Lösungen blockieren, wie im Wasserkasten der Zustrom zu vielen Wassers blockiert wird, würde man sagen: Fasst Mut, durchschaut per Kybernetik den circulus vitiosus und leitet den Umbau ein, wo ein Rückkopplungskreis wie ein unerwünschter Teufelskreis, wie eine Zwickmühle wirkt. Baut den Wirkungskreis um! So bekäme Kybernetik sogar Einfluss auf die Moral frustrierter Staatsbürger, denen es an Mut fehlt, AUFRECHT zu gehen. Und der Dialektiker würde hinzufügen: Ergänzt die Kybernetik, dynamisiert die Rückkopplung zur Iteration. Denkt auch die Iteration weiter, indem Ihr die Wurzeln der Repugnanzen aufdeckt, unter denen Ihr leidet.

Denkt an Wiener und an Schiller: „Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben. Bewahret sie! Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich heben!“

Folie 1

nach Rindfleisch und Thiel ab 1984 zur Ermittlung von technisch-ökonomischen Widersprüchen durch Erhöhen von Werten der Parameter in den Zeilen und Spalten. In die Tabellenfelder werden in Expertenberatungen die nach dem jeweiligen Stand der Technik erforderlichen Maßnahmen stichwortartig notiert. Dazu werden die Stichworte mit einem Pfeil versehen, der nach oben oder unten weist. Die Workshop-Teilnehmer waren dann immer erschrocken und riefen: „Da kommen wir doch in Widersprüche“. Darauf Thiel: Da sehen Sie, dass Sie von ihren Professoren falsch orientiert worden sind.

Ziel-größen Zweck-mäßigkeit Wirtschaft-

lichkeit Beherrsch-barkeit Brauchbar-keit

 

 

Anforderungen

 

 

 

Bedingungen

 

 

 

 

Erwartungen

 

 

 

 

Restriktionen

 

 

 

A B E R - das sind die „Aber“, die nach dem brainstorming notwendigerweise in einem inversen brainstorming den ersten flüchtigen, den sog. fixen Ideen entgegenzuhalten sind.

 

Folie 2

nach Prof. Dr. Ing. Hansjürgen Linde, Diss. TU Dresden 1988 und Linde/Hill „Erfolgreich erfinden – Widerspruchsorientierte Innovationsstrategie für Entwickler und Konstrukteure,“

Hoppenstedt-Verlag Darmstadt 1993, spez. Seiten 89, 170, 285.

 

Problemstellung Führungsgrößen: Wenn Xi steigen soll, muss Yk fallen

Zielgröße Y1 Y2 Y3 Y 4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ym

X1

 

 

 

 

 

Xm

 

 

 

 

 

 

Ökonomisch- technologische Widersprüche Xi \ Yk

 

 

 

„Führungsgröße“ heißt hier: Technologisch-technischer, technisch-physikalischer, technisch-geometrischer Parameter, dessen Werte im Sinne eines gewünschten Zieles zu vergrößern oder zu verkleinern sind. Die Anforderungen aus der Sicht auf Zielgrößen erweisen sich oft als widersprüchlich (Zielkonflikt!) bezüglich der „Führungsgrößen“, die je einer Zielgrößer oder mehreren Zielgrößen zugleich zuzuordnen sind. Der Wert einer Führungsgröße müsste sich dann zugleich vergrößern und verkleinern. Darin bestehen die ökonomisch-technologischen Widersprüche, die entweder in Kauf genommen, durch Kompromisse abgeschwächt oder erfinderisch aufgelöst werden müssen.

 

Abstract zum Vortrag

Kybernetik und Entwicklung der Dialektik – Ergebnisse und Perspektiven:

 

Paradigmatisch wird der regelungstheoretisch inspirierte Aspekt der Kybernetik mit seinem Kernbegriff „Rückkopplung“ dem Vortrag zugrunde gelegt. Darauf fokussiert wird die Beziehung von Kybernetik und philosophischer Dialektik erörtert. Letztere wird hinsichtlich der Darstellung, die sie in Lehrbüchern gefunden hat, als defizitär, der Präzisierung und Erweiterung bedürftig dargestellt. Dabei wird die geistesgeschichtliche Spanne von Hegel über Marx, Norbert Wiener und Georg Klaus in betracht gezogen. Die erforderlichen Erläuterungen werden vorgenommen gestützt auf Erkenntnisse, die Georg Klaus und Rainer Thiel im Verlaufe ihres Lebens gewannen und der Öffentlichkeit zugängig gemacht haben. Es wird angemerkt, dass mathematische Sprachen hilfreich waren und weiterführen können. Es wird erläutert, warum diese Erkenntnisse noch weit davon entfernt sind, in breiteren Kreisen zur Kenntnis genommen zu werden. Es wird darauf verwiesen, dass mechanistisch geprägte Vorstellungen aus der Zeit vor Hegel und vor Wiener noch heute das Denken über Vorgänge in Natur und Gesellschaft beeinflussen. Die universell relevanten Erkenntnisse gruppieren sich um die universell bedeutsamen Begriffe „Rückkopplung“, „Realrepugnanz“ und „dialektischer Widerspruch“. Als verheißungsvoll für die weitere geistesgeschichtliche Entwicklung werden Erkenntnisse vorgestellt, die im Bereich der technisch-ökonomischen, industrie-bezogenen Entwicklung durch eine Gruppe prononcierter Erfinder im Zusammenwirken mit R. Thiel als philosophischem Dialektiker gewonnen und in Erfinde-Workshops auch praktiziert wurden. Sie haben zur Ausarbeitung methodologischer Handreichungen geführt. Diese sind öffentlich zugängig. Sie tragen auch bei zur Ausgestaltung systemtheoretischer Ansätze, die andernorts mit Kybernetik und mit dem mathematischen Sprachpotenzial in Zusammenhang gebracht werden. Das wird in diesem Vortrag fast wortlos vorausgesetzt und nur für einen speziellen Fall mittels zweier Folien demonstriert.

 

Dass inzwischen empirische Forschungen zur Gewissheit gesteigert haben, diese empirisch untersetzten Erkenntnisse - mutatis mutandis - in offensichtlich allen Lebensbereichen ausnutzen zu können, kann im Vortrag nur erwähnt werden. Gleichwohl wird vorgeschlagen, die einschlägigen Erkenntnisse einzelner Philosophen und Erfinder sowie selbstbewusster Kybernetiker als Unterrichtsstoff im Bildungswesen zur Modernisierung bejahrter Inhalts-Vorstellungen zur Geltung zu bringen. Dabei kann auf die im Vortrag dokumentierte Erfahrung vertraut werden, dass selbst Schüler die Grundgedanken der oben erwähnten Phänomene verstehen können. Mit diesem Ausblick abschließend drückt der Autor die Überzeugung aus, dass Kybernetik nicht nur Geburtshelfer der Ära von Rechenmaschinen und schnellen Übertragungskanälen ist, sondern im Verbund mit philosophischer Dialektik zur geistesgeschichtlichen Entwicklung beitragen kann, die über pragmatische Nutzung von Computern und Gewöhnung an zwiespältige Computerspiele hinausgeht.

 

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Mein Interesse für Kybernetik und mein Interesse für Dialektik sind eins in dem Interesse an der universellen Selbstbewegung und der Gewaltlosigkeit gegenüber der Natur und in der Gesellschaft.

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Relevant auch: ^^ 4 ^ 4 ^^ 5

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Publikationsfeld 7a (Bildungspolitische Praxis)

Falls Rücksprung nach Themenfeld 7 erwünscht: ^7

Der Schülerstreik in Storkow -

Bundesland Brandenburg – 11. - 19. September 2000

Mit diesem 2001 erschienenen Buch habe ich versucht, das großartige Engagement von Schülern für ihre Bildung, für ihre Schule, sowie die energische, intelligente Konstruktivität ihrer Aktion nachzuvollziehen. Rezensenten kennzeichnen das Buch als Mutmacher, Leser rühmen die spannende Darstellung („liest sich wie ein Krimi“) und sind erschüttert darüber, was den Schülern durch die Regierung angetan wird.

Das Wochenmagazin „Spree-Bote“ (Fürstenwalde) hatte während des Streiks einen seiner Berichte treffend und sarkastisch betitelt:

„Kann man Schüler auf die Straße setzen? Warum nicht, unsere Straßen sind gut.“

Anlass zum Streik war: Am ersten Tag des neuen Schuljahrs, 7.25 Uhr, stehen 40 Schüler zum Eintritt in die Abiturstufe auf der Liste der Schulrätin, aber 39 sind nur anwesend. Die Schulrätin scheint am Ziel ihrer Wünsche: Die Abiturstufe in Storkow auszulöschen. Zehn Minuten später wirft sie die 39 Schüler aus der Schule auf die Straße, nachdem sie ihnen befohlen hat, in die Nachbarstädte zu fahren, um in den kommenden drei Jahren bis zum Abitur täglich 100 Minuten ihres Lebens in Omnibussen sinnlos zu opfern.

Nach Tagen des Zorns, doch die Bürgerschaft und Studenten an der Seite, Presse und Fernsehen im Rücken, besetzen 500 Schüler ihre Schule, bis zu 137 Schüler verlassen die Schule auch nachts nicht, sie bilden einen eignen Ordnungsdienst und werden zusätzlich von der Freiwilligen Feuerwehr beschützt. Die Schüler unterrichten sich tagelang selbst, ringen mit der Regierung und – setzen durch, dass zwei elfte Klassen wie bisher in Storkow zur Schule gehen dürfen, statt sich täglich auf Reisen in Nachbarstädte begeben und in Omnibussen Lebenszeit einbüßen zu müssen.

Manche Leute glauben, Schulabbau sei nicht zu vermeiden. Deshalb habe ich in dem Buch auch berichtet, wie viel in Brandenburg verschwendet wird, zum Beispiel für die Auto-Rennbahn „Lausitz-Ring“, oder für sog. Struktur-Reformen, deren Nutzen nie nachgewiesen wird, die aber die Demokratie schmälern und obendrein Millionen DM/Euro verschlingen. Diese Folgen werden von Politikern verschwiegen. Man kann aber massenhaft Informationen darüber in der Märkischen Oderzeitung (Frankfurt (Oder)) finden. Am 9. April meldete die Märkische Oderzeitung: Der Umzug von Polizeidienststellen allein aus Basdorf in andere Orte kostet 27 Mio DM. Aber ein Nutzen wird nie nachgewiesen.

Worum es beim Abbau von Bildung geht, lässt sich aus einer Anekdote ablesen, die mir ein Freund (Katholik) aus Bonn erzählt hat: Als Friedrich der Große – so sagte mein Freund – Schlesien erobert hatte, inspizierte er Schulen. Da sagte zu dem König ein Bischof: „Wollen Majestät sich nicht sorgen. Wer dumm ist, sündigt weniger.“

Heute gilt:

Wer ungebildet ist, fragt nicht nach Demokratie und Bildung. Der akzeptiert leicht auch Gewalt.

Über die Schüler-Aktion in Storkow haben 14 Zeitungen (die meisten aus Berlin), 5 Fernsehsender und 4 Hörsender berichtet. Mir liegen fünfzig Pressebeiträge vor, mit einer einzigen Ausnahme voller Respekt und Sympathie für die Streikenden.

Unterm Titel „Die Not der Schüler“ schrieb der Berliner Tagesspiegel:

„Es kommt schließlich nicht alle Tage vor, dass sich Jugendliche derart für ihre Schule einsetzen. Die weit verbreitete Null-Bock-Mentalität gegenüber der Politik, die oft ganz schnell in gefährliche extremistische und gewalttätige Richtungen umschlägt, hatte hier einmal keine Chance. Doch anstatt dieses zaghafte Interesse der jungen Generation an Demokratie auszunutzen, legt sich das Ministerium quer....“

Inhaltsverzeichnis des Schülerstreik-Buches:

Storkow, Landkreis Oder-Spree im Bundeslande Brandenburg

Städtchen zwischen zwölf Seen

Das Friedensdorf Storkow und seine Schöpfer

Abitur in Storkow und überall

Zur rechten Zeit die Weiche stellen, nicht zu früh. Sonst kommt man nicht aufs Bildungsgleis

Die Familien sind verschieden. Ein Minister muß das tolerieren

Gebt den Kindern Zeit zum Reifen

Schulen in Brandenburg und Bundesrepublik

Stundenausfall: Raub von Lebenszeit und Erziehung zur Schlamperei

Wie viele Schüler müssen in ein Klassen-Zimmer? So viele wie beim Kaiser

Der Anlaß zum offnen Ausbruch der Krise

Was will der Minister?

Was wollte die Schulrätin?

Der erste Schultag im ersten Schuljahr des neuen Jahrtausends - ein Rausschmiss-Tag

Es soll sich rechnen

Wie rechnet sich die Landes-Politik?

Wie rechnet sich’s beim Schüler???

Treue zu den Anvertrauten?

Fehlstart ins neue Schuljahr

Eine Woche Angst und Zorn

Kerzen oder Streik?

Streiken – aber wie?

Vom Rausschmiß auf zur Wende

Gibt es ein Vorbild für Protest?

Die Streik-Idee gewinnt Fasson

Streik-Idee: Unterrichts-Marathon in Eigen-Regie der Schüler

Der Anstoß wird gewagt

Es rollt der Ball. Sehr rasch beginnt Aktion

Schöner, schwerer Anfang. Montag, 11. September. Der Morgen

Ein Zwischenfall

Start des alternativen Unterrichts

Montag, 11. September. Nachmittag und Abend

Erinnerung an einen Rausschmiß 1956: „Wir wollen kein zweites 1956“

Die erste Übernachtung in der Schule

Dienstag, 12. September – die Aktion konsolidiert sich

Dutzende Lehrer müssen hunderte Eltern anrufen – das Schulamt bläst zum Streik-Abbruch.....

.....doch der Streik geht weiter

Mittwoch, der 3. Streiktag

Die Knospen gehen auf

Alternativer Unterricht I – Schüler unterrichten Schüler. Pädagogische Entdeckungen

Alternativer Unterricht II - Studenten und Storkower Bürger unterrichten

Die Schüler und ihre Logistik

Die Medien und der Schülerstreik

Schüler und Bürger beim Staatssekretär in Potsdam. Neunter Tag im Schuljahr, 4. Streik-Tag. 14. September

Unterm Vorsichtsdeckel baut sich Spannung auf

Die Spannung wird zum Platzen gut. Und den Schülern winkt der Sieg

Freitag, 15. September

37 plus x Elftklässler

Der Sieg hat erst mal nur gewinkt. Montag, 18. September: erneut ein Rausschmiß

500 Schüler gehen ins Asyl. Festliche Immatrikulation der Elftklässler im Friedensdorf

Meeting der Ausgesperrten vorm Eingang zum Schulhof

Anmut und Würde: Die streikenden Schüler immatrikulieren ihre Elftklässler im Friedensdorf

Bilanzen

Das amtliche Ergebnis, am Abend des 9. Streiktags

Wie engagierten sich Mitglieder des Landtags? Idee zu einem Politogramm

Es hat keine Besiegten gegeben. Dennoch sinnen Bürokraten auf Vergeltung

Vergeltung wird bemerkbar. Dazu ein offner Brief an Manfred Stolpe

Noch ein offener Brief an Landesvater Stolpe. Und wie es danach weiterging

Nach dem Streik - Gründung des Kinder- und Jugendparlaments in Storkow durch Mitglieder des Streikkomitees

Rückblicke. Weihnachtskonzert und Internet-Cafe im Friedensdorf. Schüler für sich und ihre Heimat in der deutschen Bundesrepublik

Dokument vom 28.02.01 - sieben Schüler über sich selbst: „Von Siegesgefühlen bis hin zum Nervenzusammenbruch“

Gegenbild - Töten aus Frust und Langeweile

Buchumfang einschließlich Fotos 194 Seiten. Preis 19,80 DM.

ISBN : 3-8926-066-9 Unter dieser Nummer bestellbar beim Buchhandel.

Oder direkt beim Verlag : Tel. 030 61 29 94 18, e-mail trafoberlin@t-online.de

Als ich vom Streik erfahren hatte, war ich sofort zu den Schülern geeilt. Habe mich vorgestellt als Opa, der Enkel in Berlin, Dresden und Flensburg hat. Da begann die Jugend, mich anzunehmen. Bald wurde ich auch eingeladen, mit ihrem aktiven Kern gemeinsam zu handeln, zum Beispiel beim Unterschriftensammeln für eine Massenpetition. Dabei bin ich glücklich.

In Märkische Oderzeitung lese ich:

„Geballter Lehrerfrust beim Bürgerforum im Landtag“ :

„Bevor die Bürger jedoch ihre Probleme und Fragen loswerden konnten, mussten sie eine ganze Unterrichtsstunde lang allbekannte Politikerstatements über sich ergehen lassen.“

„.... als einem Vater aus Hennigsdorf der Kragen platzte und er die Wirklichkeit seiner Tochter schilderte. ... wegen Lehrermangels noch keine Stunde Chemieunterricht gehabt....“

„.... Statistik zum Unterrichtsausfall..., die nicht berücksichtigt, wenn Klassen zusammengelegt werden....“

„... hatten ... gerade mal neun Parlamentarier den Weg zum Bürgerforum gefunden – selbst der Bildungsausschuss hat mehr Mitglieder.“

Vernetzung aller Menschen, die am Erhalt von Schulen interessiert sind, ist dringend geboten. Sonst werden die Schulen einzeln abgefertigt.

Ich füge noch zwei kurze Manuskripte an:

Rainer Thiel

Fünfzehn kosten mehr als dreißig?

Leserbrief für Märkische Oderzeitung

Zu den wöchentlichen Meldungen über Schulschließungen (zum Beispiel 6.8., 8.8., 14.8., 31.8. 2001)

Da stimmt etwas nicht. Wenn im Klassenzimmer 15 Kinder sitzen, kostet das doch nicht mehr, als wenn dort 30 Kinder sitzen. Es kostet nicht mehr als bisher, da 30 Kinder üblich waren. Und wenn im Klassenzimmer 12 statt 24 Kinder sitzen: Es bleibt bei den Kosten wie bis jetzt. Doch wenn es um die Kinder geht, da sollten wir nichts verbiegen. Ob 15 oder 12 Kinder statt 30 oder 24 - es werden nicht mehr Lehrer und nicht mehr Klassenzimmer benötigt. Die Summe der Kosten bleibt konstant. Größer wird die Summe nicht. Man muss es ehrlich zugeben, wenn man sich schon auf die Ebene begibt, wo Menschen in Geld gemünzt werden.

Mögen Politiker die Kinder in Geld münzen und in nichts als Geld, mag der Bildungsminister den gesetzlichen Bildungsauftrag der Schulen vergessen, mögen Politiker die Kinder behandeln wie Münzenzähler: Es wird nicht teurer, wenn 12 Kinder im Zimmer sitzen statt 24. Vom Gelde her gesehen ist eine Klasse eine Klasse. Nichts wird dadurch teurer. Trotzdem wollen Politiker Schulen schließen. Da steckt etwas dahinter: Wie nutzt man den Kinderschwund, um zu verbergen, dass man mit Spekulationsobjekten gescheitert ist und Finanz-Löcher gerissen hat? „Berlin“ ist auch in Brandenburg. Wie nutzt man den Geburtenknick, um Geld in Kanäle zu leiten weit hinweg von den Kindern?

Aber für jedes Kind, das seine Schule am Wohnort verliert, wird es teurer: Es verliert täglich zwei Stunden Zeit im Schulbus und als Wartezeit. Wie sollen Kinder im Schulbus lernen? Wie sollen sie dort fröhlich sein? Und wenn sie dort den Drang verspüren, sich zu rangeln? Immer mehr Familien müssen ein Unfallrisiko tragen. Ist Altlandsberg schon vergessen? (Vier Kinder und der Fahrer tot.)

Teurer wird es auch für den Steuerzahler: Durch ihn müssen die Transportkosten getragen werden. Doch der Bildungsminister bekommt sein Gehalt, auch wenn sich die Zahl der Schüler halbiert. Wie wär´s mit einem Teilzeitjob für ihn?

Was sind uns die Kinder wert?

Da es weniger Kinder gibt, sagen Regierende: Wunderbar, da können wir Schulen schließen. Mögen die Kinder im Bus in andre Städte reisen, mögen sie im Bus Lebenszeit verlieren, mögen sie der Unfallgefahr ausgesetzt sein - das ist doch uns egal. Und die Reisekosten? Die alles nur noch teurer machen als bisher? Die werden auf Kommunen und Familien abgewälzt. Im Jahre 2004 sammelten Bürger 106 000 Unterschriften dagegen.

Aber die Regierung könnte, ohne daß es teurer wird, die Klassenfrequenz herabsetzen.

Einst fragte ich Leute: „Könnt Ihr Euch vorstellen, daß die Schule Freude macht?“ Da zeigten mir manche den Vogel. Jetzt frage ich: „Was wäre, wenn im Klassenzimmer 15 Schüler säßen statt 30?“

Die meisten Schüler sagen: „Das wäre schön (o.k., cool, geil, krass.) Da könnte ich öfter meine Meinung sagen.“ Oder: Da würden alle sehen, daß ich nicht blöd bin.“ Oder: „Da würde LehrerIn merken, was mich interessiert.“

Die kreativsten Schüler sagen: „Lieber 15 Schüler in der Klasse als 30. Und dann noch Zeit auf dem Schulweg vertrödeln? Mir reicht der Tag schon längst nicht aus für alles Schöne, Gute, Interessante.“

Manche Schüler sagen: „Da müßte ich ja öfter reden.“ Dann antworte ich: „Wie schade. Du bist ein stilles Wasser, aber tief.“

Lehrer sagen ausnahmslos: „Das wäre wunderbar. Ich würde die Schüler überhaupt erst richtig kennen lernen. Und könnte ganz anders unterrichten. Locker, fröhlich, auch mal was ausprobieren. Aber wie es jetzt ist – da muß ich immer nur aufpassen, daß gelangweilte Schüler nicht abschalten oder ausflippen. Und in den Pausen gegeneinander mobben. Jeder zweite Schüler ist gelangweilt. Das stresst mich, ich weiß nicht, wie das weitergehen soll. Und dann Aufsätze beurteilen: Meist komme ich erst nach Wochen dazu. Da denken die Schüler längst an anderes. Ihr eigner Aufsatz interessiert sie dann nicht mehr. „Schade um die Arbeit“, auch wenn es keiner laut sagt. Und auf die Individualität des Schülers kann ich überhaupt nicht eingehen. Die Kreuzchen im Formular und die Kopfnoten sind doch ein Hohn auf Individualität.“

Ein Lehrer schrieb: „Je stärker die Klasse ist, desto breiter ist das Mittelfeld. Der Lehrer wird sich ... mit den guten Schülern, ... auch mit den schwachen Problemschülern beschäftigen. Leidtragende sind die aus der Mitte, denen – aus Schülersicht – die Schule ein bequemes Dasein gestattet. Diese permanente Unterforderung, weil durch den Lehrer nicht genügend gefordert, führt oft genug zu einer laxen Lern- und Lebenseinstellung. Sie fordert förmlich zur Bequemlichkeit auf.“ (Märkische Oderzeitung 30.6, Zuschrift zu meinem Leserbrief vom 19.6.)

Bequemlichkeit ist nicht Zufriedenheit der Schüler, denen das ABENTEUER „Lernen in der Schule“ durch die Schule selbst versagt wird. Raub an Jugendzeit, sie kehrt nie wieder.

Was sagen Eltern? „Schön wäre es, wenn die Kinder zufrieden aus der Schule kämen. Wir selber sind durch den Job genervt. Aber wir möchten abends auch mal locker mit den Kindern umgehen. Dann würden viele Erziehungsprobleme gar nicht erst auftreten.“

Was sagen Krankenkassen? „Die meisten Lehrer sind gestresst. Das führt zu Unwohlsein und Krankheit. Und das drückt aufs Budget.“

Was sagt Professor Struck aus Hamburg? „Mit geringeren Schülerzahlen könnten moderne Schul- und Unterrichtsformen eingeführt werden.“ Deshalb Klassen mit 18 Schülern! (Siehe Märkische Oderzeitung 11.6.01)

Was sagen Computer-Fans? „Dann könnte spätestens übermorgen in jedem Klassenraum ein Computer stehen. (Bei 30 Schülern ist das riskant und sinnlos.) Extra-Räume für Computer könnten eingespart werden.“

Was sagen Polizisten? „Wenn Schüler ihrem Tatendrang vernünftig im Unterricht folgen könnten, hätten wir weniger Kriminalität. Und Schüler hätten mehr Vertrauen zu den Lehrern, dann hätten es die Drogendealer nicht so leicht, wenn sie um Schulen herumschleichen.“

Was sagen Gewerbetreibende? Und Pfarrer ebenso wie Freidenker? „Wir müssen der Jugend auch WERTE vermitteln. Das geht nur, wenn Lehrer und Eltern nicht so gestresst sind. Werte kann man nicht durch Moralpauken vermitteln. Werte vermitteln ist eine Kunst, die gelingt den Eltern und den Lehrern nur, wenn sie locker und fröhlich sind. Gestresste Menschen können nur pauken, doch Werte können sie nicht vermitteln.“

Was sagt ein Philosoph? „Auch Kinder sind Menschen. Wenn ihr sie zu 30 in eine Klasse steckt und dann noch zu weiten Schulwegen zwingt, dann nehmt ihr ihnen Lebenszeit und Würde und Freiheit. Den Gesetzen zuwider. Dann braucht ihr euch nicht zu wundern, wenn Kids euch auf der Nase tanzen.“

Was sagt vergleichende Geschichtsforschung? „Einerseits haben wir jetzt tausend Mal so viele Autos wie beim Kaiser. Da hat sich viel geändert. Andrerseits: In den Schulstuben sitzen immer noch so viele Kinder wie beim Kaiser. Man muß ja die Klassenstärke nicht gleich durch tausend teilen. Doch durch zwei – das wäre gut.“

Und so bekäme man sogar ein bisschen mehr Frieden. Schon weil sich Eltern und Lehrer nicht mehr die Schuld für versäumte Erziehung zuweisen würden.

Mit besserer Bildung aber würden Politiker mehr nach Demokratie und Qualität gefragt. Das ist die einzige Garantie gegen Korruption.

Rainer Thiel. Erweiterte Fassung eines meiner Leserbriefe, der am 22.6.01 in Märkische Oderzeitung veröffentlicht wurde.

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Um Bildungspolitik geht es auch im Folgenden. Es geht zugleich um Politik im Bundesland Brandenburg:

Das Vergessene Volk -

Mein Praktikum in Landespolitik

Aktionen und Abenteuer als Tiefbohrungen und Bürgerinitiativen gegen Politiker-Willkür

Inhaltsverzeichnis:

1. Gestalten und Gewalten

1.1 Wie ich zu meinen Abenteuern kam

1.1.1 Der Schülerstreik in Storkow

1.1.2 War ich jemals Lehrer?

1.2 Drei Gewalten, die mir Abenteuer machten

2. Frühlingsfest in Potsdam, Erster Mai 2001

3. Im schönen Monat Mai 01

3.1 Freunde in Verlegenheit. Runzeln auf linker Wange

3.2 "Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,.....

3.3 Novelle zum Bildungsgesetz und Oppositionslogik

3.4 Kaum noch Hoffnung für die elfte Klasse?

4. Zwei Verfassungsbeschwerden und ein Präsidenten-Brief

5. Regierungsstrategie des Täuschens und Bildungspolitik der Opposition

5.1 Die Strategie des Täuschens

5.2 Zur Landtagsdebatte am 23. Januar 2002

5.3 Zwei Vorschläge zur Strategie der Opposition

6. In die Presse Brandenburgs!

6.1 Leserbriefe 2001. Auswahl

6.2 Vom einsamen Leserbrief-Autor zum Volkskorrespndenten?

6.3 Leserbriefe 2002. Auswahl

7. Lindenberg / Scharmützelsee

7.1 Im Kreistag unbekanntes Schulgesetz

7.2 Wie ich nach Lindenberg zur Schule kam

7.3 Hatte man den Kreistag getäuscht?

7.4 Wie eine Dame mit zwei Zungen redet

7.5 Leserbriefe 2003. Auswahl

8. Auch in Sachsen geht es Schülern an den Kragen - Crostwitz bei Bautzen

9. Spricht hier Regierung oder PDS?

10. Runder Tisch Bildung für Brandenburg

10.1 Der Anfang. Drei nicht ganz junge Männer

10.2 Minister Reiche und die Angst vorm Schulgesetz

10.3 Zwei Höhen, die wir nicht bewältigt haben

11. Kleiner Katechismus zur Bildungspolitik

12. Gysi und der Schülerstreik

13. Ein Abend bei Lothar Bisky und die Not der Dörfer

14. Heckelberg, Kreis Märkisch Oderland

14.1 Hungerstreik und Sternmarsch

(Fortsetzung Inhaltsverzeichnis nach den Fotos)

 

 

(Beide Fotos von Hannelore Siebenhaar im Auftrag Märkische Oderzeitung)

Fortsetzung Inhaltsverzeichnis:

14.2 Arglistige Täuschung durch den Minister?

14.3 Warum der Minister immer noch nicht seinen Hut nimmt

15. Landes-PDS will Heilige Kühe schlachten

16. Eine Bürgerbewegung

16.1 Aktionsbeginn im Oderbruch. Eltern für Schüler

16.2 An den Landtagspräsidenten

16.3 Unterhalb des Parlaments

16.4 Landesweites Elterntreffen und eine Enthüllung

16.5 Und wieder an den Landtagspräsidenten

16.6 Landesweite Volksinitiative / Bürgerbewegung

16.6.1 Die Unterschriftenliste

16.6.2 Unterschriftensammlung und der Kruscha-Bericht

16.7 Zweites landesweites Elterntreffen

16.8 Aufklärung im Landtag? Durch die Opposition?

16.9 Warnung am 24. März vor Versäumnis (Auszug)

16.10 Minister drückt sich vor Entschuldigung

16.11 Bürgerinitiative unverdrossen

17. Umsonst gewarnt. Ein ernster Unfall

18. Bürgerbewegung vor Schaden bewahren

18.1 Was auf dem Spiele stand

18.2 Reaktion des Landes-PDS

18.3 Will sich die PDS vernehmbar machen?

19. Der Eklat. Ein Doppelgipfel

19.1 Tage und Stunden vor der Kundgebung

19.2 Die Kundgebung vorm Landtag

19.3 Rede in Potsdam, 16. Juni 2004

20. Auf auf zum Kampf, in Brandenburg

20.1 Landesvater stellt sich der Diskussion?

20.2 Montagsdemo

20.3 Und dennoch brennt ein Lichtlein

Beilage: Bildungspolitik im Sinne des demokratischen Sozialismus. Siehe auch "Vom Kapitalo-Reichtum zum menschlichen Reichtum".

Das Buch ist erschienen im Regionen Verlag 2005

ISBN 3-9809400-3-9 168 Seiten 14,90 Euro

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R. Thiel: (Stand: 2009)

Vom Kapitalo-Reichtum zum menschlichen Reichtum

 

I. Bildung und demokratischer Sozialismus

 

Vortrag in Jena bei „Thüringer Forum Bildung und Wissenschaft“ und Freidenkern, Oktober 2002. Publikation durch Rosa-Luxemburg-Stiftung zugesagt, Reader aller Beiträge von Jenaer Freidenkern vorbereitet. Publikation blieb aus. Text 2009 geringfügig erweitert.

 

Wir könnten ja mal den Bogen nachzeichnen, den Karl Marx zum demokratischen Sozialismus gesehen hat. Da kommen wir schnell auf die Bildung. Ich werde Marx zu Wort kommen lassen. Wer mehr will, ohne die 45 blauen Bände von Marx und Engels zu studieren, kann mein Büchlein lesen „Marx und Moritz – Unbekannter Marx – Quer zum Ismus“. (trafo verlag Berlin 1998) Dort ist viel vom heutigen Marx zu finden:

 

„Die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung" (Marx) besteht weiter, auch wenn der Arbeiter mit dem VW zur Schicht fährt und seinen Urlaub in Spanien verbringt. Wer nie Marx las staunt, wie Soziologen im Lande des Absurden so vielen Menschen die Angabe entlocken konnten, sie seien mit ihrem Schicksal zufrieden:

 

In unsren Wohnungen werden wir von den Produkten des Erwerbsfleißes erdrückt, von Gegenständen. Schon Jean Paul ließ seinen Advokat Siebenkäs zu seiner Frau ironisch sagen: Kannst Du denn nicht sehen, „daß die Menschen toll sind und schon Kaffee, Tee und Schokolade aus besondern Tassen, Früchte, Salate und Heringe aus eigenen Tellern, und Hasen, Fische und Vögel aus eigenen Schüsseln verspeisen.- Sie werden aber künftig, sag' ich dir, noch toller werden und in den Fabriken so viele Fruchtschalen herstellen, als in den Gärten Obstarten abfallen ...., und wär' ich nur ein Kronprinz oder Hochmeister, ich müßte Lerchenschüsseln und Lerchenmesser, Schnepfenschüsseln und Schnepfenmesser haben, ja eine Hirschkeule von einem Sechsender würd' ich auf keinem Teller anschneiden, auf dem ich einmal einen Achtender gehabt hätte."

 

Heute gar die Reklameschriften, die uns jeden Tag ins Haus kommen. Dazu Marx:

 

„Jeder Mensch spekuliert darauf, dem andern ein neues Bedürfnis zu schaffen, um ihn zu einem neuen Opfer zu zwingen, um ihn in eine neue Abhängigkeit zu versetzen und ihn zu einer neuen Weise des Genusses und damit des ökonomischen Ruins zu verleiten. Jeder sucht eine fremde Wesenskraft über den andern zu schaffen, um darin die Befriedigung seines eigenen eigennützigen Bedürfnisses zu finden. Mit der Masse der Gegenstände wächst daher das Reich der fremden Wesen, denen der Mensch unterjocht ist, und jedes neue Produkt ist eine neue Potenz des wechselseitigen Betrugs und der wechselseitigen Ausplünderung. Der Mensch wird umso ärmer als Mensch, er bedarf um so mehr des Geldes, um sich des feindlichen Wesens zu bemächtigen...." (MEW 40.547.) Und weiter Marx:

 

„Das Privateigentum hat uns so dumm und einseitig gemacht, dass ein Gegenstand erst der unsrige ist, wenn wir ihn haben.... An die Stelle aller physischen und geistigen Sinne ist daher die einfache Entfremdung aller dieser Sinne, der Sinn des Habens getreten." (MEW 40.540) "Und wie die Industrie auf die Verfeinerung der Bedürfnisse, ebensosehr spekuliert sie auf ihre Rohheit, aber auf ihre künstlich hervorgebrachte Rohheit, deren wahrer Genuß daher die Selbstbetäubung ist, diese scheinbare Befriedigung des Bedürfnisses...." (MEW 40.552) Kürzlich sagte ein Show-master: „Leute wie ich haben zum Thema Vergangenheitsbewältigung lieber Daniel Goldhagen als Verona Feldbusch befragt. Aber Verona hätte Quote gebracht."

 

So reproduziert sich Selbstbetäubung. Verbraucher und Kapital reproduzieren sich gegenseitig. Doch dieser Kreislauf hat Schwachstellen, an denen er angegriffen werden kann. Nur müssten die Linken überlegen, wie sie wirksam werden wollen.

 

Marx meinte: „Als Fanatiker der Verwertung des Werts zwingt er <der Kapitalist> rücksichtslos die Menschheit zur Produktion um der Produktion willen, daher zu einer Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte und zur Schöpfung von materiellen Produktionsbedingungen, welche allein die reale Basis einer höheren Gesellschaftsform bilden können, deren Grundprinzip die volle und freie Entwicklung des Individuums ist." (MEW 23 S. 618)

 

„Die volle und freie Entwicklung des Individuums", damit man weiß, wie „Freiheit“ zu suchen ist. Marx schließt aus seinen Analysen:

 

„Man sieht, wie an die Stelle des nationalökonomischen Reichtums und Elendes der reiche Mensch und das reiche menschliche Bedürfnis tritt. Der reiche Mensch ist zugleich der einer Totalität der menschlichen Lebensäußerung bedürftige Mensch. Der Mensch, in dem seine eigne Verwirklichung, als innere Notwendigkeit, als Not existiert. Nicht nur der Reichtum, auch die Armut des Menschen erhält gleichmäßig - unter Voraussetzung des Sozialismus - eine menschliche und daher gesellschaftliche Bedeutung. Sie ist das .... Band, welches den Menschen den größten Reichtum, den andren Menschen, als Bedürfnis empfinden lässt." (MEW 40.544)

 

Die ungeheure Produktivität, die sich seit Jahrzehnten entwickelt hat, ist verborgener menschlicher Reichtum, unterschwelliger Reichtum, im Boden schlummerd wie Samen bunter Blumen: Der zu erweckende menschliche Reichtum – das ist die menschliche, der Vergeudung zu entreißende Zeit. Die menschliche Zeit muss durch die Menschen, denen die Zeit gehört, disponierbar gemacht werden. So würden sie freie Menschen werden. Marx spricht – er ist ja nicht nur Ökonom – von "disposable time". Das ist „Zeit, die nicht durch unmittelbar produktive Arbeit absorbiert wird, sondern zum enjoyment, zur Muße, <so> daß sie zur freien Tätigkeit und Entwicklung Raum gibt." Wird das verstanden, so könnte gelten: „..... alle hätten disposable time, freie Zeit zu ihrer Entwicklung." (MEW 26.3 Seite. 252)

 

Marx/Engels wünschen: Es werde „jedem einzelnen hinreichend Muße...., damit dasjenige, was aus der geschichtlich überkommenen Bildung - Wissenschaft, Kunst, Umgangsformen usw. - wirklich wert ist, erhalten zu werden, nicht nur erhalten, sondern aus einem Monopol der herrschenden Klasse in ein Gemeingut der ganzen Gesellschaft verwandelt und weiter fortgebildet werde. Sobald die Produktionskraft der menschlichen Arbeit sich bis auf diesen Höhegrad entwickelt hat, verschwindet jeder Vorwand für den Bestand einer herrschenden Klasse." (MEW 18.221).

 

Vor allem würden die Menschen endlich Zeit finden, sich den öffentlichen Angelegenheiten zu widmen. Endlich hätten sie Zeit, sich zu informieren, Politik und Gesetze und Philosophie kennen zu lernen, sich mit anderen Bürgern zu beraten, auch mit den Lehrern ihrer Kinder, sogar mit Politikern, wenn sie es verdienen, und Opposition zu leisten, wenn sie Protest verdienen. Wenn die Menschen Zeit und Bildung haben, können sie auch lernen, wie Widerstand und Mitgestaltung machbar ist; sie werden auch das Handwerkszeug dazu erlernen. Erst wenn die Menschen diese Zeit zur Bildung haben, wird Demokratie möglich: Mit Fähigkeit, den Herrschenden hinter die Schliche zu kommen. Gegenwärtig haben die Bürger nicht einmal Zeit, kritische Analysen zu lesen, die hin und wieder in der Zeitung stehen. Würden die Leser Zeit und Übung haben, über solche Analysen nachzudenken, dann würden sie ganz anders wählen.

 

Dazu eine Anektode, die mir ein Freund aus Bonn erzählte, Präsident eines Vereins für Bildung, Erfindung und Innovation, mit fünf Nobelpreisträgern als Ehrenmitgliedern. Der Freund selber war hoher Beamter im Bildungsbereich, ist Querdenker in der CDU und pflichtgemäß aller drei Wochen Kirchgänger. Dieser Freund erzählte mir:

 

„Als Friedrich der Grosse Schlesien erobert hatte und sich für die Schulen interessierte, kam zu ihm ein Bischof und sagte: `Wollen Majestät sich nicht sorgen. Wer dumm ist, sündigt weniger.´“

 

Arbeit, Lust und Bildung schließen sich nicht gegenseitig aus. Zunächst, - so Marx - erscheint die Arbeit als Gegenteil von Lust: „Du sollst arbeiten im Schweiß deines Angesichts.... Und so als Fluch nimmt A. Smith die Arbeit. Die 'Ruhe' erscheint .... als identisch mit 'Freiheit' und 'Glück'. Daß das Individuum in seinem normalen Zustand von Gesundheit, Kraft, Tätigkeit, Geschicklichkeit, Gewandtheit' auch das Bedürfnis einer normalen Portion Arbeit hat und von Aufhebung der Ruhe, scheint A. Smith ganz fernzuliegen.... Allerdings hat er recht, daß in den historischen Formen der Arbeit als Sklaven-, Fronde-, Lohnarbeit die Arbeit .... stets als äußre Zwangsarbeit erscheint und ihr gegenüber die Nichtarbeit als 'Freiheit und Glück'." (MEW 42.512)

 

Doch Knecht zu sein – das ist nicht alles. Selbst unter widrigen Umständen kann die Arbeit a) „Selbstverwirklichung des Individuums werden, wenn ihr gesellschaftlicher Charakter gesetzt", b) wenn sie Naturkräfte regelnde Tätigkeit wird, und c) wenn sie alle des Menschen eignen Kräfte betätigt. (vgl. MEW 42.512) Facharbeiter stimmen dem in der Regel zu. Sie sehen täglich, was sie vollbracht haben. Sie sind stolz darauf, “etwas zu können”. Wenn die Knete stimmt, ist Politik ihnen egal. Das bedeutet nicht - so Marx - dass Arbeit „bloßes amusement" sei, „wie Fourier es sehr .... naiv auffaßt. Wirklich freies Arbeiten, z.B. Komponieren, ist grade zugleich verdammtester Ernst, intensivste Anstrengung." (MEW 42.512) Stolz darauf, etwas zu können, sind auf den Dörfern auch die Arbeiter, die bei der Freiwilligen Feuerwehr ihre ganze Person für den Katastrophenschutz trainieren.

 

Zugleich ist in manchem Beruf schon nahe, dass - wie Marx sagt - die Arbeit „durch den eigenen Inhalt und die Art und Weise ihrer Ausführung den Arbeiter mit sich fortreißt" und der Arbeitende die Arbeit „als Spiel seiner eignen körperlichen und geistigen Kräfte genießt." (MEW 23.193) Das habe ich gemeinsam mit Bauarbeitern erlebt. Und wenn auch ein Gegensatz zwischen Arbeit und Freizeit nicht völlig verschwindet (vgl. MEW 25.828) - die Pole werden sich nicht mehr so abstoßen wie heute, wo immer noch Millionen ans Fließband gefesselt sind.

 

Der Fließband-Arbeiter von heute müsste sich auf die Zeit jenseits des Fließbands vorbereiten können, denn jenseits der Produktion „beginnt die menschliche Kraftentfaltung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit .... Die Verkürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung." (MEW 25.828) Es kommt – so Marx – darauf an, „die Arbeitszeit für die ganze Gesellschaft auf ein fallendes Minimum zu reduzieren und so die Zeit aller frei für ihre eigne Entwicklung zu machen.... Es ist dann keineswegs mehr die Arbeitszeit, sondern die disposable time das Maß des Reichtums." (MEW 42.604) Und umgekehrt: „Wie bei einem einzelnen Individuum hängt die Allseitigkeit ihrer < - der Gesellschaft - R.Th. > Entwicklung, ihres Genusses und ihrer Tätigkeit von Zeitersparung ab. Ökonomie der Zeit, darin löst sich schließlich alle Ökonomie auf." (MEW 42.105)

 

Für die Entwicklung der Menschen, die am Fließband malochen, braucht die Gesellschaft eine Entwicklungsstrategie mit angemessener Ausbildung und mit Arbeitszeitverkürzung im Zentrum. Sie aus der produktiven Sphäre auszugrenzen ist unmenschlich.

 

Die „ungeheure Steigerung der Produktivkräfte erlaubt, .... die Arbeitszeit eines jeden so zu beschränken, daß für alle hinreichend freie Zeit bleibt, um sich an den allgemeinen Angelegenheiten der Gesellschaft - theoretischen wie praktischen - zu beteiligen." (MEW 20.169)

 

Das meinten Marx und Engels. Sinnvollen Konsum braucht ihr auch in Zukunft nicht zu entbehren. Wenn alle Arbeitsfähigen dafür tätig sind, braucht keiner mehr als zwanzig Stunden zu arbeiten. Herunter mit der allgemeinen Arbeitszeit! Herunter auf zwanzig Stunden! Herunter auf dreißig wäre auch schon ein Fortschritt. Das ist sowieso eine Forderung von Marx und Engels. Dann kann der menschliche Reichtum wachsen.

 

Selbst die noch nötige Arbeit würde „als Basis der disposable time einen ganz andren, freiern Charakter" annehmen, und „die time of labour eines man, der zugleich der man of disposable time ist", werde „viel höhere Qualität besitzen" als „die des Arbeitstiers." (MEW 26.3, Seite 253) „Die freie Zeit, die sowohl Mußezeit als Zeit für höhre Tätigkeit ist - hat ihren Besitzer natürlich in ein andres Subjekt verwandelt, und als dies andre Subjekt tritt er dann auch in den unmittelbaren Produktionsprozeß." (MEW 42.607)

 

Da nun obendrein das menschliche Wesen das Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse ist, wie Marx in seiner sechsten Feuerbach-These sagt, dann gibt es auch die unerweckte Potenz, den andern Menschen als den größten Reichtum zu entdecken. Durch meine Erfinderschulen hatte ich das Glück, Kollegen in Dutzenden VEB kennen zu lernen und ihnen auch manches mitzuteilen. Dieses Glück verdanke ich meinem Querdenkersein, und so geschieht, was Goethe sagt: „Es kann die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehn." Und von den Enkeln bis zum Freund im Kreis – es bleiben meine Spuren, wenn ich abfahre. So bin ich doppelt: In Mutter Erde schon - und mit den Enkeln fröhlich zu mir hinabwinkend.

 

Wenn „der reiche Mensch" einer "Totalität menschlicher Lebensäußerungen" bedürftig ist, so sehnt er sich nach Ähnlichkeit mit seiner Gattung. Und umgekehrt: Das Individuum kann dem Ganzen ähnlich sein. Das wussten schon Leibniz und Goethe, zum Beispiel so:

 

„Und was der ganzen Menschheit zugeteilt ist,

Will ich in meinem innern Selbst genießen,

Mit meinem Geist das Höchst' und Tiefste greifen,

Ihr Wohl und Weh auf meinen Busen häufen

Und so mein eigen Selbst zu ihrem Selbst erweitern ...."

 

In erster Näherung so: Es gibt Spezialisten, die in ihrem schmalen Gebiet ein Universum an Instrumentarien und Fertigkeiten, an Welt- und Gattungsbezügen erproben. Zum Beispiel Künstler und mancher Spezialist.

 

In zweiter Näherung so: Wenn in meinem Dorf Männer meines Alters zu mir sagen, „du bist nun Rentner, du hast dich zu langweilen", da wende ich ein: Ich möchte jeden Tag drei Mal erleben. Vom Monat auf den Tag umgerechnet würde das bedeuten: pro diei ( d )

 

0,8 d Sachbuch-Studium; 0,4 d schöne Literatur und Bildbände genießen; 0,1 d Musik, aktiv, passiv; 0,3 d Wandern, Radfahren, Gartenarbeit; 1,2 d kreativ denkend - gern am Computer - und im Austausch mit Kollegen mich mit unsrer Welt auseinandersetzen, Empfangen, Mitteilen, Anteil nehmen, Texte machen; 0,5 d Politik und Bürgerinitiativen; 0,1 d Auseinandersetzung in Streitfällen anhand von Gesetzestexten; 0,5 d Familie im engeren Sinn, die Enkel und die Gefährtin; 0,1 d Basteln und Welt im Foto aneignen.

 

Das sind schon vier Tage in einem. Wo kommt das her? Vom lebenslangen Lernen, das in der Kinderzeit begann: Meine Eltern haben mir die angeborene Neugier nicht geraubt. Und nun – vier Tage in einem Tag! Immer mehr Leute, beneiden mich. Schon heute sind wir reich genug, je zehn Kindern zwei Lehrer geben zu können, die abwechselnd und ungestresst wirken. Jedes Kind fände Aufmerksamkeit. Man könnte, doch man will nicht. Bildung würde helfen, mit Freizeit umzugehen. Mit Bildung gäbe es keine Langeweile und weniger Gewalt.

 

Zur Muße befähigt, wären die Arbeitsgewohnten froh, nicht mehr als dreißig, zwanzig Wochenstunden malochen zu müssen. Bildung würde Schneeball sein, der beim Rollen dicker wird: Bildung - Muße - Bildungszuwachs. Output dieser segensreichen Rückkopplung wäre für Werktätige und Manager: Abnahme ihrer Entfremdung von der Menschen-Gattung und Zunahme im Verständnis für den anderen, den bisher fremden Menschen.

 

Konsumgesellschaft ist das eine der Extreme; der rohe Kommunismus das andere. Die Extreme berühren sich. Indem der rohe Kommunismus „die Persönlichkeit des Menschen überall negiert - ist <er> eben nur der konsequente Ausdruck des Privateigentums, welches diese Negation ist. Der allgemeine und als Macht sich konstituierende Neid ist die versteckte Form, in welcher die Habsucht sich herstellt und nur auf eine andre Weise sich befriedigt.... Der rohe Kommunist ist nur die Vollendung dieses Neides und dieser Nivellierung ...." (MEW 40.534f.) Er ists, weil er aufs Haben abzielt statt auf menschliche Persönlichkeit. Marx hatte gemeint: „Das Privateigentum hat uns so dumm und einseitig gemacht .... An die Stelle aller physischen und geistigen Sinne ist daher die einfache Entfremdung aller dieser Sinne, der Sinn des Habens getreten...." (MEW 40.540) Der rohe Kommunismus hebt diese Entfremdung nicht auf, wenn er nur die Form des nationalökonomischen Reichtums zu wandeln sucht.

 

Im Wandel, den Marx für denkbar hält, entstünde der reiche Mensch als der einer „Totalität der menschlichen Lebensäußerung bedürftige Mensch" (MEW 40.544) Ich wurde gefragt, ob ich vor Jugendlichen eines Drogen-Rekonvaleszenz-Heimes über den Sinn des Lebens sprechen könnte. Ich wusste, dass viele Jugendliche schon Suizid versucht hatten. Da sagte ich: „Den ersten Satz des Vortrags weiß ich schon: ´Ich heiße Rainer und bin sehr sehr reich. Und das hat sieben Gründe´“. Aus einem Vortrag wurden dann vier Vorträge. Ich begann: „Nie haben meine Eltern zu mir gesagt ´Frag nicht so dumm, tu mich nich löchern mit deinem Gefrage´. So verlor ich meine Neugier nicht und hatte einen guten Start in der Schule. Ich glaube daran, dass alle Kinder mit Neugier begabt sind. Meist kann eine gute Kita den Kindern mehr bieten als die Familie. Deshalb ist in den neuen Bundesländern schon oft für Bewahrung der Kita und ihres Personals demonstriert worden. Leider hat im Osten eine Betreuerin heute mit doppelt so vielen Kindern zu tun wie in der DDR, dabei sind heute viele Kinder verhaltensgestört. Der gegenwärtige Personalschlüssel ist eine Katastrophe.

 

Für Marx war „Haben oder Sein" die Gretchenfrage. Erich Fromm hat darauf ein eignes Büchlein gegründet; es wurde Bestseller bei Intellektuellen. Verlagert sich der Schwerpunkt im Glücksverlangen vom Konsumgut auf menschlichen Reichtum, dann wird sich auch erfüllen Marxens Traum: Der „ganze Mensch sieht sich in poetisch-sinnlichem Glanze" von der Natur „angelacht", und die „Sinnlichkeit" wird ihre „verlorene Blume" finden. (MEW 2.135 f.) Die Technik würde umgelenkt, die Schöpfung bewahrt. Die ökologischen Probleme könnten bei wachsender Bildung und frei von Angst, den Job zu verlieren, gelöst werden.

 

Liberale sprechen von „Bildung“ vernehmbarer als Linke. Aber auch die Liberalen existieren in Fraktionen. Das sieht man an einem Spezialheft des SPIEGEL zum Thema „Bildung“ (Spiegel Special 3/2002):

 

a) Da gibt es hervorragende Beiträge einfacher Spiegel-Mitarbeiter. Sie haben das Bildungselend in der Bundesrepublik beleuchtet. Auch haben sie pädagogische Neuansätze unten an der Basis publik gemacht.

 

b) Andrerseits die Chefs vom SPIEGEL. Sie haben natürlich verstanden, dass Bildungsmangel auch der Wirtschaft schadet. Dem wollen sie abhelfen. Aber sie begrenzen Bildung auf das Maß, das der Wirtschaft genügt. Sie lehnen den gebildeten Humanisten, den solidarischen Weltbürger, den streitbaren Demokraten, den Marx gewünscht hat, nicht ausdrücklich ab. Aber sie agitieren mit dem Titelblatt „Lernen zum Erfolg“. Damit appellieren sie an die Instinkte des Karrierismus und der Herrschaft über andere Menschen. Zum Beispiel so: Ein Groß-Manager appelliert an den Nachwuchs, zu lernen, wie man andere Menschen beeindruckt: „Einen Raum mit Persönlichkeit füllen.“ Also wie man Autorität und den Schein von Kompetenz ausströmt, ohne dass der Geruch als Gestank empfunden wird.

 

Was ist nun mit der modernen pädagogischen Literatur? Da gibt es wundervolle Bücher. Ursprünglich wollte ich auch dazu sprechen. Inzwischen habe ich den Alt-Präsidenten des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung kennen gelernt, Prof. Edelweiß. Wunderbar. Wir beide sprachen auf einem Forum. Dritter Mann sollte der Bildungsminister sein, doch der hat gekniffen. Nun freue ich mich, dass heute Nachmittag Frau Händle vom Max-Planck-Institut sprechen wird. Doch erst mal ging mein Vortrag weiter:

 

II. Mein Praktikum in Bildungspolitik

 

Widerstand gegen die herrschende Bildungspolitik, die nach dem Motto läuft: „Wer dumm ist, sündigt weniger.“ Ich habe zwei grandiose Schülerstreiks miterlebt, im Jahre 2000 in Storkow, Landkreis Oder-Spree, und 2001 in Crostwitz bei Bautzen.

 

Der Schülerstreik in Storkow war die Antwort einer ganzen Kleinstadt auf die brutale Vertreibung von neununddreißig Elftklässlern aus ihrer Gesamt-Schule. Den Behörden war schon abgerungen worden, für die elfte Klassenstufe nicht 54, sondern 40 Schüler als Quote gelten zu lassen. Doch am ersten Tag des neuen Schuljahrs, Montag 7Uhr25, war der 40. Schüler nicht erschienen. Das hatte die Schulrätin erwartet, vielleicht sogar gemanagt. 7Uhr26 zieht sie Zettel aus der Tasche, mit denen sie 39 Schülern befiehlt, sich eine andere Schule zu suchen. Die Kinder gehen geschockt nach Hause. Lehrerinnen und Mädchen weinen.

 

Da formiert sich innerhalb einer Woche die erdrückende Schüler-Mehrheit zum Streik. Das Ministerium wird per Fax gewarnt. Von 650 Schülern tragen sich 500 in die Streiklisten ein. Das 14-köpfige Streikkomitee errichtet sein Quartier in einem Klassen-Zimmer. Als der Lehrer erscheint, wird ihm gesagt: „Hier ist schon besetzt.“ Das Streikkomitee organisiert den Unterricht. Studenten aus Berlin, Bürger aus Storkow und Schüler der Abitur-Stufe fungieren als Lehrende. Bis zu 140 Schüler und Eltern übernachten in der Turnhalle. Das Streikkomitee organisiert den Ordnungsdienst. Aus Vorsicht vor Neonazis aus dem Nachbarkreis werden die Schüler zusätzlich von Freiwilliger Feuerwehr und Polizei beschützt. Ein rotes Viertonner-Löschfahrzeug steht nachts vor dem Streikbüro, damit die streik-leitenden Schüler mal kurz schlafen können. Ein Unterrichts-Schwänzer wird vom Ordnungsdienst des Streikkomitees ertappt und vom Streik ausgeschlossen. Bäcker, Fleischer, Fischer, Gärtner und andere Bürger organisieren die Verpflegung rund um die Uhr. Sogar eine Feldküche wird betrieben, vom Ortsvorsitzenden der FDP und einem Mitglied des Streikkomitees. Es heißt, die Gulaschkanone hätte die Bundeswehr bereitgestellt.

 

Die Lehrer haben Angst, aber hinter vorgehaltener Hand bekunden sie Sympathie. Eine Lehrerin, der die Teilnahme am Streik verboten ist, stellt sich den Streikenden als Sanitäterin zur Verfügung. Das Streikkomitee hat als ständige Logistik auf dem Schulhof einen Uralt-Wartburg, darin die Technik eines Disjokey. Außenbords ein Notstromaggregat mit Rasenmäherantrieb. Zur Logistik gehörte auch der Laptop von Pfarrer Tiedeke. Eltern hatten die Medien herbeigerufen, das Streikkomitee sieht ihre Sendungen per mobiler Satellitenschüssel aus Privatbesitz. Und macht sie auf Anschlagtafel bekannt. Insgesamt haben 24 Zeitungen und Sender den Streik begleitet. Den Journalisten ist das Glück anzumerken, 9 Tage lang von einem Bürgeraufstand berichten zu können, den sie sympathisch finden. Unterm Titel „Die Not der Schüler“ schreibt der Tagesspiegel in Berlin: Es kommt schließlich nicht alle Tage vor, daß sich Jugendliche derart für ihre Schule einsetzen. Die weit verbreitete Null-Bock-Mentalität .... hatte hier einmal keine Chance. Doch anstatt dieses .... Interesse der jungen Generation an Demokratie auszunutzen, legt sich das Ministerium quer.... Wacht die Politik tatsächlich erst beim Hungerstreik auf?“

 

Neun Tage lang ist Storkow Freie Republik.

 

Anke Dreier, die wichtigste Sprecherin des Streikkomitees, hatte im Jahr zuvor durch eine Broschüre der Bosch-Stiftung von einer Schüler-Aktion in Bremen gelesen. Anke hat schon zu Hause gelernt, was Initiative kann. Die Eltern betreiben ein kleines Fuhrgeschäft. Und jetzt geht das kleine Storkow weit, weit hinaus über die Bremer Initiative. Nach ihrem Pädagogik-Studium in Rostock geht Anke zusammen mit Marcel, der auch im Streik-Komitee gewirkt hat, nach Uganda und gründet dort eine Schule, gestützt auf Sponsoring eines Vereins, den die beiden in Rostock gegründet haben. Auch Ulrike Dünnbier vom Streikkomitee – ihr Vater betreibt ein kleines Bau-Geschäft – ist heute im Ausland sozialpädagogisch aktiv.

 

Doch zurück zum September 2000. Es gab mehrere meetings der streikenden Schüler. Und am vierten Streiktag hatten die Schüler dem Staatssekretär einen Termin in der Landeshauptstadt abgetrotzt. Eine Stunde lang labert der Mann. Da erheben sich die Delegierten des Streikkomitees: „Wir werden uns jetzt nach draußen begeben und per Handy mit Storkow beraten.“ Da erschrickt der Staatssek: „Ach bitte nehmen Sie doch wieder Platz.“ Nach vier Stunden ist ausgehandelt, dass ab 8. Streiktag die 39 Elftklässler wieder in ihre Schule dürfen. Aber heimlich befiehlt der Staatssek der Direktorin, am 8. Streiktag die wiederkommenden Elftklässler erneut auszusperren. Niemand soll den Schulhof betreten dürfen, gesetzwidrig auch der Bürgermeister nicht. Da geschieht das Ungeheure: Alle 500 Streikenden versammeln sich vorm Schultor, Presse und Fernsehen sind gespannt, Anke, die Sprecherin des Streikkomitees, besteigt einen Tisch, nennt die Aussperrung beim Namen und ruft: „Wir bleiben gewaltfrei. Aber wir ziehen ins Friedensdorf. Dort genießen wir Asyl.“

 

Und das geschieh! 500 Schüler, begleitet von Freiwilliger Feuerwehr mit rotem Viertonner W 50, begleitet von Eltern und Senioren, von Polizei und Medien, ziehen - die Streikhymne singend - ins Friedensdorf, einer Begegnungsstätte am Stadtrand. Idee wird zur materiellen Gewalt, weil die Massen ergriffen sind. Mit diesen Worten, frei nach Marx, habe ich später im evangelischen Kirchensaal an den Streik erinnert. Der Generalsuperintendent aus Cottbus gab mir ausdrücklich recht.

 

Fünfhundert Schüler und die Medien kommen an im Friedensdorf. Nun ruft das Streikkomitee die Elfklässler mit Namen auf: Bitte tretet vor. Jeder Elftklässler empfängt die Immatrikulations-Urkunde des Streikkomitees und eine Zuckertüte, vom Streikkomitee am Wochenende gebastelt. Die Mitglieder des Komitees hatten in 10 Tagen höchstens 40 Stunden Nachtruhe gehabt.

 

Am Abend des 9. Streiktags musste der Staatssek die Souveränität der Schüler anerkennen. Vor Anstrengung und Glück weinend umarmen sich die Schülerinnen. Es gibt einen ausführlichen Bericht: R. Thiel: Der Schülerstreik in Storkow – Bundesland Brandenburg. Trafo verlag Berlin 2001, ISBN 3-89626-066-9.

 

Als ich wieder mal im Karl-Liebknecht-Haus in Berlin zu tun hatte, wo der Bundesvorstand der PDS (heute LP) sitzt, fällt mir ein Türschild auf: „Solid“. Ich klopfe an, trete ein, warte, bis man mich wahrnimmt, und biete Erfahrungen aus Storkow an. Daran bestand aber kein Interesse.

 

Kurz nach dem Storkower Streik erfahre ich durch die Presse von einem Streik an der sorbischen Schule in Crostwitz in der sächsischen Lausitz. Ich sende Grüsse - auf meeting in Crostwitz verlesen - und werde gebeten, nach Crostwitz zu kommen. Einen Schüler aus Storkow nehme ich mit. Jeden morgen sieben Uhr ist meeting der Bürger von Crostwitz. Ich sehe Spruchbänder: „Unsre Dörfer frisst der Bagger, unsre Schulen frisst die CDU“ und „Wer uns unsre Schulen nimmt, niemals in den Himmel kimmt.“ Nach den aktuellen Streikinformationen - zum Teil in sorbischer Sprache - sprechen auch wir Storkower: „Vernetzt euch mit den germanischen Schulen.“ Das gelang leider nicht. Auch in anderen Fällen musste ich bemerken, dass Schüler und Eltern Hemmungen haben, mit Ortsfremden zu kooperieren. Später bekam ich aber die Nachricht vom Sieg der Crostwitzer. Zum Sieg hatte auch der katholische Priester beigetragen. Jeden Abend versammelten sich in der Kirche Hunderte Bürger aller Weltanschauungen, um ihren Widerstand gegen Schulschließung zu stärken. Ein Bericht von mir wurde in PDS-naher Tageszeitung ND veröffentlicht, empfindlich gekürzt, um Platz zu schaffen für einen CDU-Mann, der für die Schul-Schließung warb.

 

Nun nur noch kurz darüber, was Schüler und der Senior Rainer in den Monaten nach dem Storkower Streik unternommen haben, um der konterrevolutionären Tücke der Behörden Paroli zu bieten: Wir sammeln Unterschriften in Storkow, Frankfurt, Cottbus, vier Mal Potsdam. Zwei mal Demo vorm Landtag in Potsdam. Gründung eines Kinder- und Jugendparlaments, Meeting auf dem Storkower Marktplatz mit Grußbotschaft von Stephan Heym – beinahe wäre Günter Grass erschienen - und vieles andre mehr. Das Landesverfassungsgericht habe ich angerufen und bloßgestellt. Der Minister wurde in eine Veranstaltung gelockt. Am ersten Jahrestag des Streiks wurde er in einen Sketsch über Bildung im Mittelalter eingebunden und gefragt, ob er bereit sei, zum Ritter geschlagen zu werden. Dazu musste er niederknieen. Anschließend lief er mit einem Tablett durch den Saal und servierte den Gästen, was Storkower Bürger gespendet hatten.

 

In einem unsrer Nachbardörfer konnte eine Schule gerettet werden. Auf einer Eltern-Beratung konnte ich zur Aktion ermutigen. Mit Unterstützung von Storkow war Höhepunkt des Widerstands eine Schüler- und Eltern-Demo mit Meeting. Da schlossen die Verteidiger der Schule und die anfangs ängstliche Gemeindevertretung auch ein Bündnis.

 

Von einer Kleinstadtgrundschule des Nachbarkreises, wo Eltern in den Hungerstreik getreten waren, wurde ich zu einem Meeting eingeladen. 800 Bürger aus den umliegenden Dörfern waren zum Schulhof gekommen. Meine Rede wurde durch Beifall unterbrochen, als ich rief: Das Recht ist auf unsrer Seite, wir wollen den Rechtsstaat. Nach der Kundgebung ließ jemand eine Variation der bekannten Hymne abspielen „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt.“ Zwei Mal fuhren Bürger zum Landtag. Sie wurden hingehalten, getäuscht, ihre Kraft ließ nach, schließlich hatten die Behörden vollendete Tatsache geschaffen. Die Schüler wurden in die nächste Stadt verbannt und in Containern untergebracht, im Sommer heiß, im Winter kalt.

 

Im Kreistag, dem ich nicht angehöre, habe ich - statt eine Frage zu stellen - eine Rede gehalten, ohne unterbrochen zu werden. Nur in der Pause wurde ich gebeten, nicht so laut zu diskutieren – ich hatte ja auffallen wollen. Ein Parlamentarier hatte mir geantwortet: „Den Behörden muss man Folge leisten, sonst entsteht Chaos.“ Darauf ich: „Und warum sind Sie Parlamentarier?“

 

Von Storkow aus suchten drei Erwachsene eine landesweiten Bürgerbewegung anzufachen, wir nannten sie „Runder Tisch Bildung für Brandenburg“. Dabei sind wir angewiesen auf Presse und PDS. Die PDS hat uns nicht einmal erbetene Adressen potentieller Ansprech-Partner gegönnt. Eine Landtagsabgeordnete der PDS soll hinter meinem Rücken zu meinen Mitstreitern gesagt haben: „Hütet euch vor dem Thiel.“ Schulen - die fürs erste gerettet - sind später geschlossen worden.

 

Fakt ist, wir haben weniger Kinder im Land als vor der Wende. Das ist tragisch für junge Frauen und junge Männer, die Mütter/Väter sein könnten. Das ist tragisch fürs ganze Land. Wir wissen, wie es dazu kam: Die Bürger wollten Hände frei haben, um der Arbeitslosigkeit zu entgehen. Einige wollten lieber ein neues Auto als einen Kinderwagen. Die neue Masche: Haben statt Sein. Unterschriften-sammelnd erlebte ich zwei Arten junger Paare: „Endlich mal jemand, der das Richtige tut“, das eine Paar. Das andere: „Kinder in diesem Land? Wir sind doch nicht blöd.“ Die neue Masche – Haben statt Sein.

 

Was aber tun die Herrschenden? Sie sprechen nicht die Tragik an, sondern fälschen sie um. Sie sagen: Es ist doch logisch – weniger Kinder, also müssen Schulen sterben. Diese Fälschung ist aber nur der erste Schritt.

 

Der zweite Schritt ist: Kindern werden immense Busfahrten in die größeren Städte aufgezwungen. Den Kindern wird unterrichtsfreie Zeit gestohlen, die sie zum Lernen und zum Fröhlichsein benötigen, wie es das Brandenburgische Schulgesetz festlegt. Doch die Behörden täuschen die Öffentlichkeit über die Gesetzeslage.

 

Mit den vertriebenen Kindern aber werden auch Kinder in Städten betroffen, die Dorf- und Kleinstadt-Kinder werden in die Schulklassen der Städte gepfropft, und dort bleibt die Klassenfrequenz wie einst zu Kaisers Zeiten. Auch in Berlin ist das nicht besser. Ein Enkel konsultierte mich, um sich auf eine Frage vorzubereiten. Doch er kommt nicht dran. So werden Kinderseelen abgetötet.

 

Folge der hohen Klassenfrequenz ist auch: Die Lehrer können kaum noch alle Schüler kennen, Eltern noch weniger. Die Lehrer sind überstresst. Die Schüler werden durch Unterrichtsausfall an Schlamperei gewöhnt. Die meisten Schüler können im Unterricht nicht zu Wort kommen, schon gar nicht Selbstverwirklichung üben. Die Lehrer konzentrieren sich auf die stärksten und die schwächsten Schüler, vor allem mittleren bleiben unbeachtet. Frontalunterricht bleibt vorherrschend, alternative Pädagogik bleibt Ausnahme. Selten gelingt es, zwei oder drei Jahrgänge in einer Klasse zusammenzufassen, wo Ältere den Jüngeren helfen und wo sie voneinander lernen. Doch Lehrer müssen selber lernen, damit fertig zu werden.

Wie geht es weiter mit dem Widerstand? Meine Leserbrief-Attacken habe ich intensiviert, wohl an die fünfzig Leserbriefe veröffentlicht. Ich musste lernen, den Text so abzufassen, dass ihm auch Kürzungen nicht zu sehr schaden. Nur ein Mal wurde ein Leserbrief überhaupt nicht veröffentlich: Ich hatte aus Verfassung und Schulgesetz zitiert. Da meinte eine Redakteurin: Wir können unsren Lesern keine Paragraphen zumuten. Dem Landesvorstand der PDS schlug ich vor, im ganzen Lande ein System von „Volkskorrespondenten“ anzuregen. Damit wäre auch unsre Vernetzung gefördert worden. Natürlich hätte ich geholfen. Der Vorschlag wurde aber abgewiesen.

Einem Zeitungsbericht über das Schulsterben habe ich entgegengesetzt: Nicht Schulen sollen sterben, sondern das Ministerium mitsamt seinen Schulräten. Das wurde fast von allen drei großen Zeitungen im Lande veröffentlicht. Von einer Schülermutter drei Dörfer weiter wurde ich um Hilfe gebeten. Es gelang aber nicht schnell genug, den Eltern zu vermitteln, dass sie mir Rederecht in der Schulversammlung verschaffen müssen. Laut Gesetz hätte dazu ein Antrag genügt. Doch ehe das geschieht, fängt ein Schulrat an zu reden und bezeichnet seine Minister-Verordnung als Gesetz. Da riskiere ich einen Zwischenruf: „Ihre Minister-Verordnung widerspricht dem Schulgesetz.“ Da schnauzt der Schulrat: „Sie sind Herr Thiel.“ Er hatte meinen Leserbrief zum Schulsterben gelesen und nun richtig getippt, wer da für Verfassung und Gesetz eintrat. Ein paar Minuten später löste der Schulrat die Versammlung auf. Die Gesamtschule wurde geschlossen, Fenster und Türen mit Brettern vernagelt.

Auch mit der opportunistischen Landtagsfraktion der PDS, die zur SPD in die Regierung will, habe ich mich ins Benehmen gesetzt, mehrmals, stets im Sinne der Gestaltenden Opposition, die man schon mal als Prinzip verkündet hatte. Doch man will nicht. Dabei gibt es Kraft im Lande. Sie muss erweckt werden. Schließlich könnten auch Schneebälle rollen und dicker werden, sodass Politiker nässer und Bürger mutiger werden. Seid bereit!

So weit meine Rede im Oktober 2002 bei den Freidenkern in Jena.

Im Frühjahr 2001 war in Leipzig eine Tagung zu Ehren Rosa-Luxemburgs. Ich hatte einen Beitrag gemeldet und konnte belegen, dass Rosa Luxemburg ein Ziel anstrebte – Sozialismus statt Barbarei - obwohl sie wusste, dass sich Geschichte nicht voraussagen lässt. Ich unterbrach die Endredaktion meines Buches über den Schülerstreik und fuhr nach Leipzig. Dort drängte es mich, ein paar Worte über die Aktion gegen die Barbarei zu sagen. Einigen Zuhörern gefiel das, andere aber sagten, so etwas gehöre nicht in eine Tagung über Rosa Luxemburg.

Das Absurdeste geschah 2004. Brandenburgische Landespolitiker bereiteten sich vor, den Familien die Kosten für den Transport der Schüler vom Wohnort zur Schule aufzubürden. Wegen der vielen Schulschließungen können zehntausende Schüler nur noch mit dem Bus zur Schule kommen, oft dreißig Kilometer über die Dörfer zur nächsten Schule, alle ohne Gurt, manche nicht mal mit Sitzplatz. Nun sollen sie indirekt Schulgeld entrichten. Zum Schaden auch noch den Hohn. Doch im Land Brandenburg ist Schulgeldfreiheit durch Verfassung und Schulgesetz garantiert. Die Bürger kennen weder Verfassung noch Schulgesetz, trotzdem entstand eine neue Bürgerbewegung. Innerhalb von drei Monaten wurden allein in den betroffenen Dörfern 106 000 Unterschriften gegen die verfassungswidrige Schulgelderhebung gesammelt.

In dieser Zeit hatte ich mehrere Treffen mit Spitzenleuten der PDS in der Landeshauptstadt und Dutzende Male mail-Verkehr. Auch mit einem Staatssekretär sprach ich, der den Landtag über die Lage in anderen Bundesländern belogen hatte. Eine große Zeitung bestätigte, was mein Mitstreiter von der Bürgerinitiative zur Lage in anderen Bundesländern recherchiert hatte. Natürlich sagte ich dem Staatssek „Treten sie zurück“. Das hätte auch die PDS ihm sagen müssen, da hätten es die Zeitungen aufgegriffen. Doch die PDS wich allen Versuchen aus, parlamentarische Routine durch außerparlamentarische Aktion aufzufrischen. Als Bürgerinitiative begannen wir, eine große Demo vorm Landtag vorzubereiten, wie es sie drei Jahre zuvor schon gegeben hatte. Die PDS hatte ich nach dem günstigsten Termin vor anstehender Novellierung des Schulgesetzes gefragt. Die PDS wusste, was eine große Demo vor dem Landtag bedeutet hätte. Und sie kannte die Terminplanung des Landtags. Doch sie wisch meinen Fragen aus. So mussten wir den günstigsten Termin auf gut Glück wählen.

Die Demo war schon bei der Polizei gemeldet, die sich sehr kooperativ zeigte; mir war mehrmals von Polizisten fünfzig Meter neben unsren Demos gesagt worden: „Wir haben doch auch Kinder!“ Schulen begannen, Omnibusse nach Potsdam zu chartern. Doch Spitzen der PDS waren schon längst dabei zu sagen, man müsse Heilige Kühe schlachten, und man könne auch nicht jede Schule bewahren. Vorsichtshalber hatte ich die PDS gewarnt, sie möge das Terrain nicht den Rechten überlassen. Doch genau so kam es, nur dass es nicht die DVU war, sondern die Schillpartei. Neutralisierung wäre möglich gewesen. Doch sie missbrauchte den Namen unsres Vereins auf ihrer website. Das war zuviel. Sofort informierte ich den Landesvorstand der PDS und schlug vor, fünfzig PDS-Genossen aus der Landeshauptstadt in der Nähe des Mikrofons zu versammeln, dann kann uns nichts passieren. Nichts dagegen, wenn sie dieselben Forderungen erheben wie wir. Sollten sie aber mit Wahlwerbung beginnen, kann die PDS mit Mitgliedermasse gegenhalten und ihre Plakate entfalten. Das würde die Rechtspartei nicht riskieren. Doch die PDS rief nun landesweit zum Boykott der Kundgebung auf und riss auch den Landes-Schulbeirat mit. Nur zwanzig Anhänger der Schillpartei und eine Schulklasse mit schillgeführter Lehrerin erschienen zur Kundgebung, außerdem vier aufrechte Linke. Mit Schülern hatte ich ein freundliches Gespräch: Sie führten Losungen mit, die ich entworfen hatte. Fünf Landtagsabgeordnete der PDS schauten von weitem zu, einer von ihnen tauschte demonstrativ Freundlichkeiten mit der Landes-Chef der Schillpartei aus. Diesem Genossen konnte ich gerade noch diskret sagen: „Lasst mich nicht allein“. Ein PDS-Genosse war der erste Redner: Klar, ruhig, engagiert. Beifall. Das funktionierte. Als ich zum Mikro griff, wurden Buh-Rufe entfesselt. Und bald schlug die Kundgebung um in eine Wahlveranstaltung der Schillpartei: Man sei die einzige Partei, die sich für die Schulen einsetzt. Am Ende wurden an die fünfzig Kartons mit den Unterschriftenlisten in den Keller des Landtags transportiert, eine ordentliche Übergabe blieb aus.

Was ich nach dem Storkower Schülerstreik bis in die Wochen nach dieser Kundgebung erlebte, habe ich 2005 als Buch veröffentlicht unterm Titel „Das vergessene Volk“. Das war mein Praktikum in Bildungspolitik. Von mir ungewollt nahm der Bericht auch kriminalistische Züge an. Und während ich den Leuten von der Schill-Partei noch Grenzen zu setzen versuchte, die sie anfangs auch respektierten, meinten PDS-Leute aus dem Landesvorstand, wir sollten uns eingestehen, eine Niederlage erlitten zu haben. Dem Primus der PDS in Brandenburg und bundesweit, inzwischen auch europaweit, Lothar Bisky mit Namen, schrieb ich, er solle sich bei den Bürgern Brandenburgs entschuldigen. Das hat er natürlich nicht getan.

Inzwischen habe ich einen dritten mehrtägigen Schülerstreik erlebt, im Jahre 2006, in Eberswalde, Kreisstadt nördlich von Berlin mit ihrer „Albert Einstein-Schule“, einer Gesamtschule samt Abiturstufe, gelegen im Zentrum einer wunderschönen Plattenbausiedlung, die in den achtziger (!!!) Jahren errichtet worden war, in einer Zeit, da solche Siedlungen von vornherein städtebaulich klüger errichtet worden sind als im Jahrzehnt zuvor. Aber 2006 hatte die Arbeitslosigkeit in der Industrie-Stadt Eberswalde schon viele junge Menschen zum Auswandern genötigt, und sechzehn Jahre nach der Wende hatten die Daheimgebliebenen schon sechzehn Jahre lang nur noch halb so viele Kinder wie vor der Wende gezeugt. Im Jahre 1991 war die Geburtenrate sogar auf ein Drittel gesunken. Politiker waren geil darauf, Schulen zu schließen. Sie meinten, Geld müsste für die Zukunft gerettet werden, Hauptsache, die gegenwärtigen Kinder werden nicht zu gut gebildet. „Wer dumm ist, sündigt weniger“, hatte der Bischof zum König gesagt. Lehrer gab es genug aus der DDR, aber statt die Klassenstärke von 28 auf 15 Schüler zu senken, wählten Politiker Schulen aus, um sie sterben zu lassen.

Das war in Eberswalde ruchbar geworden. Da zogen aus der Plattenbausiedlung vierhundert Schüler zum Rathaus im Stadtzentrum, angeführt von einem linken Sozial-Diakon. Bei meiner Ankunft hatte er mich ans Mikro gebeten. Am Abend lese ich aus dem Buch vom Schülerstreik in Storkow. Am nächsten Tag begann der Streik an der Albert-Einstein-Schule. Zwei Drittel der Schüler beteiligten sich, vierzehn Tage lang. Leider unterstützten nur sehr wenige Eltern die Schüler, ausschließlich Eltern, die sich nach dem Ausbruch der großen Arbeitslosigkeit selbständig gemacht hatten, dazu ein Ver.di Funktionär. Die Masse der Bewohner des Plattenbau-Viertels, darunter viele Langzeitarbeitslose, war apathisch geworden. Als ein paar engagierte Bürger den Landtag besuchten, wurde von Abgeordneten der PDS empfohlen, den Streik abzubrechen. Ein Jahr später wurde die Albert-Einstein-Schule abgerissen. Wird nun in der städtebaulichen Wunde ein Kaufhaus errichtet? Obwohl es in Sichtweite schon eines gibt? Die Schüler müssen jetzt mit dem Bus ans andere Ende der Stadt fahren. In einem leeren Gebäude der Nachbarschaft gründeten Bürger eine Privatschule.

Ein Jahr später bahnte sich erneut eine Aktion in Storkow an, um die Abiturstufe der Gesamtschule vor der Schließung zu bewahren. Dadurch geriet auch ein Deutsch-polnisches Freundschaftsprojekt in Gefahr: Die Storkower Gesamtschule hatte schon zum fünften Male Elftklässler aus dem nahen Polen aufgenommen. Das Ministerium war dagegen gewesen. Aber der Titel „Europa-Schule“ konnte Storkow nicht vorenthalten werden. Die Schüler aus Polen fanden stets herzliche Aufnahme bei Storkower Familien. Deutsch-polnische Städte-Freundschaften entstanden. Nun im September 2007 wurde ich von einem jungen Solid-Genossen angerufen: „Am Montag versammeln sich die Schüler vorm Schultor, kannst Du einen Flyer entwerfen?“

In meinem Entwurf schrieb ich:

„Willkür oder Rechtsstaat? Das Bildungsgesetz unsres Landes Brandenburg Paragraph 103 schreibt dem Minister vor, Schulen und Klassenstufen zu erhalten, auch wenn die Schülerzahl nicht seinen Wünschen entspricht. Schulgesetz Paragraph 4 schreibt dem Minister vor, den Schülern lange Schulwege zu ersparen und das Lernen zu fördern. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und die Verfassung des Landes Brandenburg (jeweils Artikel 80) fordern von allen Ministern, die eine Verwaltungsvorschrift erlassen wollen, die geltenden Gesetze zu respektieren. Aber das geschieht nicht. Es war auch schon zu erleben, dass Schulräte den Eltern verweigern, Konferenzen gemäß Schulgesetz durchzuführen. Schüler und Eltern in Storkow sollten den Rechtsstaat verteidigen.“

Das hatte ich sofort dem jungen Genossen als e-mail übermittelt. Am Montag 7 Uhr war ich vorm Schultor. Da standen schon zweihundert Schüler. Mein Flyer war nicht verteilt, stattdessen erschienen vier Landtagsabgeordnete der PDS/Linkspartei. Mindestens zwei kannten mein Buch „Das vergessene Volk“ von 2005 und ließen bei unsrer Begrüßung Sympathie durchschimmern. Natürlich nahmen alle vier das Mikro. Alle vier beteuerten, sie werden die Sache im Landtag bekannt machen. Das war alles. Der junge Solid-Genosse war sprachlos und blieb es den ganzen Tag lang.

Natürlich suchte ich zum Widerstand zu ermutigen. Darauf schienen die Schüler gewartet zu haben, und so zogen wir gemeinsam durch die Stadt. „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut.“ Mindestens ein Schüler wusste also, was auf Demos gerufen wird. Doch aus der dritten Generation war ich am Ende der einzige, nur zwei ältere parteilose Frauen hatten uns eine zeitlang begleitet.

Am Rathaus baten Schüler die Bürgermeisterin auf die Straße. Sie war als Mandantin der PDS gewählt worden, auch von mir. Jetzt ist sie obendrein Schulträger, von Amts wegen. Doch sie weigert sich, mit den Schülern zu sprechen und ihre Unterschrift in eine Liste zu setzen, die eine Schülermutter vorbereitet hatte. Als ich die Bürgermeisterin fragte, warum sie denn nicht unterschreibe, meinte sie: „Ich bin Beamtin.“ Da zogen wir weiter, zurück zum Schultor. Ich schlug vor: „Wir dürfen jetzt nicht auseinander gehen. Ziehen wir ins Friedensdorf, beraten wir, was zu tun ist.“ Wie Storkow schon einmal den Behörden widerstanden hat, suchte ich mitzuteilen. Doch wer jetzt in der elften Klasse ist, war damals erst zehn Jahre alt und noch gar nicht in der Gesamtschule. Die Lehrer standen unter Kuratel und hatten sich nie gewagt, den neuen Schülern etwas vom Streik zu sagen. Ein paar Eltern verabreden sich jetzt nur, den fernen Schulrat um eine Aussprache zu ersuchen. Das war der Tod des Widerstands. Zur selben Zeit hatte es in zwei Bildungseinrichtungen nahe gelegener Städte geknistert. Die PDS hatte das nicht bemerkt. Da setzten die Eltern an Ort und Stelle ihre Forderungen durch.

III. Zur dritten proletarischen Bildungsrevolution

Im 19. Jahrhundert und in der Weimarer Zeit waren Aktivisten der Arbeiterbewegung an Bildung interessiert. Arbeiter-Bildungsvereine und Volkshochschulen wurden gegründet. Der Arbeiterbewegung nahe stehende Intellektuelle entwickelten alternative Bildungsmodelle. Doch die jahrtausende alte Teilung der Arbeit in körperliche und geistige Anstrengung bannte die Aufmerksamkeit, die Kraft und die Zeit der primär körperlich Tätigen in enge Grenzen. Darunter litt auch die Ausprägung von Klassenbewusstsein, denn Bewusstsein der Klasse ist mehr als kollegiales Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Belegschaft, es ist Bewusstsein über Gemeinsamkeit übergreifender Interessen und über gesellschaftliche Zusammenhänge. Und dann, wenn gemeinsame Aktion zu organisieren ist - weit hinaus über Agitation von Mund zu Mund – fehlt es der natürlichen Intelligenz an Ausbildung im logisch exakten Gebrauch der Schriftsprache. Auch im Training zum Verständnis von Entwicklungsprozessen fehlt es. Deshalb fällt es den körperlich Tätigen schwer zu verstehen, was gerade für sie das Entscheidende ist: Die gesellschaftlichen Beziehungen und das Verständnis der Entwicklung ihrer Potenzen. Aufrufe von Funktionären, das Klassenbewusstsein zu entwickeln, kommen meist nur als Schlagworte an und werden abgelehnt.

Die Hoch-Zeit der Arbeiterbildungsvereine und Volkshochschulen könnte „Erste proletarische Bildungsrevolution“ genannt werden. Nach dem Krieg setzte im Osten Deutschlands eine zweite proletarische Bildungsrevolution ein: An den Hochschulen wurden Vorstudienanstalten – bald Arbeiter- und Bauernfakultäten genannt - zur Vorbereitung aufs Hochschulstudium gegründet, Arbeiterkinder begannen Gymnasien zu besuchen, als weltweit erstes Land führte die DDR die zehnjährige Allgemeinbildung ein. Als 1961 der Sowjetbürger Juri Gagarin als erster Mensch in den Weltraum flog, erlebte die westliche Welt einen Bildungsschock, den „Sputnik-Schock“.

Heute wäre eine dritte proletarische Bildungsrevolution nötig. Sie müsste allen Schichten zugute kommen und den Kindern der sog. bildungsfernen Familien endlich Bildungs-Gerechtigkeit verschaffen. Die Linken haben kein Problem damit, aus sozialen Motiven Bildungsgerechtigkeit zu wünschen. Mitunter nehmen sie das in ihre Kataloge auf: Bildungsgerechtigkeit analog Lohngerechtigkeit. Doch wird das ernst genommen? Und genügt das? Ich habe erlebt, wie zwei Landesparteitage der PDS versäumten, ihre Grundsätze bis in die Städte und Gemeinden durchzureichen. An meiner Zu-Arbeit hatte es nicht gefehlt. Vgl. R. Thiel: „Das vergessene Volk – Mein Praktikum in Landespolitik“.

Doch Bildungs-Gerechtigkeit wäre nur die Hälfte einer dritten proletarischen Bildungsrevolution. Eine neue Welt, gar eine sozialistische, entsteht nur dann, wenn alle, die gegenwärtig nicht privilegiert sind, über ihren Tellerrand hinauszublicken lernen. Das ist viel mehr, als Wirtschaftler fordern, die an Fachleuten interessiert sind: Es ist Bewusstsein über gesellschaftliche Zusammenhänge, über eigene Potenzen, über eigene Kreativität und ihre Äußerung, über menschlichen Reichtum in Marxens Sinne, über die Möglichkeit einer solidarischen Welt. Wie in Abschnitt I geäußert ist das Bildung im Sinne des demokratischen Sozialismus. Damit könnte man sogar für Sozialismus werben, auch unter Menschen, die sich nicht als Proletarier fühlen. Und für den Übergang ist die Hauptsache : „Vorwärts zum emanzipierten Menschen“, der seine Persönlichkeit nicht aller vier Jahre im Zettelkasten abgibt.

Wege zu dieser Revolution suchen die Bürger, die um Bestand und Qualität staatlicher Schulen bangen, doch auch Bürger, die nicht mehr Geld in der Tasche haben als typische Proletarier und trotzdem ihre Kinder in Privatschulen schicken, weil sie mit staatlichen Schulen nicht zufrieden sind.

Herr Müntefering hat vorgeschlagen zu bereuen, dass 1990 dem Volk eine neue Verfassung vorenthalten worden ist, für DDR-Bürger wäre das eine Überstülpung gewesen. War es ja auch. Sollten wir Herrn Müntefering nicht beim Worte nehmen und eine Verfassung fordern, in dem das Recht auf Bildung und die Schulgeldfreiheit vorgegeben ist? Das Recht auf Weiterbildung, das Recht auf Arbeit und die Arbeitszeitverkürzung nicht minder? Wenn sich die Linkspartei nicht rührt, sollten die Freidenker nicht schweigen. Wir brauchen Losungen, die auf Zukunft zielen.

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Publikationsfeld 8

Mehrmals kritisch durchgesehen:

Denk- und Handlungs-Schrift in drei Teilen

I.

Wachstum sichert keine Arbeitsplätze. Innovation und Rationalisierung: Chance zu allgemeiner Senkung der Arbeitszeit! Kompensation zwischen Jobbenden und Erwerbslosen! Arbeit fair teilen! Solidarität! Arbeit und Freizeit für alle, zum Menschsein, für Bürgerdemokratie! Die Verflechtung mit Bildung und gesellschaftlicher Alternative. Fangt endlich an mit Politik!

Mehr Impulse für politische Wende!

Ausarbeitung September 2002 bis Februar 2006

(Auf Papier Seite 2 bis 12)

Danach folgen:

II.

Marx, Engels und das Reich der Freiheit

oder

Die gewaltig wachsenden Produktiv-Kräfte machen Arbeitszeitverkürzung möglich. Mehr Freizeit statt mehr Konsum.

November 2002. (Auf Papier Seite 13 bis 15)

III.

Arbeitszeit-Verkürzung und bedingungslose Grundsicherung für alle:

Zusammenhang und Unterschiede beider Konzepte.

März 2005 - Februar 2006, (Auf Papier Seite 17 bis 19)

 

Demnächst folgt Teil IV : Erfahrungen aus Demonstrationen gegen Hartz IV.

Gegenwärtig wird der ganze Fragenkomplex auch in workshops von Attac bearbeitet. Logo: "Arbeitszeit neu denken. 30-Stunden-Woche jetzt!" oder auch "ArbeitFairTeilen".

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I.

Vorbemerkung: Der nachfolgende Text ist (bis auf redaktionelle Änderungen) seit Oktober 02 in Umlauf, auch bei Gabi Zimmer, Diether Dehm, Christa Luft, Harald Werner u.a. Obwohl keinerlei Reaktion erfolgte, wurde das Manuskript mehrmals redigiert. Ursprünglicher Titel war: „Arbeit und Freizeit für alle. Sichert Wachstum Arbeitsplätze? Nein. Kompensation zwischen Jobbenden und Arbeitslosen! Solidarität! Fangt endlich an mit Politik!“ Nachfolgende Fassung vom 13. 04. 2004 wurde leicht redigiert im Februar 06. Nur in einem Absatz zum Stichwort „Dritte Komponente“ war eine Korrektur erforderlich, ohne dass der Grundgedanke berührt werden musste.

Das Thema „Arbeitszeitverkürzung“ wurde bisher von der PDS nur beiläufig erwähnt. Am 26. November 2004 veröffentlichte „Neues Deutschland“ folgende Notiz: „Am kommenden Wochenende findet das vierteljährliche Treffen der PDS-AG ´Betrieb und Gewerkschaft´ ... statt. Das Hauptreferat ... wird ... der stellvertretende bayrische ver.di-Vorsitzende Michael Wendl halten. Thema .... : `Die Auseinandersetzung um die Arbeitszeit – Kernstück der gesellschaftlichen Auseinandersetzung´.“ Nach dieser Notiz hat man nichts mehr davon gehört. Nun mein Text:

Wachstum sichert keine Arbeitsplätze. Innovation und Rationalisierung: Chance zu allgemeiner Senkung der Arbeitszeit! Kompensation zwischen Jobbenden und Erwerbslosen! Arbeit fair teilen! Solidarität! Arbeit und Freizeit für alle, zum Menschsein, für Bürgerdemokratie! Die Verflechtung mit Bildung und gesellschaftlicher Alternative. Fangt endlich an mit Politik!

Mehr Impulse für politische Wende!

Sichert Wirtschafts-Wachstum Arbeitsplätze? Nein. Nichts hat sich geändert: Jahrelang lag die Zuwachsquote der deutschen Wirtschaft bei 2 Prozent. Trotzdem blieb die Arbeitslosigkeit nahe 10 Prozent. Dann lag die Wachstums-Quote noch immer bei 1 Prozent, trotzdem stieg die Arbeitslosigkeit um ca. 10 Prozent. Von allen Arbeitsfähigen sind über 11 Prozent erwerbslos, schlimmer noch - sogar 16 % oder 7,2 Millionen: „Nürnberg hat sich schön gerechnet“. Und die Regierung fährt fort – nach Laurenz Meyer, CDU - die offizielle Statistik „mit allen möglichen Tricksereien zu schönen“. (Märkische Oderzeitung 10. März 03 bzw. 7. April 04). Das ist doch klar: Unternehmer müssen – ob sie wollen oder nicht – rationalisieren und Arbeitskräfte entlassen. In der Regel entlassen sie auch Arbeitskräfte, wenn das Wachstum bei 2 Prozent liegt. Entlassen wird immer, zeitlich schwankend. Auch 2005 hat sich nichts geändert.

Neun Forschungseinrichtungen der Euro-Zone erwarteten für 2003 und 2004 Wirtschaftswachstum von 1,6 bzw. 1,9 Prozent, zugleich aber Anstieg der Arbeitslosigkeit von derzeit 8,3 auf 8,4 bzw. 8,6 Prozent. (ND 30. 11. 02. Inzwischen sind es über 10 %) Im Juli 2003 wurde in Verarbeitendem Gewerbe und Bergbau mehr Umsatz mit weniger Beschäftigten als im Vorjahresmonat erzielt: 2,3 % mehr Umsatz und 2,6 % weniger Beschäftigte. (Nach ND 17. 9. 03) Mit Blick auf 2004 meint IW-Geschäftsführer Kroker: Von je 100 befragten Unternehmen erwarten 41 % Produktionssteigerung und 34 % Gewinnsteigerung, zugleich aber 35 % Beschäftigungsabnahme. (Nach „Märkische Oderzeitung“ 6.11.03) „Die deutsche Exportwirtschaft hat 2003 trotz der Euro-Aufwertung einen Rekord erzielt.“ (Märkische Oderzeitung 12.2.04) Und das alles schon im zweiten Jahr – so lange schon betrügt man uns. „Die Erde ist eine Scheibe. Schweine können fliegen. Agenda 2010 schafft Arbeitsplätze.“ (IGM-Vertrauensleute in Hamburg.) Ob Unternehmer wollen oder nicht: Das macht der Konkurrenzkampf. Edzard Reuter, viele Jahre lang Chef der Daimler-Benz AG, sagte in einem Interview: „Solange wir ein Wirtschaftssystem haben, dass auf dem Prinzip beruht, dass eine Investition sich amortisieren muss, so lange gibt es keine Möglichkeit, sämtliche Arbeitsplätze auf Ewigkeit zu garantieren.“ (Neues Deutschland, 14.2.04)

Auch seit 2004 kein Abbau der Arbeitslosigkeit. Das ist mit Dutzenden öffentlichen Informationen belegbar. Es ist mir zu langweilig, das Offensichtliche mit Schwärmen von Meldungen zu belegen. Stellvertretend Zeilen aus einer gewöhnlichen Tageszeitung am 31. März 05: „Zum zweiten Mal in Folge senkten die Bürger ihre Erwartungen an die Konjunkturentwicklung und die Entwicklung ihrer persönlichen Einkommen ..... Zu sehr zeigen sich die Konsumenten verunsichert von der desolaten Lage am Arbeitsmarkt .... Die Arbeitslosigkeit und die Angst davor ist das Top-Thema ..... Denn auch gute Gewinne schützen die Beschäftigten nicht vor einem Verlust ihres Arbeitsplatzes .....“ (Märkische Oderzeitung) ARD sendet am 31. März 05 spät abends (22.30 Uhr) „Wie für Rekordgewinne Arbeitsplätze vernichtet werden.“ Die Linken wissen das längst, aber sie sind jetzt eingeholt von vielen Medien. Jetzt müssen sich die Linken Konzepte ansehen, die zeigen: Wie um Alternative gekämpft werden kann. Wollen das die Linken?

Die Gewerkschaftszeitung VER.DI PUBLIK (04 2005) publiziert unter der Überschrift „Gegen die Zeiträuberei. Arbeitszeit verkürzen, Jobs und Lebenszeit gewinnen“ Worte zu der Frage „Was bringen mehr Stunden im Betrieb wirklich?“ Antwort: „Mehr Arbeitslosigkeit. Die gleiche Zahl von Beschäftigten produziert mehr Produkte, die im Inland keiner kauft. So entstehen Personal-Überkapazitäten – und es müssen wieder Menschen entlassen werden ..... Arbeit muss fair umverteilt werden, zwischen Erwerbslosen und Arbeitenden ..... setzen wir uns für eine kurze Vollbeschäftigung von 30 Stunden ein, mit einem gestaffelten Lohnausgleich für untere und mittlere Lohn- und Gehaltsgruppen....“

Das einzige, was sich geändert hat in den letzten Jahren: Die Absicherung der Erwerbslosen ist durch Hartz IV zum Skandal geworden, und die Dauer des Elends ist gewachsen. Die Dauer eines Phänomens ist selber ein Fakt. Die wachsende Dauer der Zustände ist unmittelbarster Beweis für die Verlogenheit der Behauptung, Wachstum bringe Arbeitsplätze, oder gar für die Verlogenheit der Behauptung, Steuernachlässe für die Konzerne brächten Arbeitsplätze. Selbst in Regionalzeitungen kommen Zweifel an Hartz IV auf. Das Wort „Hartz-Flop“ erscheint schon mal als Überschrift einer Kolumne. Mitte März 2005 scheinen sogar beim Bundeskanzler, dem die Wählerschaft entgleitet, erste Zweifel aufzukommen, ob seine Agenda 2010 das Richtige ist: Der Bundeskanzler meint, den Konzernen wäre von seiner Regierung der Boden bereitet worden, nun endlich müssten die Konzerne Arbeitsplätze schaffen. Und was geschah? Die Arbeitslosigkeit ist nicht gesunken.

In den letzten zwei Jahren haben Wachstums-Lügen und den Konzernen geschenkte Steuern den Wahnsinn gesteigert. Schon wird unterm Druck der Angst Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich massenhaft geduldet, manchmal aber auch schon von Belegschaften abgewiesen: Lieber weniger Geld in der Tasche als Hartz IV.

Schon das klassische Überstunden-Unwesen war schlimm genug:

Um ihren Platz zu halten, rackern viele Beschäftigte weit „über Norm“ und leisten außerdem noch Überstunden. Erschlafft sinken sie abends auf ihr Sofa. Für die Familie, für die Kinder ist weder Zeit noch Kraft geblieben. Gewaltbereitschaft steigt. Das B.A.T.-Institut Hamburg ermittelte, der Ruf nach Schaffung von Arbeitsplätzen sei von 70 % Probandenanteil 2002 auf 78 % im Jahre 2003 gestiegen. 80 % der Jugendlichen bis zu 19 Jahren fürchten Ausbildungs- und Arbeitslosigkeit. (dpa/ND Dezember 03)

Acht Millionen finden überhaupt keinen Arbeitsplatz. „Das Problem ist nicht die Vermittlung, sondern das sind die fehlenden Arbeitsplätze.“ (Leiterin eines Arbeitsamtes. Märkische Oderzeitung 22.1.03) Also schon vor zwei Jahren! Seitdem hat die Zeitung viele erschütternde Berichte veröffentlicht, in denen unterschwellig Hartz IV angeprangert ist. Ich kenne Fälle, wo Auch-Menschen vor Jahren zu einer Verleih-Firma gingen, die viel besser vermittelt als das Arbeitsamt. Sechs Jahre lang ging das. Bei der Verleihfirma nahmen sie 30 Prozent Unterbezahlung in Kauf, Verzicht auf Urlaubsgeld usw., einfach deshalb, weil sie nach hundert vergeblichen Stellengesuchen die Faxen dicke hatten. Doch sie wollen arbeiten. Sie wollen lebendig und im Training bleiben und ihren Kindern Vorbild. Auch ihre Kinder sollen fleißig werden und zuverlässig. Doch jetzt? Beispiel: In einer Verleih-Firma sind 10 Personen als „Hauptamtliche Stellensucher“ ständig in Bewegung, um für 100 hochqualifizierte Leute Jobs zu besorgen. Dazu müssen die „Hauptamtlichen“ durch ganz Deutschland reisen, mit Bahn, Auto und Flugzeug. Obwohl sie viel effektiver sind als Arbeitsämter - jetzt hilft auch das nicht mehr. Die Verleihfirma ist Pleite. Alle 100 Klienten arbeitslos. Arbeitslosengeld wird nach dem bisherigen Unter-der-Norm-Gehalt bemessen.

Rolf Hochhuth sagt: Das Bedrohlichste für die Arbeitslosen ist, dass sie morgens im Bett bleiben, wenn ihre Frau – sofern sie noch Arbeit hat – zur Arbeit geht. Wir sehen, wie Männer seelisch kaputtgemacht werden, weil sie jahrelang herumsitzen. Wenn der Vater den ganzen Tag zu Hause hockt, werden die Kinder ihn irgendwann fragen: `Papa, was willst du denn später mal werden?`“ (Mehr in „MacKinsey kommt.“) Eine Mutter sagte mir schon vor drei Jahren: „Hätte ich das geahnt – ich hätte keine Kinder geboren und wäre ins Ausland gegangen.“ Erschütternde Dokumente zum Befinden von Arbeitslosen siehe Wolfgang Engler: „Die Ostdeutschen als Avantgarde“. Mit der Zeit gehen alle kaputt, alle. Die einen rackern zu viel, die andren kriegen überhaupt keinen Job. Das macht die Wahnsinnsformel: „Arbeitslosigkeit plus Überstunden mal Arbeitshetze“.

Nun endlich ist die Formel umzukehren:

Arbeitszeit herabsetzen, Arbeit für alle!! Vollzeit neuen Typs

Der einzelne Unternehmer denkt nicht daran. Aber der Staat kann es für alle – für die Volkswirtschaft, für alle Bürger, für alle Mütter, Väter und Jugendlichen. Dazu ist der Staat da: Rahmenbedingungen setzen! Nur müssen die Politiker aufgemöbelt werden. Sie haben die gesetzlichen Regelungen zu schaffen. Dafür werden sie bezahlt.

Andernfalls stirbt auch der Rechtsstaat, er stirbt seit Jahren schon:

1. Als Arbeitslose verlieren die Menschen psychische und physische Kondition. Überanstrengung und Überstunden bei Jobbenden führen zum Verlust an Kraft und Fähigkeit, Familienleben zu pflegen und sich den Kindern zu widmen. Zu den Folgen gehören: Überlastung der Krankenkassen und wachsende Zahl (20 bis 40 Prozent) verhaltensgestörter Kinder. Kinder von Arbeitslosen gar sollen nicht mehr mit Gleichaltrigen in der Kita spielen dürfen. Der Schaden setzt sich fort bis zu den Kindeskindern, ins dritte, vierte Glied. Sippenhaftung wie bei Hitler. Die Arbeitsfähigen wollen arbeiten, doch man lässt sie nicht. Das ist Entzug von Freiheit und von Recht auf persönliche Unversehrtheit.

2. Jobbende unterwerfen sich dem Regime, das sie zu Überanstrengung, Überstunden und langen Anfahrtswegen zwingt. Überstunden und Überanstrengung führen zum Verlust an Kraft und Geist, am kommunalen, politischen und kulturellen Leben teilzunehmen. Schon seit Jahren. Auch das ist Entzug von Recht auf persönliche Unversehrtheit und von Recht zu Politik. Die Demokratie siecht. Bundespräsident Johannes Rau: „Als Dauerzustand ist eine so hohe Arbeitslosigkeit unerträglich, wir dürfen uns damit nicht abfinden – das würde die Demokratie in Deutschland gefährden.“ (Märkische Oderzeitung 10.3.03). MOZ fügt hinzu: „Schon einmal sind in Deutschland verzweifelte Existenzen rechten Rattenfängern auf den Leim gegangen. Die Folgen sind bekannt.“

3. Hohe Arbeitslosigkeit führt zum Zusammenbruch der öffentlichen Haushalte, vor allem zur Verletzung verfassungsgemäßer Pflichten der öffentlichen Hand zur Gewährleistung von Bildung und Kultur. Die Regierung verletzt das Grundgesetz. Schon jetzt gibt es irreparable Auswirkungen auf die Jugend: Perspektivlosigkeit, Schul-Verdruss, Bildungsdefizit. „Die Jugendzeit – sie kehrt nie wieder.“ Dabei tritt das Schlimmste erst mit Zeitverzug ein: Dauer-Schädigungen von Bildung, Werte-Orientierung und Gesundheit. Deutschland wird hinabgewirtschaftet.

Immer mehr Erwerbstätige leiden unter Stress und Angst am Arbeitsplatz – nach Umfrage der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK) und der Frauenzeitschrift „Woman“. Von über 1000 Befragten gaben 20 % an, die gesundheitlichen Belastungen durch Stress und Angst seien in den letzten drei Jahren deutlich stärker geworden, 30 % sprachen von „etwas stärkerer Belastung“. Jeder Zweite hat Angst um seinen Arbeitsplatz, viele haben Angst vor eigenen Fehlern wegen Überanstrengung beim Job. (ND 25.2.03) Das dauert nun schon Jahre an.

„Zynisch und niederträchtig“ nennt Engler (a.a.O. S. 191) die Politik. Zur Demo am 1. Nov. 03 in Berlin sah ich die Spruchtafel „Schwerter zu Pflugscharen – Politiker zu Menschen.“

Täuschungen seit Jahren

Liberale und viele Linke glauben immer noch, die Katastrophe könne durch Wirtschafts-Wachstum abgewendet werden. Ökonomen, auch linke, wissen aber, dass Modernisierung der Produktion zum Abbau von Arbeitsplätzen führt. Trotzdem reden Wirtschaftler und Politiker von Wachstum und lenken ab vom Paradoxon „Arbeitslosigkeit plus Überstunden mal Arbeitshetze“. Abbau von Arbeitsplätzen kann in der BRD heute nicht mehr durch Ausdehnung des Produktionsfeldes kompensiert werden, wegen Globalisierung und aus ökologischen Gründen. Innovation – ja, aber sie muss durch Senkung der Arbeitszeit aller und für ökologische Lösungen sinnvoll werden. Sonst wird sie nur zum Fluch. Innovation ist dazu da, die Arbeitszeit aller zu senken und künftig doppelt so viele Rentner wie bisher mit guten, sogar mit steigenden Renten zu versorgen. Politiker lügen, wenn sie wegen der Alterspyramide den Teufel an die Wand malen.

Produktionswachstum kam eine Zeit lang der Dienstleistungssphäre zugute. So konnten in der Industrie entbehrlich gewordene Kräfte aufgefangen werden. Doch auch die Dienstleistung baut längst Arbeitsplätze ab: Teils durch Modernisierung (Computer in HBV und Büros), teils durch Verarmung von Staat und Kommunen (Abbau in Kultur, Bildung, Wissenschaft, Sozialwesen, Gesundheitswesen, Sicherheit). Verarmung von Staat und Kommunen durch Mammut-Ausgaben zur Bezahlung von Arbeitslosigkeit sowie durch Steuerflucht, Korruption, Rüstung, Misswirtschaft und Dilettantismus. Hoffnung auf Wachstum wird geschürt, um gepeinigte Menschen ruhig zu stellen und ihnen einzureden, man müsse dem Kapital Opfer bringen, damit es Arbeitsplätze schaffe. Den Vermögenden wurden vom Staat seit 2001 mindestens 50 Milliarden Steuern erlassen. Doch Arbeitsplätze wurden abgebaut. Die Bürger werden belogen.

Und wenn sehr hohes Wachstum käme - Jahrhunderte lang war es wünschenswert, als Hunger und Wohnungsnot herrschte – heute bringt es Katastrophen. Denn nichts bleibt, wie es ist. Alles hat seine geschichtliche Zeit. „Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage.“ (J.W. Goethe) Marx und Engels bestanden auf Auslaufen des Wachstums der Produktion. (Vgl. R. Thiel: „Marx, Engels und das Reich der Freiheit“, gekürzt in ND 25. 11. 02, ungekürzt siehe Anlage. Ausführlich in „Marx und Moritz – Unbekannter Marx – Quer zum Ismus“, Berlin 1998, ISBN 3-89626-153-3)

Die sog. Industriegesellschaft ist in die Endphase des menschlich sinnvollen und ökologisch vertretbaren Wachstums eingetreten. Menschlich sinnvoll und ökologisch vertretbar – andernfalls Auslaufen des Wachstums. Das war für Marx und Engels das Entscheidende. Nicht mal Linke haben das gelesen. Nirgends – auch beim Wirtschaftswachstum nicht - wachsen Bäume in den Himmel. Es gibt keine Tiere, die größer werden als Wal und Elefant. Bei linearem Wachstum der Schulterhöhe von Landtieren verschiebt sich die Relation zum Körpergewicht mit der dritten Potenz. Die Skelette können die Last nicht mehr tragen. Überproportionalität ist Nichtlinearität, entdeckt von Galilei, Hegel und Marx/Engels. (Vgl. R. Thiel: „Die Allmählichkeit der Revolution – Blick in sieben Wissenschaften“, LIT Verlag Münster, London, Hamburg 2000, ISBN 3-8258-4945-7) Die Gesellschaft kann das wachsende Warenangebot nicht mehr verkraften. Die Briefkästen der Bürger werden mit Werbetexten verstopft, Mülldeponien schwellen. Manager flüchten in gigantischen, lästigen Reklame-Aufwand, in Börsenspekulation zwecks Machtanhäufung, in Steuerflucht und Korruption.

Wachstum stärkt Profit-Dominanz: Die Mehrwert-Aneignung - nicht im kleinen Unternehmen, sondern in der überbetrieblichen Zirkulation zugunsten von Banken, Groß-Managern und Spekulanten - dient nicht der Schöpfung, sondern dem Abbau von Arbeitsplätzen. Es dient der Menschenmanipulation und – wie in Brandenburg - dem Bildungsabbau.

Menschen werden niedergemacht. Dazu der Bezirksleiter der IG-Metall Berlin-Brandenburg-Sachsen: Wir haben im Osten in der Metall- und Elektro-Industrie seit 1998/99 mit den „Lohnstückkosten im Durchschnitt mit dem Westen gleichgezogen. Wir haben sogar eine um etwa vier Prozent höhere Produktivität als in den Metall- und Elektrobetrieben West“. Die wenigen Industriebetriebe im Osten „sind technisch auf höchstem Stand. Sie fordern ungeheuren Stress und Leistung ab. .... Es kann nicht sein, dass die Menschen ihr Leben nach der Arbeit nur noch erschlafft auf dem Sofa verbringen. Es muss wieder stärker möglich sein, am kulturellen Leben teilzunehmen, Familie zu leben und sich demokratisch aktiv beteiligen zu können.“ (ND 4. 12. 02) Derselbe am 5. Mai 03: „.... liegen die Lohnstückkosten im Osten .... sogar um 10 Prozent unter denen im Westen.“ Die Produktivität steige in zweistelligen Raten, weshalb bei V W (Zwickau) jeder sechste Arbeitsplatz bedroht ist, wenn nicht kürzer gearbeitet wird. Sichttafeln bei den Warnstreiks: „Eure Kinder rufen laut: Eure Zeit wird Euch geklaut. 35 Stunden sind genug.“ Junge Leute riefen: „Mehr Zeit für Liebe und Verkehr, drum muss die 35 her.“ (ND 6. 5. 03)

Den sächsischen Metallern eilten vereinzelt auch Metaller aus dem Westen zu Hilfe. Doch zu viele im Westen glaubten sich sicher. Anderthalb Jahr später erwischte es auch sie. Schaden für alle. Nun müssen Gewerkschafter und Erwerbslose in Ost und West eine neue Chance schaffen: Arbeitszeit neu denken! 30-Stunden-Woche jetzt! Arbeit fair teilen!

Das Thema „Wachstum“ darf den Ökonomen nicht überlassen bleiben, den Betriebswirtschaftlern schon gar nicht. Die menschliche Dimension ist ihnen fremd. Mit der überbordenden Arbeitslosigkeit entpuppt sich „Wachstum“ als Problem der Werte in der Gesellschaft. So hatte es Marx für die künftige, inzwischen gekommene Zeit aufgefasst. Jetzt stehen sich gegenüber:

A) Humanismus, Solidarität, Demokratie und Kultur einerseits,

B) Rüpelei und Konkurrenz im Kampf um Arbeitsplätze, Verfall von Demokratie, Familie, Gesundheit und Würde, aber wachsende Müllhalden.

Dem klassischen Klassenkampf ist Kampf der entgegen gesetzten Tendenzen A) und B) entsprungen. Vom Ausgang hängt ab, ob Profitdominanz abgeschmolzen oder verewigt wird. Barbarei reißt auch kreative Unternehmer in den Strudel. Schade um die Kreativen!

Geld gibt es genug. Der Raub von Arbeitsplätzen kostet die Lohnabhängigen jährlich hundert Milliarden, um ihre erwerbslosen Kollegen am Leben zu erhalten. Doch sie halten still, weil sie um ihre Arbeitsplätze bangen, weil sie überstresst sind, weil sie abends erschlafft aufs Sofa sinken, weil sie nicht über den Tellerrand blicken. Arbeitslose verlieren sowieso allen Mut. Das ist die von Marx enttarnte Entfremdung des Menschen von seinen menschlichen Potenzen. Was soll nun das Logo „Sozial und solidarisch“ der Linken, wenn sie nicht mit Marx darüber hinaus denken? Zeitweilig haben Teile der PDS in einem „Streitruf“ an die Spitze gesetzt: „Arbeitsplätze durch: - Überstundenabbau – Arbeitszeitverkürzung ........“ (Siehe ND 30.4.03). Das war zur Zeit von Gabi Zimmer. Geblieben sind Plakate, und viele wollten lieber Wachstumswahn.

Was tun? Spielraum durch Kompensationen. Und diese miteinander kombiniert!

Politiker und Wirtschaftler wählen die Denkebene falsch: Sie wählen die betriebswirtschaftliche Denkebene statt der volkswirtschaftlichen und – noch schlimmer – statt der menschlichen Denkebene. Dabei wird der Wachstums-Schwindel ausgenutzt. Wir aber sollten fordern: Gerechte Verteilung von Arbeit durch Kompensationen, die keinem schaden, aber allen nützen. Schrittweise und immer wieder aufs Neue die Arbeitslosigkeit durch Abbau von Überarbeit kompensieren! Ein Loch durch einen Haufen tilgen! Löcher mit Haufen einebnen ist Kompensation, ein uraltes Erfolgskonzept. Soziale Innovation! Mit dieser grundlegenden Kompensation sind 6 weitere Kompensationen zu verbinden. Im Verbund miteinander sind die 7 Kompensationen machbar. Mit den Prinzipen „Kompensation“ (I) und „Verbund von Kompensationen“ (II) wird Erfindergeist praktiziert. Nicht Sozialabbau, sondern Kreativität! Fordert sie vom Politiker.

Erste (grundlegende) Kompensation, Schlüsselfrage: Arbeitszeit gerecht, also gleich verteilen. Die wöchentliche Arbeitsstundenzahl begrenzen, auf niedrigerem Niveau als bisher. (Für Künstler und Wissenschaftler gelten andere Regeln. Davon abgesehen:) Das Paradoxon „Arbeitslosigkeit plus Überstunden mal Arbeitshetze“ verschwände. Die Arbeitszeit des gesellschaftlichen „Gesamtarbeiters“ bleibt konstant. (Später kann sie absolut sinken.) Gewinn für alle: Niemand brauchte sich vor Arbeitslosigkeit zu fürchten, Überstunden und Arbeitshetze wären reduziert. Alle bekämen Zeit und Kraft für Familie, Bildung, Demokratie und Muße. Der Krankenstand würde sinken, Krankenkassen würden entlastet. Bei den Bürgern bliebe Kaufkraft, wenn sie nicht allenthalben für medizinische Leistungen zahlen müssen. Mit mehr Bildung würde sich das Weltverständnis der Bürger entwickeln. (Wer sind denn die Aktivisten von Greenpeace, Attac und ai ?) Und dann die Zeit für die Familie: „Wer sich nicht die Mühe macht, konsequent die Verantwortung der Familien <für die Kinder> zu thematisieren, wird den Kampf gegen Rechtsextremismus nie erfolgreich führen.“ (Beate Blechinger, Vorsitzende der CDU-Fraktion im Brandenburgischen Landtag. Zitiert nach „Märkische Oderzeitung“ 26. 11. 02 ) War das ehrlich gemeint?

Allgemeine Senkung der Arbeitszeit und Zuwachs an Bildung könnten gleichzeitig erfolgen. Mit zunehmender Bildung wächst das Bedürfnis zur Minderung der Arbeitszeit, zu Muße und weiterer Bildung. Bildung begünstigt Demokratie. Langeweile kann nicht mehr aufkommen. Das ist fundamental für nachhaltigen Wandel. Konzepte liegen bereit.

Zweite Kompensation: Unternehmerverbände behaupten, wenn ein Unternehmen anstelle von 800 gehetzten Mitarbeitern 1000 Arbeitskräfte beschäftigt, müsste es statt für 800 nun für 1000 Beschäftigte Sozialbeiträge abführen. Das ist Lüge, denn die Sozialbeiträge werden pro Arbeitsstunde berechnet, deren Gesamtzahl pro Unternehmen konstant bliebe: Mit 1000 Beschäftigten würde die Stundenzahl die gleiche sein wie bei 800. Also würde sich bei Neueinstellung von Arbeitskräften und gleich bleibender Stundenzahl die Summe, die für Sozialbeiträge zu zahlen ist, gar nicht erhöhen. Natürlich müssten die Unternehmen technologische Umstellungen vornehmen, doch das müssen sie auch, wenn sie rationalisieren und Arbeitskräfte entlassen. Also bedürfen sie für die Einstellung von Arbeitskräften gar keiner staatlichen Stütze. Die zweite Kompensation ist also von vornherein gegeben. Erhebliche Vorteile können entstehen: „1990 konnte Volkswagen in Wolfsburg die Bänder ungefähr 3000 Stunden laufen lassen. Heute, bei wesentlich kürzerer Arbeitszeit für die einzelnen Beschäftigten, laufen die Bänder bis zu 5000 Stunden.“ (DIE ZEIT 46/2003) Von der Politik ist zu fordern, den Täuschungen seitens der Unternehmerverbände entgegenzutreten, den Bürgern die Wahrheit zu sagen und für alle Unternehmen gleiche Rahmenbedingungen zu schaffen.

Dritte Kompensation: Die bis jetzt Erwerbslosen hätten deutlich mehr Geld in der Tasche, den bis jetzt Gehetzten könnte – nach Einkommensstufen gestaffelt – ein gewisser Ausgleich gezahlt werden. Durch Überflüssigwerden von ca. 100 Milliarden (Gelder aus Arbeitslosenversicherung und Kleine-Leute-Steuern) zur Lebenserhaltung der Erwerbslosen, erst recht durch Einziehung von Steuern, vor denen die Konzerne mit Erlaubnis des Staates ins Ausland flüchten, entstünden hinreichend Spielräume für gestaffelten Einkommensausgleich. Bei Niedrigverdienern könnte man absolut aufstocken. Und vor allem: Reingewinn der Gehetzten ist der Zeitgewinn! Lebens-Qualität! Viele wollen das schon jetzt, nicht nur, um ihren Arbeitsplatz zu halten, sondern auch, um Zeit für die Familie zu gewinnen.

Erwerbslosigkeit als ein Anlass zu Schwarzarbeit wäre passe´.

Der Non-Profit-Sektor kultureller und soz ialer Dienstleistungen sowie das Bildungwesen könnten durch freiwerdende Milliarden der BA und der Sozialämter erheblich Arbeitsplätze schaffen und erweitert werden. Arbeitsplätze für Lehrer und Sozialarbeiter! Gewinn für Kultur und Soziales! Das stärkt die Solidar- und Initiativ-Bereitschaft der Individuen und mindert die Entfremdung, transformiert Kapitalismus.

Die Geld-Reserven in der Bundesrepublik sind gigantisch. Heribert Prantl schreibt in seinem Buch „Kein schöner Land – Die Zerstörung der soz ialen Gerechtigkeit“ (Droemer Verlag München 2005, ISBN 3-426-27363-2, Seite 48 ff.): „1980 erreichten die Ertragssteuern auf Unternehmens- und Vermögenseinkommen noch 94 Prozent des Lohnsteueraufkommens; 1990 waren es noch 80 Prozent, 1999 73 Prozent und 2003 stiegen die Gewinne der Unternehmen um 24 Milliarden Euro, doch deren Steuerlast ging um 33 Milliarden Euro und damit um ein Drittel zurück..... Zu Beginn der Ära Kohl im Jahre 1983 hatten die Unternehmenssteuern ..... zusammen einen Anteil von 14,3 Prozent am Gesamtsteueraufkommen. Beim Regierungsantritt von Rot-Grün im Jahre 1998 hatten beide Steueraufkommen noch einen Anteil von 6,7 Prozent. Im Jahr 2001 .... betrug der Anteil zusammen noch 1,8 Prozent .... Im Jahr 2001 hat der Staat der Wirtschaft gar 426 Millionen Euro mehr zurückerstattet als eingenommen. Das Handelsblatt stellte im August 2001 denn auch fest: ´´Die ´Steuerlast´, über die die Wirtschaft immer noch klagt, ist eher ein Phantomschmerz´´..... Es ließe sich freilich auch ein Steuersystem denken, das solche Unternehmensgewinne privilegiert, die in Arbeitsplätze reinvestiert werden, jene aber höher besteuert, mit denen Geld sich selbst vermehren soll.“

Also gibt es erst recht genug Geld für die Auflösung der Arbeitslosigkeit durch Allgemeine Senkung der Arbeitszeit.

Vierte Kompensation: Diese ergibt sich aus 1 bis 3 von selber: Alle Bürger wären frei von Angst. Ihre durch Grundgesetz geforderte Würde wäre endlich hergestellt. Die Bürger würden nun auch ohne Angst Initiativen ergreifen, um Vermögenssteuer, Tobinsteuer und Schließung von Steuerschlupflöchern durchzusetzen und das Missverhältnis zwischen den Einkünften von Managern und normalen Menschen zu mindern. Das würde zusätzliche Mittel freisetzen. Diese könnten für humane Investitionen, für Abbau restlicher Arbeitslosigkeit, für soz iale und kulturelle Dienste (in Form des Non-profit-Sektors) sowie für weitere Senkung der allgemeinen Arbeitszeit genutzt werden.

Fünfte (spezielle) Kompensation: Auch für das Mittelstands-Gewerbe und das Handwerk, wo der Unternehmer oder Meister selbst noch Organisator der Produktion ist, würde durch Neu-Einstellungen eine Erhöhung der Ausgaben für Sozialbeiträge gar nicht eintreten. In diesem Punkte wird am heftigsten gelogen. Die Anzahl der Stunden abführungspflichtiger Arbeit bliebe nämlich dieselbe. Der technologische Aufwand für die Aufteilung der in Anspruch genommenen Arbeitsstundenzahl auf mehr Personen hält sich in engen Grenzen, weil pro Person weniger Grundmittel nötig sind als in der Großindustrie. Trotzdem könnte dem mittelständigen Gewerbe vom Staat indirekt eine Kompensation für ihre Mühe geschaffen werden, denn der durch Milliarden Euro zur Bezahlung von Arbeitslosigkeit und Politiker-Dilettantismus verschuldete Staat gewänne Spielräume zur Auftragsvergabe für öffentliche Investitionen. Teilen von Handwerk und mittelständigem Gewerbe würden dadurch sehr schnell Aufträge zuteil.

Sechste Kompensation, den Landesfrieden betreffend: Verkürzung der Arbeitszeit würde den Teufelskreis durchbrechen, wo Rationalisierung nur zum erneuten Abbau von Arbeitsplätzen führt. Dieser Teufelskreis spaltet die Bevölkerung in Jobbende und Arbeitslose, stiftet Neid auf beiden Seiten: Bei Jobbenden und bei Erwerbslosen. Wird aber der Teufelskreis durchbrochen, würden Rationalisierung und Investitionen zu weiterer Herabsetzung der Arbeitszeit führen, zu Zeit für Familie, Kinder, Bildung, Muße und Hobbies, Zeit für Mitarbeit im Verein, für Sport und für demokratische Teilnahme am öffentlichen Leben. Zeit für Solidarität! („Hört die Signale“!) Das wäre Lebensqualität! Interesse an Politik würde wachsen. Der Bürger würde Zeit haben für öffentliche Angelegenheiten und über den Tellerrand hinaus zum Informieren seiner selbst. Das stärkt seine Persönlichkeit. Das ist der einzige Schutz vor wachsendem Rechtsextremismus, in den sich verzweifelte Menschen flüchten würden. Noch fürchten sich Berufspolitiker vorm Politik-Interesse der Bürger. Doch wo sich jetzt der Hang zu Diktatur der Regierenden entwickelt wie in Brandenburg, würde sich Demokratie beleben.

Rolf Hochhuth meint zum Abbau von Arbeitsplätzen: „Einige Betroffene werden sich radikalisieren. Jakob Burckhardt (der berühmte Historiker. R. Th.) sagt, dass der Rechtlose zum `Mord als Hilfsmittel` greift. Es ist doch eine Ungeheuerlichkeit, dass die Deutsche Bank am Vorabend der Entlassung von 11 000 Angestellten ihrem Ex-Chef Breuer das Leben mit einer Abfindung von 9 Millionen Euro versüßt. Sein Nachfolger Ackermann erhält 6,95 Millionen jährlich. Dieser Schweizer macht sich nicht klar, dass er sein Leben riskiert, obwohl er von seinem Landsmann Wilhelm Tell sicher schon gehört hat.“ (Rolf Hochhuth: mehr in „McKinsey kommt“) Inzwischen nimmt sich Ackermann 11,5 Millionen Euro pro Jahr.

Siebente Kompensation: Arbeitshetze hinweg, Kreativität kann blühen. Von Zwängen, Hetze und übermäßiger Arbeitszeit befreite Köpfe würden sich anregen lassen, das Recht zum Bildungsurlaub wahrzunehmen und Recht auf Sabbat-Jahr zu erstreiten. Sie würden sich anregen lassen, über Rationalisierung ihrer Tätigkeit selber nachzudenken und damit weitere Reduzierung der Arbeitszeit anzubahnen, ohne dass es für sie zum Bumerang wird. So entstünde Initiativ-Bereitschaft der Arbeitenden, nicht zum Schaden der Unternehmen. Für Verbesserungs-Vorschläge würden befreite Menschen Prämien einstreichen.

Wirtschaftswachstum und Produktivitäts-Anstieg durch Innovation sind zweierlei. Steigende Produktivität macht es möglich, die Arbeitszeit schrittweise auf 20 Stunden pro Woche zu senken und die wachsende Zahl von Rentnern bestens zu versorgen.

Das sind 7 Kompensationen, die im Zusammenhang erwogen werden müssen. So entsteht mehr als die Summe der Einzelnen. Langwierige Diskussionen über dies und das sind von vornherein überflüssig. Wichtig ist der Wille zum systemischen Denken.

Man kann 7 Einzelne als Einzelne denken. Im Ganzen wirken die Sieben Komponenten synergetisch miteinander. Auch anderswo gibt es Komponenten. Einzeln kleben sie nicht. Aber im Verbund. Natrium und Chlor sind Elemente, zusammen ergeben sie Salz. Was nur Element war, ist Komponente geworden. Politik im Bündel tut not, „im System“. Sieben Zahnräder sind nichts, doch zusammengefügt können sie eine Uhr ergeben. Draht, Bleche, ein Magnet und eine Welle sind einzeln auch nicht viel. Und doch machte Werner v. Siemens den Elektromotor daraus: Denkend fand er das Ganze, das mehr ist als die Summe der Teile. Das ist dann auch patentierbar. Den Zuschnitt entwickelte Siemens aus dem Gedanken ans Ganze, nicht umgekehrt.

Leider ist solche Art des Denkens selten. Langjährige Beobachtungen zeigen mir, dass sytemisches Denken den meisten Menschen sehr schwer fällt: Sie sehen Körnchen, Steinchen, machen sie im Gespräch auch geltend, haben aber nicht die Geduld, Hinweise auf weitere Körnchen und Steinchen zu erhören, geschweige denn Hinweise auf deren (systemischen) Zusammenhang.

Gregor Gysi und andere haben einige der 7 Komponenten vor langer Zeit erwähnt, nur nicht alle 7 im Verbund. An Willen zu außerparlamentarischer Arbeit fehlte es auch. Eine Autorengruppe des DIW referierte 1997 über „Allgemeine Arbeitszeitverkürzung“ als sinnvolle Option. Deren Auswirkungen werden weitgehend durch Kompensationen als auffangbar und durch staatliche Arbeitsmarktpolitik als durchsetzbar dargestellt.

Nun wird es Zeit zu erinnern, wie in den siebziger und achtziger Jahren Gewerkschaften für die 40- und dann für die 35-Stunden-Woche gekämpft haben. Jakob Moneta war Chef der Öffentlichkeitsarbeit der IG Metall. In seinem Buch "Die Streiks der IG Metall" (isp-Verlag 1984) wird berichtet vom Kampf für "die Verteilung der Arbeit auf alle". Dort steht auch: "Verstärkte Arbeitslosigkeit höhlt die Kampfkraft der Gewerkschaften aus. ...... Wir werden in den nächsten Jahren auch über weitere tarifliche Verkürzung der Arbeitszeit, zum Beispiel die 30-Stunden-Woche ..... reden müssen." Durch Produktivitätssteigerung können hunderttausende ihren Arbeitsplatz verlieren. "Es sei denn, wir ..... machen die Arbeitszeitverkürzung zu einem langfristigen dauernden Prozeß."

1993 erschien von Jürgen Manneck „5 Stunden sind genug.“ Ohne Marx-Zitate, doch als hätte Manneck Marx gelesen. (Manneck Mainhattan Verlag, ISBN 3-9803508) Übrigens auch spannend zu lesen. Dieses Werk erscheint auch heute noch als konsequenteste und detaillierteste Behandlung des Themas „Arbeitszeitverkürzung“.

1995 erschien von Jeremy Rifkin „Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft“, Campus Verlag, 239 Seiten. Der reißerische Titel ist ein Tribut des Amerikaners an die amerikanische Gesellschaft.

1997 schuf Peter Grottian zusammen mit Thomas Weidmann einen Entwurf "Für einen neuen Typus von Tarifvertrag im öffentlichen Dienst 1998 - Oder wie solidarische Arbeitsumverteilung mit neuen Arbeitsplätzen und Dienstleistungen sowie Haushaltseinsparungen verbinden?" Der Entwurf enthält konzeptionelle und statistische Elementen. Eines der Kapitel ist überschrieben "Das Beispiel Berlin". Statt diesem Entwurf Aufmerksamkeit zu widmen hat es der rot-rote Senat in Berlin vorgezogen, aus der Tarifgemeinschaft öffentlicher Arbeitgeber auszuscheiden und Gewerkschaften zu brüskieren.

Seit 1997 ist aber die Dringlichkeit und die menschliche Dimension genereller Arbeitszeitverkürzung noch viel quälender geworden. Auch ein ökonomisch-mathematisches Modell der Machbarkeit genereller Arbeitszeitverkürzung wurde erneut und weiter ausgestaltet von Berthold Kühn und Jochen Ebel. Selbst wirtschaftliches Wachstum ist danach möglich. Über Optionen zu genereller Senkung der Arbeitszeit und zu gerechter Verteilung von Arbeit aus menschlicher, christlicher Sicht referierte Werner Schmiedecke u.a. in Gewerkschaftliche Monatshefte 9/2003. Bei uns allen treffen Manuskripte ein, die in dieselbe Richtung weisen.

VER.DI PUBLIK 10/2003 veröffentlichte Thesen von Dieter Ruckhaberle. Darin heißt es: „In Zukunft werden nur noch 40 bis 60 Prozent der angebotenen Arbeit benötigt, um die gesellschaftlich nötigen Waren und Leistungen, auch bei erweiterten Bedürfnissen, zu erstellen. 60 bis 40 Prozent des angebotenen Arbeitspotenzials werden nicht mehr benötigt..... Das gesellschaftlich notwendige Arbeitsquantum muss möglichst gerecht auf alle, die arbeiten können und wollen, verteilt werden.“ Die Steuerschlupflöcher der Großkonzerne müssen geschlossen werden: „Man wird staunen, wie viel Geld in den Staatskassen sein wird.“

2002 fordert Jakob Moneta (siehe auch oben) zusammen mit Angela Klein auf der Titelseite von „Sozialistische Zeitung“ (SoZ Köln) die 30-Stunden-Arbeitswoche.

2005 veröffentlicht „Montagsdemo Dortmund e.V. iG. statements aus dem Kreis seiner Anhänger, durch die ein großer Teil der Thematik erfasst wird. (http://community.forenshop.net/index.php?mforum=montagsdemodort&showt....

2005 veröffentlicht die Stuttgarter Zeitung eine ausführliches Interview mit dem oben genannten Jeremy Rifkin und im Verlauf der Sommermonate dessen weitere Ausführungen.

2005 legte die Katholische Arbeitnehmerbewegung ein beachtliches "Diskussionspapier" vor, das auf langjährigen Arbeiten mehrerer Autoren beruht.

1998 hatte auch ich längst mit konzeptionellen Arbeiten begonnen, die ich ab 2002 verstärkt fortsetzte und sofort auch der PDS bekannt zu machen suchte, auch vor Ort in der Zentrale. Letzteres war vergebens. Selbst im Entwurf der Linksfraktion für eine Bundestagsinitiative zur Milderung und Überwindung von Hartz IV (Januar 06) ist kein Hinweis auf Arbeitszeitverkürzung zwecks Überwindung von Arbeitslosigkeit enthalten. Jahrelang vergeblich. Dieses Defizit wurde auf einer Veranstaltung der Linksfraktion am 24. Februar 06 – auch „Anhörung“ genannt – von mindestens drei arbeitslosen Gästen und von mir als Rentner deutlich und unter Beifall beim Namen genannt, von mir verbunden mit dem Hinweis, dass das Arbeitszeitgesetz, das der Jurisdiktion des Bundestages untersteht, durch den Bundestag grundlegend novelliert werden muss. Diese Ansicht erhärtete ich mit einer schriftlichen Stellungnahme zum entworfenen Papier der Bundestagsfraktion. Prüfung wurde mir zugesagt.

Ende Februar 06 publizierte die Linkspartei zusammen mit WASG einen programmatischen Entwurf unter Federführung von Dieter Klein. Dort erscheint endlich das Thema "Arbeitszeitverkürzung". Sollten die Ausarbeitungen von mir und von Attac, die Dieter Klein übermittelt worden waren, den Lichtblick ausgelöst haben?

In Methodik erfinderischen Denkens trainiert übe ich mich auch, geplagten, geängstigten Bürgern die Kompensation zu erläutern, im Dorf, in der Kaufhalle, in der Eisenbahn. Selbst Damen in Call-centres hören zu. Zuerst sage ich: Ich werde nichts kaufen, dann rüge ich die verdammte Reklame, dann spreche ich über den Wahnsinn „Arbeitslosigkeit plus Überstunden mal Arbeitshetze“. Da werden die Frauen hellhörig. Solche Gespräche gelingen von mal zu mal besser. Es ist möglich, den meisten Bürgern die Schöpfung von Arbeitsplätzen durch Abbau von Arbeitszeit verständlich zu machen. Man muss ihnen helfen, die Denkebene der Gesamt-Gesellschaft zu erklimmen.

Viele Bürger, auch Linke, sind irritiert durch ihre Gewohnheit, Arbeitslosigkeit unter betriebswirtschaftlichem Aspekt zu sehen. Vielen scheint das fasslicher als „die Gesellschaft“ oder „das Gemeinwesen“. Einen Betrieb können sie sich vorstellen, einen einzelnen Unternehmer auch noch, aber nicht die Gesellschaft, das Gemeinwesen als Ganzes. In der DDR haben sie Phrasen über das gesellschaftliche Ganze gehört. In der BRD erzeugen Medien den Hang zu betriebswirtschaftlicher Sicht. Täuschend ist der Slogan: Wenn es dem einzelnen Unternehmen gut geht, dann gehe es der Volkswirtschaft gut. Nein! Bei Siemens „stieg der Gewinn um 24 Prozent auf fast 2,6 Milliarden Euro.“ Aber: „Der Konzern will bereits rund 35 000 Arbeitsplätze abbauen. Mehr als die Hälfte davon ist schon umgesetzt.“ (Märkische Oderzeitung 6.12.02) Also schon vor Jahren! Laut „Welt am Sonntag“ haben die 30 im Deutschen Aktienindex zusammengefassten Unternehmen 2003 fast 30 Prozent Ertragsplus erreicht, für 2004 prognostizieren sie ein Ertragsplus von 47 Prozent. (Vgl. Neues Deutschland, 9.2.04) Und so ging es weiter.

Lasst Euch nicht täuschen. Regine Hildebrandt hat das einst der Treuhandanstalt im Fernsehen um die Ohren gehauen. Nun gilt es, volkswirtschaftlich und soz ialphilosophisch zu sehen, das gesellschaftliche Ganze! Jetzt treffe ich immer häufiger Bürger, die begreifen, dass die Rahmenbedingungen der Wirtschaft zu wandeln sind. Das ist Aufgabe der Politik und mit Druck von unten machbar. Auch der Industrie-Verbands-Präsident Henkel will vom Staat Ordnungsrahmen: „Die Marktwirtschaft wird in kurzer Zeit im Eimer sein, wenn der Staat keinen Ordnungsrahmen vorgibt.“ (ND 19.3.03) Henkel gibt vor, dabei an Abbau der Korruption zu denken. Dann hat er sogar recht. Doch er wird auch lernen müssen, an die Erwerbslosen zu denken: Ein neues Arbeitszeitgesetz muss als Ordnungsrahmen her. Arbeitszeit neu denken - 30-Stunden Woche jetzt!

Kompensation 1 muss übergreifender Ansatz für Politik werden. Wer wirklich Marx gelesen hat, weiß auch, dass Marx bei Kompensation 1 den Sinn aller Entwicklung gesehen hat. (Siehe auch R. Thiel: „Marx, Engels und das Reich der Freiheit“. Gekürzt in ND 7. 11. 02. Ungekürzt in Teil II. Ausführlicher dokumentiert in R. Thiel: „Marx und Moritz – Unbekannter Marx – Quer zum Ismus“, trafo verlag Berlin 1998, ISBN 3-89626-153-3).

Mit kaputten Menschen keine Zukunft. Wie kann es zu Lebensqualität kommen, wenn „Arbeitslosigkeit plus Überstunden mal Arbeitshetze“ unser Leben prägt? Wenn Millionen Menschen psychisch kaputtgehen? Wenn Millionen krank werden? Wenn Jobber gegen Arbeitslose ausgespielt bleiben? Wem ist es ernst mit „ soz ial und solidarisch“? Dann wäre nämlich das Schwergewicht vom Konsum zu verlagern auf menschliche Zeit, auf Bildung, Demokratie und Familie. Tote Gegenstände gibt es längst genug.

Wer aber auf Wirtschaftswachstum setzt, vergisst, dass Wachstum wie bisher zu neuem Abbau von Arbeitsplätzen durch Innovation und Rationalisierung führt. Ob der Unternehmer will oder nicht: Konkurrenzkampf zwingt ihn immer. So kommt man nie aus dem Teufelskreis hinaus: Der Mensch bliebe „fester an das Kapital“ geschmiedet als „Prometheus an den Felsen“. (Karl Marx) Will das die PDS? Doch durch schrittweise Senkung der Arbeitszeit würde der Teufelskreis immer wieder und allmählich ganz durchbrochen: Zunächst Arbeitszeitverkürzung, bis die Arbeitslosigkeit von sieben auf sagen wir 0,2 Millionen Fälle herabgesetzt ist. Beginnt die Arbeitslosigkeit über diese Marge wieder zu steigen: Erneute Herabsetzung der Arbeitszeit. Unternehmer-Gewinn durch Rationalisierung käme so allen Menschen zugute: Das Lebens-Zeit-Volumen für Familie, Bildung, Hobbies, Politik und Mitbestimmung würde wachsen. Trotzdem würde genug für alle produziert. Die Ärmsten könnten mehr haben. Die Dominanz der Gewinnwirtschaft über die Menschen würde schrittweise gebrochen.

Fatal wäre, wenn Linke dem Konzept der 7-fachen Kompensation entgegenhielten: „Dann wären wir doch schon fast im Sozialismus – das kann aber nicht sein, weil wir im Kapitalismus sind.“ Dem halte ich mit Marx entgegen: „....abstrakt strenge Grenzlinien scheiden ebenso wenig die Epochen der Gesellschafts- wie der Erdgeschichte.“ Echte Umwälzungen erfolgen allmählich. (Dazu R. Thiel: „Die Allmählichkeit der Revolution – Blick in sieben Wissenschaften“, herausgegeben von Herbert Hörz in der Reihe „Selbstorganisation soz ialer Prozesse“, LIT Verlag 2000, ISBN 3-8258-4945-7)

Die "ungeheure Steigerung der Produktivkräfte erlaubt, .... die Arbeitszeit eines jeden so zu beschränken, daß für alle hinreichend freie Zeit bleibt, um sich an den allgemeinen Angelegenheiten der Gesellschaft - theoretischen wie praktischen - zu beteiligen." (F. Engels, MEW 20.169) Jenseits der Produktion "beginnt die menschliche Kraftentfaltung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit .... Die Verkürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung." (K. Marx, MEW 25.828) Es kommt darauf an, "die Arbeitszeit für die ganze Gesellschaft auf ein fallendes Minimum zu reduzieren und so die Zeit aller frei für ihre eigne Entwicklung zu machen...." (K. Marx, MEW 42.604)

Jüngst stritt ich mit Unternehmern: „Mein Respekt vor Ihrer Risiko-Bereitschaft, vor Kompetenz und Initiative ist Ihnen sicher. Und sollten Sie entwicklungsfähig sein - ich wäre auch bereit, Sie als Kollegen zu sehen wie die Menschen an den Maschinen.“ Da die Unternehmer aber behauptet hatten, die Gesellschaft sei nur ein Sammelsurium von Figuren, und Wachstum schüfe Arbeitsplätze, habe ich entgegnet: „Zu eng ist Ihr Gesichtskreis. Ihre Unternehmersicht können Sie uns nicht als gesellschaftliche Sicht aufzwingen. Gerade das werfen wir Ihnen vor, wenn wir von Kapitalismus sprechen. Üben Sie sich, in größeren Zusammenhängen zu denken. Nutzen Sie Ihre Verbände, um zu beraten, wie Sie Ihr Regime auf die Menschen einstellen, denn Eigentum verpflichtet. Für Ihr Unternehmen können Sie sprechen, aber nicht für die Gesellschaft, schon gar nicht, wenn Sie meinen, das sei nur ein Haufen von Figuren. Und wenn Sie fortfahren, 7 Millionen Arbeitslose zu beleidigen, Frauen und Männer mit ihren Familien, dann könnte bald von Enteignung die Rede sein.“ Das sagte ich mit Zorn, weil es mir die Logik eingab. Da kam der Unternehmer zu mir und entschuldigte sich für seine Entgleisung.

Den Lohnabhängigen aber sei geraten: Mehr Selbstbewusstsein! Wir sind das Volk. Ein bundesweites Netzwerk ist im Entstehen.

Lichtblick sind die gegenwärtigen Streiks gegen Verlängerung der Arbeitszeit im Ver.di-Bereich. Die Linkspartei wäre gut beraten, sich solidarisch – in welcher Form auch immer - bemerkbar zu machen. Lichtblick sind auch Forderungen nach gesetzlichem Mindestlohn auf hohem Niveau, die allmählich deutlicher werden und die Verkürzung der Arbeitszeit unterm Gesichtspunkt des Lohn-Einkommens für Niedrigverdiener begünstigen.

II.

Folgender Text von mir wurde am 7.11. 02 im ND gekürzt als Leserbrief veröffentlicht unterm Titel „Marx, Engels und das Reich der Freiheit“. (Vom ND weggelassene Teile wurden jetzt von mir in meiner doc-Datei rot und zugleich in Schriftart Times New Roman markiert.) Weitere Leserbriefe in ähnlichem Sinne von Fritz Teppich „Nein zur eigensüchtigen Überproduktion“ und von Roland Schnell „Die alten Glaubenssätze <von wegen Wachstum> gelten nicht mehr.“ Bald wurde die Diskussion im ND wieder eingestellt. Im Frühjahr 2003 hob sie erneut an mit Beiträgen vor allem von Werner Schmiedecke, Jochen Ebel und Berthold Kühn und wurde bald wieder abgesetzt. Dominant blieben dagegen Wachstums-Verfechter mit wenig Interesse für Arbeitszeitverkürzung, mit wenig Interesse für die menschliche Dimension und die Konsequenzen der Kapitalismus-Reproduktion. Einige der auf Personen bezug nehmende Formulierungen habe ich im Folgenden neutralisiert.

Marx, Engels und das Reich der Freiheit

Harry Nick meint (ND 25. 10.), Wirtschaft müsse weiter wachsen, auch wenn Wirtschaftswachstum die Entwicklung ökologischer Gefahren fördere. Dabei weiß Nick, dass Wirtschaftswachstum Arbeitsplätze eher schwinden macht, denn der potente Kapitalist rationalisiert und baut Arbeitsplätze ab. Das wusste schon Marx. Wie wäre es aber – meine ich – endlich mal Politik für generelle Senkung der Arbeitszeit zu machen? Unser gemeinsamer Jugendfreund Friedrich Engels hatte gemeint:

Die "ungeheure Steigerung der Produktivkräfte erlaubt, .... die Arbeitszeit eines jeden so zu beschränken, daß für alle hinreichend freie Zeit bleibt, um sich an den allgemeinen Angelegenheiten der Gesellschaft - theoretischen wie praktischen - zu beteiligen." (MEW 20.169)

Ohne Senkung der Arbeitszeit wird die Masse der Bürger für Demokratie und Demonstrationen kein Interesse gewinnen können, geschweige denn die Kraft dazu nach Schichtschluss und am Wochenende. Vielleicht braucht der Bürger auch noch Zeit für seine Kinder. Doch seine Kraft reicht nur zum Einkaufsbummel. Am 27. 10. titelte die Berliner Morgenpost: „Kaufrausch trotz Sturmwarnung – Regen und starke Windböen, aber mehr als 400 000 Menschen bummelten durch die 5. Lange Nacht des Shoppings“. Die meisten wollen keinen Krieg. Doch just am gleichen Tage fanden nur ca. 10 000 Bürger die Kraft, an der Berliner Antikriegskundgebung teilzunehmen. Kaufhäuser haben wir genug. Was fehlt, sind attraktive Bürger-Foren.

Nun wieder ein Blick ins Buch. Ein andrer Freund aus unsrer Jugend, Karl Marx, hatte gemeint: Jenseits der Produktion "beginnt die menschliche Kraftentfaltung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit .... Die Verkürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung." (MEW 25.828) Es kommt – so Marx – darauf an, "die Arbeitszeit für die ganze Gesellschaft auf ein fallendes Minimum zu reduzieren und so die Zeit aller frei für ihre eigne Entwicklung zu machen.... Es ist dann keineswegs mehr die Arbeitszeit, sondern die disposable time das Maß des Reichtums." (MEW 42.604)

Das wäre – so würde ich meinen – die Umkehrung der Logik des Kapitals, die Schritt für Schritt erkämpft werden muss. Oder wollen wir dem Kapital noch Zucker geben? Wollen wir den Gewerkschaften in den Rücken fallen, die nach langer Pause gerade wieder beginnen, über Senkung der Arbeitszeit nachzudenken? (Vgl. z.B. ND 28. 10. 02 ) Will Harry Nick den Trend fortsetzen, der bis jetzt herrscht: Arbeitslosigkeit und Überstunden? Will man den Genossen Jakob Moneta für dumm verkaufen, den Kämpfer der deutschen Gewerkschaftsbewegung, der in „Sozialistische Zeitung“ (SoZ, Köln, April 2001) das Titelblatt gefüllt hat mit dem Beitrag „Für eine Neubestimmung von Arbeit - Zeit statt Konsum“! (s.a. Jakob Moneta in Sozialistische Zeitung Köln Oktober 2002)

Friedrich Engels wünschte: Es werde "jedem einzelnen hinreichend Muße...., damit dasjenige, was aus der geschichtlich überkommenen Bildung - Wissenschaft, Kunst, Umgangsformen usw. - wirklich wert ist, erhalten zu werden, nicht nur erhalten, sondern aus einem Monopol der herrschenden Klasse in ein Gemeingut der ganzen Gesellschaft verwandelt und weiter fortgebildet werde. Und hier liegt der entscheidende Punkt. Sobald die Produktionskraft der menschlichen Arbeit sich bis auf diesen Höhegrad entwickelt hat, verschwindet jeder Vorwand für den Bestand einer herrschenden Klasse." (geschrieben und veröffentlicht 1872/73. MEW 18.221).

Marx meinte, die Werktätigen haben sich betören lassen: "Als Fanatiker der Verwertung des Werts zwingt er <der Kapitalist> rücksichtslos die Menschheit zur Produktion um der Produktion willen,.....“ Es komme aber an auf die „volle und freie Entwicklung des Individuums....." (MEW 23 S. 618) So sah es der „alte“ Marx in seinem Hauptwerk DAS KAPITAL. Schon der junge Karl hatte gemeint: "Man sieht, wie an die Stelle des nationalökonomischen Reichtums und Elendes der reiche Mensch und das reiche menschliche Bedürfnis tritt. Der reiche Mensch ist zugleich der einer Totalität der menschlichen Lebensäußerung bedürftige Mensch. Der Mensch, in dem seine eigne Verwirklichung, als innere Notwendigkeit, als Not existiert. Nicht nur der Reichtum, auch die Armut des Menschen erhält gleichmäßig ..... eine menschliche und daher gesellschaftliche Bedeutung. Sie ist das passive Band, welches den Menschen den größten Reichtum, den andren Menschen, als Bedürfnis empfinden läßt." (MEW 40.544) Was soll nun das Logo „Sozial und Solidarisch“, wenn „Sozialisten“ den „entscheidenden Punkt“ (Engels s.o.) nicht sehen: Verkürzung der Arbeitszeit und alternative Bildung als Kondition aller Demokratie und Friedensdemonstration.

Was wundern wir uns, dass die Herrschenden die Bildung der Jugend beschneiden? Als Friedrich II. Schlesien erobert hatte und Schulen inspizierte, kam ein Bischof daher und sagte: „Wollen Majestät sich nicht sorgen. Wer dumm ist, sündigt weniger.“ Jetzt will Brandenburgs Regierung weitere 6700 Lehrerstellen liquidieren. (MOZ 29. 10. 02) Arbeit – auf zwanzig Wochenstunden aller reduziert – bleibt Entwicklungsfeld der Menschengattung. Aber jenseits der Produktion "beginnt die menschliche Kraftentfaltung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit .... Die Verkürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung." (MEW 25.828) Es kommt – so Marx – darauf an, "die Arbeitszeit für die ganze Gesellschaft auf ein fallendes Minimum zu reduzieren und so die Zeit aller frei für ihre eigne Entwicklung zu machen...." (MEW 42.604) Habt Ihr Angst, Ihr Sozialisten, die Bürger dann für Demokratie und Demonstrationen, für Bildung und Kultur und demokratischen Sozialismus gewinnen zu müssen, ohne die Ausrede zu haben, die Bürger würden sich ja nicht interessieren.

Die ungeheure Produktivität, die sich seit Jahrzehnten entwickelt hat, ist verborgener menschlicher Reichtum, unterschwelliger Reichtum, wie Samen, Wurzeln und Knollen von Frühlingsblumen: Der verborgene, zu erweckende menschliche Reichtum – das ist die menschliche, der Vergeudung zu entreißende Zeit. Die menschliche Zeit muss durch die Menschen, denen die Zeit gehört, disponierbar gemacht werden. Marx spricht – als Ökonom und Philosoph (!) – von "disposable time". Das ist "Zeit, die nicht durch unmittelbar produktive Arbeit absorbiert wird, ..... <so> daß sie zur freien Tätigkeit und Entwicklung Raum gibt..... alle hätten disposable time, freie Zeit zu ihrer Entwicklung." (MEW 26.3 S. 252)

Das meinten Marx und Engels. Sinnvollen Konsum braucht ihr auch in Zukunft nicht zu missen. Wenn alle Arbeitsfähigen dafür tätig sind, braucht keiner mehr als zwanzig Stunden zu roboten. Obdachlose fänden Arbeit, nachhaltig. Herunter mit der Regel-Arbeitszeit auf zwanzig Stunden. Herunter! Dann kann menschlicher Reichtum wachsen. Lest Marx/Engels und steht der Gewerkschaft bei.

Ausführlicher in R. Thiel: „Marx und Moritz – Unbekannter Marx – Quer zum Ismus“, Trafo Verlag Berlin 1998, ISBN 3-89626-153-3 und in R. Thiel: „Die Allmählichkeit der Revolution – Blick in sieben Wissenschaften“, hg. Herbert Hörz, LIT Verlag Münster 2000, ISBN 3-8258-4945-7.

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Niemand ist gezwungen, Marx zu lesen, es sei denn, er behauptet, Marxist oder Antimarxist zu sein.

Ergänzung im Januar 03:

Friedrich Engels über Wachstum, Arbeit, Freizeit, Demokratie:

„Und grade durch diese industrielle Revolution hat die Produktionskraft der menschlichen Arbeit einen solchen Höhegrad erreicht, dass die Möglichkeit gegeben ist ...., nicht nur genug für die reichliche Konsumtion aller Gesellschaftsglieder .... hervorzubringen, sondern auch jedem einzelnen hinreichend Muße zu lassen, damit dasjenige, was aus der geschichtlich überkommenen Bildung – Wissenschaft, Kunst, Umgangsformen usw.- wirklich wert ist, erhalten zu werden, nicht nur erhalten, sondern aus einem Monopol der herrschenden Klasse in ein Gemeingut der ganzen Gesellschaft verwandelt und weiter fortgebildet werde. Und hier liegt der entscheidende Punkt. Sobald die Produktionskraft der menschlichen Arbeit sich bis auf diesen Höhegrad entwickelt hat, verschwindet jeder Vorwand für den Bestand einer herrschenden Klasse. War doch der letzte Grund, womit der Klassenunterschied verteidigt wurde, stets: Es muß eine Klasse geben, die sich nicht mit der Produktion ihres täglichen Lebensunterhalts abzuplacken hat, damit sie Zeit behält, die geistige Arbeit der Gesellschaft zu besorgen. Diesem Gerede, das bisher seine große geschichtliche Berechtigung hatte, ist durch die industrielle Revolution der letzten hundert Jahre ein für allemal die Wurzel abgeschnitten.“ (F. Engels, erstmals veröffentlicht in „Volksstaat“ 1872. Siehe MEW 18 Seite 220 f.)

1877/78 schrieb Engels im „Vorwärts“: „Solange die wirklich arbeitende Bevölkerung von ihrer notwendigen Arbeit so sehr in Anspruch genommen wird, daß ihr keine Zeit zur Besorgung der gemeinsamen Geschäfte der Gesellschaft – Arbeitsleitung, Staatsgeschäfte, Rechtsangelegenheiten, Kunst, Wissenschaft etc. – übrigbleibt, solange musste stets eine besondere Klasse bestehen, die .... diese Angelegenheiten besorgte; wobei sie denn nie verfehlte, den arbeitenden Massen .... mehr und mehr Arbeitslast aufzubürden. Erst die durch die große Industrie erreichte ungeheure Steigerung der Produktivkräfte erlaubt, dass für alle hinreichend freie Zeit bleibt, um sich an den allgemeinen Angelegenheiten der Gesellschaft .... zu beteiligen. Erst jetzt also ist jede herrschende und ausbeutende Klasse überflüssig, ja ein Hindernis der gesellschaftlichen Entwicklung geworden....“ (F. Engels, in „Antidührung“, 3. Auflage 1894, MEW 20 S. 169)

Anmerkung 2004: Gewollt nach PDS-Programm ist „eine As soz iation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die Entwicklung aller ist.“ O.k. Es sind Worte von Marx. Doch wie man dem auch näher kommen kann, finde ich im Programm der PDS nicht einsichtig klargestellt.

 

III.

Rainer Thiel, März 05 bis März 06 mit einer Einfügung Okt 07

Arbeitszeit-Verkürzung oder bedingungslose Grundsicherung für alle: Zusammenhang und Unterschied beider Konzepte.

Einige Linke fordern „Bedingungslose Grundsicherung“ (auch „Bürgergeld“ genannt) für alle Menschen: Jeder bekommt monatlich 800 oder 1000 Euro, von denen er leben kann, auch ohne erwerbstätig zu sein und ohne Anträge stellen zu müssen. (Man legt sich nicht auf einen Betrag fest.) Die Grundsicherung soll an keinerlei Bedingungen geknüpft sein. 800 oder 1000 Euro wäre deutlich mehr als gegenwärtig ALG II + Wohngeld. Und die entwürdigenden, verfassungswidrigen, menschenschändenden Prozeduren der Gewährung von ALG II würden entfallen.

Die Gesellschaft als Ganzes ist reich genug, jedem diese Grundsicherung zu gewähren, und manch einer würde sich damit begnügen, ohne einen Arbeitsplatz in Anspruch zu nehmen. Das könnte zur Entspannung am Arbeitsmarkt führen.

Fundamental an der Grundsicherung ist: Die außerhalb der Erwerbstätigkeit geleistete Arbeit von Millionen Menschen (in der Mehrzahl z.Z. Frauen, aber auch schon manche Männer), die den Kindern dient, würde auf diesem Wege anerkannt. Prägnant schreibt dazu Heribert Prantl („Kein schöner Land – Die Zerstörung der soz ialen Gerechtigkeit“ Droemer Verlag München 2005, ISBN 3-426-27363-2) in einem Kapitel mit der Überschrift „Lieber Schweine als Kinder“: „Wer Schweine erzieht, ist ein produktives, wer Menschen erzieht, ein unproduktives Mitglied der Gesellschaft .... Die Leistungen der Familie gehen bis heute nicht in die Berechnungen des Volkseinkommens ein. Die Familien tragen die Lasten ..... Der Kinderlose bricht den Generationenvertrag .... und profitiert später, im Alter, trotzdem von ihm. .... Statt der Arbeitswelt kinderfreundliche Züge zu geben, wird ihr Gesicht immer kinderfeindlicher. Kinder sind aus dem Arbeitsleben ausradiert, als gäbe es sie nicht, und sie sind dort ein Handycap für die, die sie haben.“ Prantl zitiert aus der vergessenen Bundesverfassungsgerichts-Entscheidung 103.242 (263ff) „Versicherten ohne Kinder erwächst im Versicherungsfall ein Vorteil aus der Erziehungsleistung anderer beitragspflichtiger Versicherter, die wegen der Erziehung zu ihrem Nachteil auf Konsum und Vermögensbildung verzichten....“

Gipfel des Zynismus ist Hartz IV. Das sog. staatliche Kindergeld, das auch Bankdirektoren empfangen, falls sie Kinder haben, wird den AL-II–Empfängern von den AL-II-Almosen abgezogen. Mir liegt eine Rechtfertigung aus dem Willy-Brand-Haus vor, die beweist: Dort ist gar nicht bekannt, dass das Kindergeld auch für die Familie des Bankdirektors aus Steuermitteln stammt.

Das Bedingungslose Grundeinkommen betreffend wird mit humanistischem Pathos erklärt, jeder Mensch habe A) ein Daseinsrecht, B) gleich, ob er arbeitet oder nicht. A) ist in der Tat zu fordern, denn gegenwärtig ist durch die Lage auf dem sog. Arbeitsmarkt das Daseinsrecht per Hartz IV ersetzt durch bedingtes, stark begrenztes Recht auf Almosen, das nicht weit entfernt ist von Verweigerung auf Daseinsrecht. Ein Herr Miegel hat schon mal erwähnt, dass früher die Überflüssigen sich gegenseitig in Kriegen getötet haben. Doch was ist mit B)?

Mit Blick auf B) sagt man auch „Entkoppelung von Dasein und Lohnarbeit“. Doch auch Lohnarbeit ist Arbeit. Müsste also nicht viel mehr die Arbeit von der sklavenhalterischen bzw. kapitalistischen Form ihrer Ableistung entkoppelt werden? Diese Frage wird durch die Forderung nach Grundeinkommen gewiss entschärft, zugleich aber auch verwischt

Und noch etwas: Arbeit ist entscheidend gewesen für die Entstehung der menschlichen Gattung im Unterschied zum Tierreich. Die Menschheit ist als Gattung durch die Arbeit geprägt, sie ist es auch heute und wird es noch lange sein, gleich, welchen Anteil einzelne Individuen am wesensbestimmenden Sein der Menschheit nehmen. Arbeit ist bestimmend gewesen für unsere Geschichte. Die Geschichte ist unveräußerliches Mit-Eigentum eines jeden Individuums, das sich jedes Individuum durch Teilnahme am gesellschaftlichen Arbeitsprozess auch aneignen müsste. In den Werkzeugen (im weitesten Sinne des Wortes) sind Komponenten menschlicher Geschichte geronnen.

Vor langer Zeit ist die Aufforderung „Bete und arbeite“ formuliert worden: Das Leben sei köstlich, wenn es Mühe und Arbeit gewesen ist. Das wird oft als anrüchig angesehen, weil es nur zur Hälfte dem Wesen der Arbeit gerecht wird. Das Wesen der Arbeit, befreit vom Ballast der Ausbeutergesellschaft, ist aber - übereinstimmend mit Goethe - von Hegel erfasst worden: „Was wir geschichtlich sind, der Besitz, der uns, der jetzigen Welt angehört, ist nicht unmittelbar entstanden und aus dem Boden der Gegenwart gewachsen, sondern dieser Besitz ist die Erbschaft und das Resultat der Arbeit, und zwar der Arbeit aller vorhergehenden Generationen des Menschengeschlechts. Wie die Künste des äußerlichen Lebens, die Masse von Mitteln und Geschicklichkeiten, die Einrichtungen und Gewohnheiten des geselligen Zusammenseins und des politischen Lebens ein Resultat sind von dem Nachdenken, der Erfindung, dem Unglück, der Not und dem Witze der unserer Gegenwart vorhergehenden Geschichte, ..... Die Geschichte ist es, die uns nicht Werden fremder Dinge, sondern welche dies unser Werden .... darstellt“ (G.W.F. Hegel, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, Heidelberg und Berlin ab 1816)

Friedrich Engels suchte diese Bewandtnis den Lesern soz ialdemokratischer Zeitschriften nahe zu bringen. Daraus entsprang unter anderem sein Manuskript „Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“, das 1896 in „Die Neue Zeit“ veröffentlicht wurde. (Jetzt in MEW 20.444)

Dem widerspricht überhaupt nicht der von Karl Marx in DAS KAPITAL Dritter Band formulierte Gedanke, das wahre Reich der Freiheit beginne jenseits der Produktion. Marx setzt nämlich die „Freizeit“ mit der Natur-Notwendigkeit von Produktion, mit der gemeinschaftlichen Kontrolle der Produktion durch die „asoziierten Produzenten“, mit der verdammenswerten Entfremdung des Menschen im Kapitalismus sowie mit der Verkürzung des Arbeitstags in Beziehung. Die menschliche Kraftentwicklung möge sich – so Marx – zum Selbstzweck entwickeln (das ist strikt gegen kapitalistische Entfremdung des Menschen von sich selbst gerichtet!!), das „wahre Reich der Freiheit“ könne „aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühn..... Die Verkürzung des Arbeitstags ist die Grundbedingung.“ (MEW 25.828) Durch Verkürzung der Arbeitszeit wird die Beziehung zwischen Freizeit einerseits und notwendiger Arbeit andererseits nicht metaphysisch zerbrochen. Vielmehr wird diese Beziehung zur ständigen Neubestimmung ihres Maßes und ihrer Form genutzt. Darauf ist von mir in den vorangegangnen Abschnitten dieser dreiteiligen Denkschrift hingewiesen worden.

Wenn auch die Rolle der Arbeit in der Entstehung der Menschengattung den meisten Menschen nicht bewusst ist (das eben ist die Entfremdung des Menschen von sich selbst) – objektiv existiert sie. Wir sollten sie den Menschen bewusst machen. Absurd aber und verwerflich wäre es, junge Menschen davon abzuhalten, einen Beruf zu erlernen und auszuüben. Eher muss jungen Menschen das Bewusstsein der Rolle der Arbeit vermittelt werden. Von jahrtausendelanger Entwicklung menschlicher Kreativität und Kultur kann man sich nicht kurz- oder mittelfristig vermöge „Grundsicherung“ entkoppeln.

Der Vorschlag „Bedingungslose Grundsicherung“ wird oft mit philosophisch getöntem Pathos vorgetragen. Aber das Philosophische ist hier - in diesem Pathos - losgelöst von der Philosophie des Menschseins. Und der Vorschlag „Bedingungslose Grundsicherung“ greift auch nicht weit genug, um eine alternative Gesellschaft näher zu bringen. Die Entwicklung hin zu alternativer Gesellschaft setzt wachsende Fähigkeit zu Aufrechtem Gang voraus. Basis dieser Fähigkeit ist das Selbstbewusstsein, das in der Fähigkeit zur Berufsausübung gründet, und diese Basis muss sich zur Fähigkeit politischer Artikulation entwickeln. Das geschieht nicht am Biertisch, sondern in gemeinsamer Arbeit mit Blick auf gesellschaftliche Alternative. Die Entwicklung dieser Fähigkeit wird durch Verkürzung der Arbeitszeit begünstigt, aber nicht durch allgemeine Entkoppelung von Arbeit und Menschsein.

Zugleich muss der Vorschlag „Grundsicherung“ auch unterm Gesichtswinkel seiner Bedeutung für das Verhältnis der Generationen erörtert werden, zumal auch andere Formen der Anerkennung jener Arbeit denkbar sind, die in den Familien geleistet wird. Gerade unterm Aspekt der Generationen-Solidarität gibt es Alternativen zur Bedingungslosen Grundsicherung. Erziehung der Kinder erfordert mehr, als die beste Familie geben kann.

Aus allen diesen Gründen sind wir gehalten, das Projekt „Grundsicherung“ auf den Prüfstand zu stellen. Dabei wäre auch Diskussion um unerwünschte Neben-Effekte – wie überall, wo etwas vorgeschlagen wird - nicht zu vermeiden. Selbstverständlich wäre der kürzeste, direkteste Weg zur Anerkennung der Rechte von Familien, von Kindern und Jugendlichen die echte Wende in der Bildungspolitik und die staatliche Förderung der Kita, die den Kindern kindergemäße Sozialisation und Bildung bietet und den Eltern, auch den Müttern, Berufstätigkeit ermöglicht.

1. Die meisten Lohnabhängigen und Erwerbslosen wollen beruflich arbeiten, erstens um noch ein wenig mehr in der Tasche zu haben als 800 Euro, zweitens weil Berufs-Arbeit – von Beruf zu Beruf in unterschiedlichem Ausmaß - auch eine Komponente menschlicher Selbstverwirklichung und wesentlicher Teil der Sozialisation ist. Ich kannte Ehefrauen hochdotierter Professoren, zugleich Mütter mehrerer Kinder, die z.B. in ihrem erlernten Beruf als Sekretärin arbeiten gingen, um in der Jugend erworbene Fähigkeiten zu betätigen, um nicht dem Ehemann subordiniert zu sein, um ein Stück Welt durch sinnvolle Berufs-Arbeit zu erleben – auch der Kinder-Erziehung wegen(!) - und um unter tätigen, womöglich kreativen Menschen außerhalb der Familie zu wirken. Selbst wer heute unter Stress am Arbeitsplatz leidet, will aus eben diesen Gründen sinnvoll in Bewegung bleiben, auch der Kinder wegen. Existenz ohne Berufstätigkeit ist den meisten kein Ideal.

2. Wer berufstätig ist, versteht oft nicht – bis jetzt - die Lage der Dauer-Erwerbslosen, die mit Grundsicherung zufrieden sein würden: Sind die Dauer-Erwerbslosen aktiv genug gewesen, sich um einen Arbeitsplatz zu kümmern? Es gibt zur Zeit kaum Solidarität. Vorläufig verstehen noch lange nicht alle Erwerbstätigen den absoluten Mangel an Arbeitsplätzen. Nun aber würden alle eine Grundsicherung bekommen, auch diejenigen, die nicht außerhalb der Familie arbeiten. Der noch Erwerbstätige würde sich zwar freuen, die 800 oder 1000 Euro auch zu bekommen, er könnte dafür sogar 800 oder 1000 Euro Lohn-Minderung hinnehmen. Darüber würde sich sein Chef und Ausbeuter sehr freuen. (So will es ja auch die CDU mit ihrem Konzept vom Kombilohn). Aber der Erwerbstätige würde sich ärgern, dass diejenigen, die jeden Morgen ausschlafen können, komfortabel gesichert sind, weil ich – der Erwerbstätige – Waren und Werte schaffe und damit auch die 800 oder 1000 Euro Grundsicherung für diejenigen, die nichts außerhalb der Familie tun. Die ohnehin vorhandene Spaltung des Volkes in die Population der Jobbenden und die Population der nicht Erwerbstätigen, jetzt aber „bedingungslos Grundgesicherten“, würde gefährlich vertieft.

Vor allem würde sich die Mehrheit der Erwerbstätigen kaum gewinnen lassen, für bedingungslose Grundsicherung in den gewerkschaftlichen und gar in den politischen Kampf zu ziehen. Oder kann man sich vorstellen, dass die Gewerkschaften den Kampf um die bedingungslose Grundsicherung aufnehmen? Wo sich Gewerkschaften immer noch schwer tun, wenigstens für allgemeine Arbeitszeitverkürzung zu kämpfen? Die Forderung nach bedingungsloser Grundsicherung kann deshalb auch höchstens von den Parlamentariern favorisiert werden, die nicht daran denken, dass jeder wirkliche Fortschritt, ehe er im Parlament beschlossen wird, nur durch außerparlamentarische, darunter gewerkschaftliche Masseninitiativen bewirkt werden kann.

3. Bewegung ist das natürliche Bedürfnis aller Lebewesen. Unsere Geschichte und unsere Kultur sind seit Jahrhunderten mit dem Phänomen der Arbeit durchwirkt, die nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb der Familie und zu Erwerbszwecken geleistet wird. Kriege können wir hundertprozentig verfluchen, aber nicht die berufliche Arbeit. Plötzlich eintretende Total-Freizeit kann rasch zu Langeweile und damit in Sackgassen des Menschseins führen, denen schwer zu entrinnen ist, solange es noch erhebliche Bildungsdefizite gibt: Langeweile in der Jugend, in der Blüte der Jahre und als Rentner. Die Geißel der Langeweile ist längst zum Problem geworden. Ich selber spüre Neid von Gleichaltrigen, weil ich als Fünfundsiebziger tätig bin. Nur wenn ich kräftig gegenhalte, bequemt man sich zu sagen: „Da bleibst Du wenigstens gesund“. Vielen Menschen fehlt es – geschichtsbedingt - gegenwärtig noch an Fähigkeit, mit permanenter Freizeit umzugehen. Diese Fähigkeit kann sich durch Teilnahme an nicht ganz unqualifizierter Erwerbsarbeit und durch Bildung voll entwickeln. Aber die Konsequenzen des völligen und gar des abrupten Ausstiegs einer großen Zahl erwerbsfähiger Menschen aus jeglichem Arbeitsprozess würde auf Dauer bedenkliche Effekte zeitigen, ebenso wie bei Langzeitarbeitslosigkeit der gegenwärtigen Form.

 

4. Frauen-Emanzipation und Gleichstellung der Geschlechter (eingefügt Okt. 07): Beim gegenwärtigen Stand der Geschlechter-Emanzipation ist zu beachten: Zur Zeit sind Frauen in der Regel benachteiligt. Dass Frauen Kinder gebären und ihnen die Brust geben, ist wunderbar. In dieser Periode wird sich eine Frau nicht so auf Karriere konzentrieren wie ein Mann. Aber die Frau leistet in dieser Zeit etwas, was ein Mann nicht leisten kann. Das ist unterm Logo „Würde der Frau“ abzuhandeln. Doch dazu gehört, dass Frauen in die Lage kommen, beruflich tätig zu sein und sich weiterzubilden. Wenn aber ein Grundeinkommen eingeführt würde, dann würde der Mann als zumeist Besserverdienender permanent beruflich arbeiten, und die Frau als geringerverdienend würde - zumeist - nicht nur kurze Zeit zu Hause bleiben. Sie würde – wegen des besserverdienenden Partners - an voller Emanzipation gehindert. Daran ändert das GE überhaupt nichts. Frauen würden Fähigkeiten verlieren, die sie sich als Jugendliche erworben haben. Gleichstellung und Geschlechter-Emanzipationen wären zurückgeworfen.

Deshalb wäre nicht Grundeinkommen, sondern allgemeine Verkürzung der Arbeitszeit das Medium, um Frau und Mann gleichermaßen (!!!) die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu gewähren. Für die Mehrheit der Frauen würde bGE als Herdprämie wirken. Dagegen würde Allgemeine Arbeitszeitverkürzung die Vereinung der Rollen in Familie und Beruf für beide Geschlechter erleichtern und anregen. Der Mann würde endlich angeregt, seine Rolle als Vater der Kinder wahrzunehmen, und die Frau würde darin unterstützt, nicht ständig auf Haus und Herd verwiesen zu sein. Sie wird den Kindern mehr geben können, wenn sie nicht für viele Jahre aus dem Berufsleben ausscheidet.

Recht auf Faulheit kann es nicht geben. Schon gar nicht lebenslang. Faulheit zum Recht zu erheben hieße, Solidarität und Menschenwürde zu verhöhnen. Immer dann, wenn dem Berufstätigen die Arbeit nicht nur Befriedigung schafft, sondern auch Mühe ist, wird er diejenigen verfluchen, die sich der Mühe entziehen. Im Rahmen der klassischen Klassenspaltung würde eine weitere Klassenspaltung entstehen: Faulheitler und Arbeitsbereite. Das würde zur klassischen Klassenspaltung eine weitere Klassenspaltung hinzufügen, die den Kapitalismus zementiert. Vorbei wäre es mit Aussicht auf eine andere, auf eine solidarische Welt. Wollen wir das?

Insofern gibt es vier Gründe, die bedingungslose Grundsicherung im Zeitraum der nächsten Jahrzehnte für unreal, ja selbst für unzweckmäßig zu halten. Vor allem würde es kaum Hoffnung geben, die Mehrheit der Erwerbstätigen für die politische Durchsetzung dieses Konzepts zu gewinnen. Schlimmer noch: Die Spaltung der Gesellschaft in die zwei Populationen „Erwerbstätige“ und „Nichterwerbstätige“ würde vertieft. So würden die gegenwärtig katastrophalen Zustände der Arbeitslosigkeit zur Dauererscheinung, mit allen Konsequenzen für totalen und womöglich irreparablen Zusammenbruch der Gesellschaft.

Andererseits: Wenn es zu allgemeiner Reduzierung der Arbeitszeit kommt, würde sich die Mehrheit der Erwerbstätigen freuen, statt vierzig Stunden nur noch fünfunddreißig, dreißig, zwanzig Stunden arbeiten zu müssen. Es besteht Aussicht, die Mehrheit der Menschen für diese Perspektive und damit für die Auflösung der Massenarbeitslosigkeit zu gewinnen. 2003 haben Metaller in Sachsen und Brandenburg für Reduzierung ihrer Arbeitszeit gestreikt. Noch waren die Massen ihrer Kollegen in anderen Bundesländern nicht bereit zur Solidarität. Doch schon ein Jahr später erwischte sie der Arbeitsplatzabbau. Jetzt nehmen sie Abstriche in Kauf, um ihren Job zu behalten. Wenn sie das geahnt hätten, hätte die Geschichte einen anderen Verlauf nehmen können. Noch ist es nicht zu spät, die Lehren zu ziehen. Die Konzerne sind eher bereit, Abfindungen für den Verzicht auf den Arbeitsplatz zu zahlen, als auf die Spaltung der Menschheit in Erwerbstätige und Erwerbslose zu verzichten. Die Menschen sollen erpressbar bleiben. Exzessive Arbeitszeit soll sie in dem Zustand gefangen halten, in dem sie sich gewerkschaftlicher oder gar politischer Aktivität enthalten. Vor allem Parlamentarier wollen keine Basisdemokratie.

Aus 1 – 4 folgt: „Grundsicherung“ ist zwar ein Element künftiger alternativer Gesellschaft, ist aber nicht an und für sich auf gesellschaftliche Alternative gerichtet. Wer nichts mit totaler Freizeit anfangen kann, ist in eine Sackgasse verwiesen. Das Konzept entspringt ehrenwerter Gesinnung, greift aber zu kurz. Es gefährdet die letzten Reste von Solidarität. An seine Stelle sollte das Konzept „Allgemeine Verkürzung der Arbeitszeit“ treten.

Woran es zur Zeit noch fehlt, ist hinreichendes Verständnis der Linken und ausreichende Aktivität der Gewerkschaft, „Allgemeine Arbeitszeitverkürzung“ in ihrer Komplexität zu durchdenken. In den letzten zwei Jahren hat die Denkblockade schon verheerende Folgen gezeitigt: Erwerbstätige, die noch vor zwei Jahren kurzschlüssig annahmen, bei Arbeitszeitverkürzung an Einkommen zu verlieren – eine verbreitete Illusion - nehmen heute Arbeitszeitverlängerung und unbezahlte Mehrarbeit in kauf, um ihren Job nicht zu verlieren. Kurzschlüssigkeit schlägt als Bumerang auf kurzschlüssig Denkende zurück, steigert die Arbeit zur Qual, ruiniert Gesundheit und Familien und zementiert die Arbeitslosigkeit. Kurzschlüssigkeit des gesellschaftsbezogenen Denkens von Bürgerinnen und Bürgern hat es den Herrschenden ermöglicht, an zwei Weltkriegen zu verdienen.

Geschichtlicher Auftrag der Linken ist es, jeglicher Kurzschlüssigkeit entgegenzuwirken. Sonst werden auch sie selber mitsamt Kindern und Enkeln zu Opfern gesellschaftlicher Katastrophen. Katastrophen machen keinen Bogen um die Frommen.

 

„Gezieltes Grundeinkommen in Würde“ (Fassung 2009)

a) für Paare junger Leute zur Familiengründung und zur Kindererziehung (zum Beispiel für fünf Jahre ab 4. Schwangerschaftsmonat), ohne dass Frauen länger als fünf Jahre ihrem Beruf fern bleiben; es geht auch um Gleichstellung der Geschlechter.

b) für alle Bürger ab 20. Lebensjahr zur Fortbildung; das dient der menschlichen Emanzipation und auch der Wirtschaft. Brücken zum Bafög-Projekt sind denkbar. Gering Qualifizierte, die gegenwärtig aus der Gesellschaft ausgeschlossen sind, gewinnen Chancen zur Re-Sozialisierung, zur Freiheit von Langeweile. Allmählich könnten die Kapazitäten für sinnvolle Qualifizierung ausgebaut werden. Das Kulturniveau der Medien könnte steigen. Entfremdung würde abgebaut. Zum Nachweis engagierter Teilnahme an Qualifikationen würde aller halben Jahre das Zertifikat einer Bildungseinrichtung genügen, einer Kammer oder eines Vereins.

c) für Erwerbstätige etwa ab 57. Lebensjahr, um die teuflische Erhöhung des Renteneintrittsalters wirkungslos zu machen; de facto Renteneintritt mit 57 statt mit 67. Als Zugangsberechtigung genügt der Personalausweis.

d) für Bürger, die an gemeinnütziger Tätigkeit interessiert sind, zu selbstbestimmter Nutzung ihrer Fähigkeiten im Sinne des Gemeinwohls; in angemessenen Abständen kann Nachweis geführt werden, der durch Bürgerinitiativen zu prüfen ist. Das nützt auch der Vernetzung von Bürger-Initiativen.

e) für Bürger zur Pflege von Familienangehörigen, um finanziell gesichert zu sein entsprechend dem Pflege-Aufwand. Zertifizierung durch Ärzte und Sozialarbeiter. Der Zertifizierungs-Aufwand ist gering. Häusliche Pflege wird im allgemeinen den üblichen Anstalten vorgezogen, ist menschenfreundlicher, effektiver und billiger.

Statt Pauschalisierung also Differenzierung! Dann passt das Grundeinkommen auf die Wirklichkeit. Alle fünf Versionen „Gezieltes Grundeinkommen in Würde“ lassen sich leicht verwalten. Vor allem: Alle fünf Versionen entsprechen Forderungen, die in der Öffentlichkeit ohnehin erhoben werden, sogar sehr deutlich. Es gibt ein starkes Potential von Verfechtern jeder Version, auch unter Politikern. Nutzt dieses Potential! Verliebt euch ins Gelingen!

Versuchen wir gemeinsam, die Debatte um das Grundeinkommen auf diese fünf Punkte umzulenken.

Hiermit endet bis auf weiteres mein Publikationsfeld 8. Sehr relevant ist und bleibt mein Publikationsfeld 3 :

 

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Publikationsfeld 9

In: "Woran glaubt, wer nicht glaubt? Lebens- und Weltbilder von Freidenkern, Konfessionslosen und Atheisten in Selbstaussagen."

Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. EZW-Texte 176 / 2004, info@ezw-berlin.de

Rainer Thiel

Kirche, Christen, Freidenker

Freidenker meiner Art gehen davon aus, dass alles sich bewegt und dass auch Menschen sich entwickeln. Alles fließt, divers im Tempo, nieder-, quer- und aufstrebend, oft in sein Gegenteil sich wendend. Spannungen werden auf- und abgebaut.

Als Kind – geboren 1930 – erlebte ich, wie Großeltern und Eltern zur Kirche standen. Alle waren fleißig, einige vom Schicksal gebeutelt, alle gehörten der Kirche an, ließen durchblicken, dass dort viel Scheinheiligkeit sei, und zahlten Steuern. Fast alle waren unzufrieden mit der Kirche. Auch Oma Else. Sie verbrannte im Bombenhagel. Oma Helene aber sagte vor dem großen Feuer täglich „So Gott will“ und hat mir eine Kinder-Bilder-Bibel geschenkt. Diese fand ich lächerlich. An Kriegsfolgen starb auch Oma Lene. Im Gymnasium interessierten mich Geschichte, Mathematik und Naturwissenschaften. Zu biblischer Schöpfungsgeschichte und Himmelfahrt bekannte sich niemand. Dass der Physiker Max Planck von Gott sprach, wusste ich, fand es aber merkwürdig. Auch meine Mutter konnte vieles nicht erklären. Einst sang ich jugendfroh das Halleluja aus Händels Messias. Das klang nach Aufbruch hier auf Erden. Da sagte Mutter: „Versündige dich nicht.“ Sie kannte nur die Kirchenmelodien. Als ich neunzehn war, trat ich aus der Kirche aus.

Inzwischen weiß ich, dass es Christen gibt, die frei bekennen - auch wenn sie in Ketten geschlagen: „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“ (Dietrich Bonhoeffer 1944, posthum in „Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft“.) Später schrieb ein Pfarrer Ulrich Peter: „Durch die Revolution <1918. R. Th.> verlor die Kirche viel. Zum einen in Preußen den Kaiser und König, der in Personalunion ihr oberster Kirchenführer war....“ Dazu drei Einschübe: Am 27. Juli 1900 hatte Kaiser Wilhelm seinem Expeditionskorps, das einen Aufstand in China niederschlagen sollte, befohlen: „Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht! Wer Euch in die Hände fällt, sei Euch verfallen!“ 1904 ließ Kaiser Wilhelm das Volk der Herero in Südwestafrika ausrotten. Und bald rief Wilhelm den Rekruten zu: „ ..... ihr seid jetzt meine Soldaten. ..... Bei den jetzigen soz ialistischen Umtrieben kann es vorkommen, dass ich euch befehle, eure eigenen Verwandten, Brüder, ja Eltern niederzuschießen. Auch dann müsst ihr meine Befehle ohne Murren befolgen.“ (Siehe „Reden des Kaisers“, dtv Dokumente 354, Seite 55)

Nach diesen drei Einschüben wieder Pfarrer Ulrich Peter über die Kirche nach 1918: „Politisch veränderte sich für sie kaum etwas. Man blieb monarchistisch bis auf die Knochen und schuldete der Demokratie keinen Gehorsam.....“ (In „Arbeiterpfarrer in der DDR“, Alektor Verlag Berlin 2004, Seite 25)

Der Arbeiterpfarrer Johannes Brückmann überliefert aus der DDR: „Für mich war die Zeit im Betrieb dann ein Stück Befreiung. Ich fragte ja danach, wie lässt sich das alles, also Bonhoeffer, Barth, Niemöller, leben? Für mich war das dann wirklich eine Entdeckung: die Wirklichkeit, der Alltag. Nach meiner Wahrnehmung können wir als Kirche von dort sehr viel lernen. Dort gibt´s ein religionsloses Christentum der praktischen Tat ..... die Menschen dort haben mich in den 18 Jahren der Berufstätigkeit `zum Menschen` gemacht..... Ich denke mal, dass ich in meinem Leben sehr stark an der Kirche gelitten habe.“ (A.a.O. S. 91)

Als ich neunzehn war, hätten mich diese Bekenntnisse überrascht. Heute kenne ich viele Bekenntnisse und noch mehr unausgesprochene Indizien, die auf Vergleichbares hindeuten. Vielleicht wird heute an den theologischen Fakultäten auch über Theologie der Befreiung gesprochen: Junge Priester an der Seite der Rechtlosen in Südamerika. Ordensleute gaben ihr Leben – sie fielen dem Terror der Regierungen zum Opfer. (Auswahl von Literatur, die mir zugekommen ist: Frei Betto, „Nachtgespräche mit Fidel“, Union Verlag Berlin, um 1980; Horst-Eckardt Gross, „Guatemala – Bericht über einen verdeckten Krieg“, Weltkreisverlag 1986). Seit 1989 bin ich mit einigen Pfarrern freundschaftlich verbunden. In meinem Buch „Der Schülerstreik in Storkow – Bundesland Brandenburg – September 2000“ (ISBN 3-89626-066-9) habe ich über einen Pastor berichtet, der in dem Städtchen - nach der Wende - sein Leben eingesetzt hat zum Schutz von tätlich angegriffenen Asylbewerbern; beim Streik im September 2000 stand der Pfarrer – inzwischen aus der Kirche ausgetreten und soz ialarbeitender ABM-Diakon geworden - den Schülern bei, die für den Bestand ihrer Schule kämpften und neun Tage lang den Unterricht in eigne Regie nahmen. Das habe ich miterlebt. Zwei Jahre später Ähnliches im sächsischen Crostwitz bei Bautzen: Behörden wollen die letzte Schule, in der noch sorbisch gesprochen wird, liquidieren. Schüler streiken, sie nehmen den Unterricht in eigene Regie, pensionierte Lehrer helfen. Täglich morgens um sieben auf dem Schulhof zeigen die meist katholischen Dorfbewohner den Spruch: „Wer uns unsre Schule nimmt, niemals in den Himmel kimmt.“ Ein andrer ihrer Sprüche lautet: „Unsre Dörfer frisst der Bagger, unsre Schulen frisst die CDU.“ Und ich – ein Freidenker - überbringe Grüße aus dem Streik-Ort Storkow. Ich bin glücklich über den Beifall. Abends an der Kirche kommt ein Hemdsärmeliger auf mich zu und stellt sich als Priester vor. Ich bekenne mich als ausgetreten aus der Kirche. Froh vernehme ich, dass in diesen Streikwochen bis zu tausend Leute täglich in die Kirche kommen. Und nun auch ich. Der Priester hat inzwischen Ornat angelegt, spricht sorbisch, lässt eine sorbische Folklore-Gruppe musizieren und seine Kollegen Weihrauchfässchen schwenken. Mitten im Gottesdienst erhebt sich die Gemeinde zum Friedensgruß, alle fassen sich an den Händen, Schülerinnen fassen meine Hände, mir wird heiß, ich möchte die ganze Gemeinde umarmen, und wie es am Ende zur Kommunion kommt, drängt mich Solidarität zur Teilnahme. Doch o weh, das würde den Priester in Schwierigkeiten bringen. Von meinem Zwiespalt erzähle ich ihm hinterher. Da verstehen wir uns zum dritten Mal an diesem Abend und scheiden voneinander als Freunde.

Das war im Jahre 2002. Hundert Jahre zuvor war das – siehe oben - anders. Kirche ohne Skrupel auf Seite der Herrschenden, „Mit Gott für Kaiser und Reich“, und ihre Geschichten verkündend ohne Rücksicht auf Naturwissenschaft. Da entstehen die Freidenker-Verbände. Mutige Bürger stellen sich gegen den mainstream. Sie stehen auf Seiten der Entrechteten, die vom Land, wo sie Knechte waren, in die Städte flohen und nun in Lärm und Staub und Ruß der Fabriken den Schweiß ausgepresst kriegten. Vom Blut der Schlachtfelder ganz zu schweigen. Noch heute leiden die Ausgepressten am Gefühl ihrer Nichtigkeit und wissen sich nicht zu wehren. Marx sprach von menschlicher Entfremdung. Mögen sie lernen, ihre Masse auf der Straße zur Geltung zu bringen.

Religion verlor rapide Ansehen. Doch war das auch begriffen worden? Wie weit wollten Freidenker gehen? Schon 1844 – kurz nach Ludwig Feuerbach, auf höchstem philosophischen Niveau, nur von wenigen wahrgenommen – war von Karl Marx geschrieben worden:

„Der Mensch macht die Religion ..... Und zwar ist die Religion das Selbstbewusstsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat. ..... Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr encyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form, ihr spiritualistischer Point-d´honneur, ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. ..... Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt .....“ (Marx Engels Werke Band 1 <blaueReihe> Seite 378f.)

Dass der Mensch die Religion macht, dürften alle Freidenker unterschreiben. Im übrigen scheinen mir ihre Meinungen vielfältig zu sein und in der Regel nicht von Marx geprägt. Die Schöpfungs- und Wundermythen, die das Erste sind, was naturwissenschaftlich Gebildeten an der Bibel auffällt, tat Marx mit zwei Substantiven ab: „Encyklopädisches Kompendium“ und „Logik in populärer Form“, und kommt auch später kaum darauf zurück, als habe er gemeint: Ist doch klar, dass Menschen vor Tausenden von Jahren die Welt auf diese Weise interpretieren mussten, regt Euch nicht auf darüber. (Erkenntnistheoretisch fügt Marx einiges hinzu, wenn er im Rahmen ökonomischer Analyse von „Fetischismus“ spricht, bezogen auf die Ideologie der Warenwirtschaftler, die statt gesellschaftlicher Verhältnisse das Geld sehen.) Marx interessierte sich für Religion in ihrem Verhältnis zum gesellschaftlichen Dasein der Menschen, als Ausdruck des Elends und als Protestation gegen das Elend. Religion ist ambivalent. Je nach Zeit und Interpreten erscheint sie jammertalisch als Reflex des Elends oder als Protest wie bei Thomas Müntzer oder gleichzeitig als beides.

Später äußerte sich Marx auch über Jesus Christus. Marx-Tochter Eleanor berichtet von ihrem Vater : „Wie gut erinnere ich mich, wie ich ... religiöse Bedenken hatte (wir hatten in einer römisch-katholischen Kirche der prächtigen Musik gelauscht) .... Und wie er mir die Geschichte des Zimmermannssohnes erzählte, den die Reichen töteten ..... Oft und oft hörte ich ihn sagen: ‚Trotz alledem, wir können dem Christentum viel verzeihen, denn es hat gelehrt, die Kinder zu lieben.´“ (In „Erinnerungen an Karl Marx“, Berlin 1953)

Marx-Texte wurden in der DDR umfassend ediert, ein kleiner Teil auch schon zuvor. Sie wurden aber – weil sehr anspruchsvoll - bis auf wenige Ausnahmen schon vor 1933 nicht gelesen und auch in der DDR kaum studiert. (Vgl. Rainer Thiel, „Marx und Moritz – Unbekannter Marx – Quer zum Ismus“, 1998, ISBN 3-89626-153-3; Rainer Thiel „Die Allmählichkeit der Revolution – Blick in sieben Wissenschaften“, 2000, ISBN 3-8258-4945-7) So kam es, dass zum Beispiel der Theologie-Professor Erich Hertzsch in Jena, Kommunist und SED-Mitglied - mit ihm und Georg Klaus war ich auch auf „Agitationseinsatz“ - von jungen Genossen so genervt wurde, dass er die Partei verließ. Der Schweriner Dompfarrer Karl Kleinschmidt hielt sich mit Humor. Befragt, wie er seine Position im Kulturbund, wo er unter Johannes R. Becher im Präsidium fungierte, mit seiner geistlichen Tätigkeit vereinbare, soll er gesagt haben: „Hier wie dort dasselbe. Den Chef kriegt man nie persönlich zu sehen.“ Als ich FDJ-Funktionär in Jena war, auch verantwortlich für eine Kundgebung zum 1. Mai, kam mir eine Vorlesung der theologischen Fakultät zustatten: Der Prof war geistreich, dogmen-kritisch und den Sinnen zugewandt. Ihn konnte ich gewinnen als Redner zum Ersten Mai. (Kurz danach wurde ich aus FDJ und SED ausgeschlossen, weil ich über Honecker gesagt hatte, er mache die FDJ mit Schaumschlägerei kaputt.)

Zum Glück geriet ich als Aktiver in FDJ und SED nie in den Zwiespalt, von jungen Christen die Entfernung des Kreuzes am Gewand fordern zu sollen. Aber Kirche und „Junge Gemeinde“ habe auch ich nicht sehr gemocht. Sie hatten sich dem Aufbau ferngehalten. War noch zu viel vom Kaiser in der Kirche? Doch als ich 1956 beruflich debütierte, als Seminarleiter für dialektischen Materialismus an der Humboldt-Universität, war ich überrascht vom Interesse sogenannter Kreuzl- Ritter an Marx. Einst suchte ich zu erläutern: Als Materialist sehe ich Natur nicht nur als Stoff zum Straßenbau und Bäume nicht zuerst als Röhren, wo Säfte hochsteigen, um sich in Bauholz umzuwandeln. Natur erlebe ich zuerst mit allen meinen Sinnen, mich selber projizierend in Natur und spiegelnd mich an ihr. Marx hatte einst geschrieben: „In seiner Fortentwicklung wird der Materialismus einseitig. Die Sinnlichkeit verliert ihre Blume und wird zur abstrakten Sinnlichkeit des Geometers ..... Der Materialismus wird menschenfeindlich.“ Aber, schrieb Marx: „In Baco ..... birgt der Materialismus noch ..... Keime einer allseitigen Entwicklung in sich. Die Materie lacht in poetisch sinnlichem Glanze den ganzen Menschen an.“ (Marx Engels Werke <Blaue Reihe> Band 2, Seite 135f.) Da sagt ein junger Katholik zu mir: Wenn er das eher gewusst hätte, wäre er auch Materialist geworden.

Missverständnissen zum Trotz, die selbst heute noch nicht völlig überwunden sind und unter Freidenkern diskutiert werden, begann Geduld sich zu bewähren. Davon zeugte der DDR-Film „Einer trage des anderen Last“, schildernd, wie ein junger Pfarrer und ein junger Volkspolizist im problemreichen Leben zueinander finden.

Anfang der neunziger Jahre kamen Bibelforscher-Frauen an meine Haustür. Und ins Haus hinein. Wir sprachen über die bunten Schmetterlinge im Garten, über „Bewahrung der Schöpfung“, über Friedenspolitik, über Korinther-Briefe, und über noch eine Bewahrung, die uns gemeinsam sehr am Herzen liegt: Die Bewahrung der Kitas und ihrer Standards, die in der DDR recht hoch waren und den Eltern doch nur Peanuts abverlangten. Die Frauen kamen immer wieder. Doch einmal folgte ihnen ein junger Amerikaner nach, um sie den rechten Weg entlang zu dirigieren. Der hatte gemerkt, wie gut wir uns verstehen. Seitdem sind die Frauen weggeblieben.

Einem evangelischen Generalsuperintendenten, der sich oft auch schützend vor Asylbewerber stellt, erzähle ich, wie in Storkow die behördliche Aussperrung von 39 Elft-Klässlern zum Streik von 500 Schülern geführt hatte. Streik hieß, die Schüler nehmen den Unterricht in eigene Regie. Nach einer Woche wird die Aussperrung verschärft. Nun verkündet das Streikkomitee: „Wir bleiben gewaltfrei. Aber wir ziehen ins Friedensdorf, dort genießen wir Asyl.“ Und so zieht ein mächtiger Strom von 500 Schülern zum Ortsteil „Friedensdorf“. Da wird die Aussperrung aufgehoben! Die Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift. Das sollten wir bedenken. Der Generalsuperintendent stimmte mir öffentlich zu. Zwei Jahre später versammeln sich Christen, Sozialdemokraten, PDS-Leute und selbst der FDP-Bürgermeister in Fürstenwalde (Spree) zum Protest gegen den Irak-Krieg. Die Spur von meinem Dorfe zu den wöchentlichen Treffen in der Spree-Stadt finde ich mit Hilfe einer christlichen Initiative. Selber spreche ich dort vier Mal. Auch ein Mann spricht, der anschaulich zu reden weiß, ein Superintendent.

Von einem Erlebnis noch möchte ich berichten, das ans Wesen von Religion und Christentum rührt, wie ich es sehe.

Ein Herr vom Rhein war zu Besuch bei mir, Studienrat und Ministerialdirigent gewesen, jetzt Präsident eines vornehmen Vereins, in dem uns Sympathie für Bildung und Erfindertum vereint. Der Herr vom Rhein auch Katholik und kritisch gewordenes CDU-Mitglied. Wir hatten einander schon viel erzählt, jeder von sich dem anderen, und stets über gemeinnützige, ehrenamtliche Arbeit, die jeder von uns leistet, vor der Wende, nach der Wende, intensiv und extensiv. Wissend, dass ich Freidenker bin, sagte der Herr zu meiner Frau und mir: „Sie sind beide tief religiös.“ Darauf ich: „Das würde ich nur anders nennen: ´Das menschliche Wesen ist das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.` Marx, sechste These über Feuerbach.“ Und ich fügte hinzu: Das Wort Gott scheint mir eine Chiffre für die Gesamtheit dieser Verhältnisse. Gott als Metapher. Respekt wird mitgedacht. Ärmlich dagegen, was Liberale meinen: das Individuum als Atom. Da ist es mir viel lieber, Menschen glauben an das Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse und haben Respekt davor. Nur meine ich, sie sollten sich mühen, die Verhältnisse auch zu durchschauen und zu gestalten. Dafür suche ich zu wirken.

Zu wirken wie ein Sysiphus. Ob das auch Sinn macht, fragen viele Leute? Ja warum denn nicht, es steht doch alles auf dem Spiel. Seid Ihr denn nicht zu Euren Enkeln in religio? In Verantwortung? Liebt nicht nur selber Euch wie Onanisten oder Libertiner, liebt auch die andren, die nach Euch kommen könnten.

Niemand kann voraussagen, ob sich die Menschheit selbst ins Grab schaufelt oder überlebt. Marx hat Prognosen strikt abgelehnt, entgegen allem Ismus, der ihm angedichtet wurde. Ich wünsch mir Überleben, möchte hoffen. Doch Hoffnung kann uns trügen. Und Glauben könnte uns auch faul machen. Ich weiß vom Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse. Teils ist das mehr als glauben, teils auch nicht. Es ist mehr, weil ich vieles auch durchschauen kann. Wissenschaft. Doch es läuft auf Null hinaus, wenn einer Wissen nur verwaltet ohne Leidenschaft, den Menschen auch verantwortlich zu sein.

Gibt es Höheres als Hoffen und Glauben? Gibt es Ergänzung zum Wissen? Bei allem Ärger, den ich oft empfinde, kommt über mich Gefühl so ähnlich wie von Sexualität, nur nicht begrenzt auf schöne Beine einer schönen Frau. Ich nenn es „Vorwärts, und nicht vergessen – die Solidarität.“ So höre ich auch Schiller mit Musik von Beethoven. So deute ich den 1. Korinther Kap. 13, wo von Liebe als Höchstem geschrieben steht. Gelingt es mir, danach zu leben, dann werden meine Enkel sagen, frei nach Goethe: „Es kann die Spur von seinen Erdentagen nicht in Äonen untergehn“, sie bleibt im Netzwerk menschlicher Verhältnisse.

Um praktisch zu werden: Seit Jahren befasse ich mich damit, wie Massenarbeitslosigkeit überwunden werden kann. Mein Resume´ heißt: „Verkürzung der allgemeinen Arbeitszeit! Arbeit und Freizeit für alle! Bringt Wachstum Arbeitsplätze? Nein! Fangt endlich an mit Politik!“ Unter christlichen Linken erfährt das Konzept viel Aufmerksamkeit, weniger unter Partei-Linken, die – im Gegensatz zu Marx - auf Wachstum und auf Wunder warten, aufs Wunder, als brächte Wachstum Arbeitsplätze, und warten ohne Leidenschaft zum Tun. Nun aber lese ich von einem, der Arbeiterpfarrer gewesen ist (a.a.O. S. 326 f.):

 

„Wir bitten Dich für die Menschen, die ihre tägliche Arbeit ohne Freude tun,

weil sie dauernd Angst vor Entlassung haben,

weil die Arbeitsbedingungen zu schwer sind,

weil sie Dinge tun, die sie nicht durchschauen oder nicht bejahen können,

weil die Arbeitsatmosphäre schlecht ist, oder

weil ihnen Erfolg und Bestätigung versagt bleiben.

Laß uns diese Menschen nicht vergessen. Dass wir ihre Probleme und ihre Not nicht noch vergrößern, sondern ihnen helfen, dazu zeige uns den Weg.“

Dank Dir, Bruder, der Du Arbeiterpfarrer gewesen bist und Dich in der Verantwortung vor den Menschen siehst.

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Als eine Grundlage relevant: Publikationsfeld 3 ^^ 3

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Publikationsfeld 10 (Verschiedenes)

R. Thiel: Newton, Marx und Einstein. In: Aufbau, Kulturpolitische Monatsschrift, Berlin, 5 und 6 / 1957. (Aufeinanderfolgend geleitet von Bodo Uhse, Günter Caspar, Dieter Noll, Rolf Schneider.)

Nachweis philosophischer Grundlagen der Relativitätstheorie, die 1816 durch Hegels Kritik der Raum/Zeit/Materie-Konzeptionen Newtons und Kants gegeben waren. (Hätte die Relativitätstheorie schon 80 Jahre vor Einstein entstehen können?) Hegel von Physikern nicht zur Kenntnis genommen. Aber von Marx und Engels in die Erkenntnistheorie einbezogen.

R. Thiel, unter Redaktion von Bodo Uhse, Günter Caspar, Dieter Noll und Rolf Schneider auch feuilletonistische Beiträge.

R. Thiel, Beiträge zur Begründung der empirischen Sozialforschung in der DDR, 1963 – 64 und später weitere soz iologisch relevante Arbeiten, vor allem über Anforderungen der Industrie an die Ausbildung von Ingenieuren und Naturwissenschaftlern.

R. Thiel, Manuskript "Widersprüche und Triebkräfte der soz ialistischen Arbeit". Im Auftrag von 3 Vor-gesetzten verfasst. Als Kollektivarbeit publiziert in DZfPh 11 (1963) 9, nachdem das Wichtigste herausgestrichen war: Die Widersprüchlichkeit in jedem Menschen, in jeglicher Entwicklung. Übrigens die einzige meiner Arbeiten, die in „Geschichte der Philosophie in der DDR“ (Ostberlin, etwa 1985) registriert ist.

R. Thiel: Entwürfe zu einer Klassifikation dialektischer Widersprüche nach Struktur-Typen. Unveröffentlicht.

R. Thiel, Forschungsberichte zu Anforderungen an die Ausbildung von Ingenieuren und Naturwissenschaftlern (1974 - 81), primär unter Gesichtspunkten wie Industrielle Praxis, Ökologie, Kreativität; in Industrie-Recherchen erhärtet. Vom Zentralinstitut für Hochschulbildung unterdrückt. Autor gefeuert. Daraufhin von Thiel zu Denkschriften verarbeitet und – unerlaubt vervielfältigt - an Hochschulminister, PB-Hager sowie an ZK- und Akademie-Mitglieder gesandt. Dort gestrandet.

R. Thiel: Aktuelle Fragen zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Kritik und Vorschläge. War vorgesehen für "Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung" 2002 . Publikation war den Herausgebern offenbar zu kritisch.

R. Thiel: Das Wissen wandert oft auf krummen Wegen.

Vortrag auf Kolloquium zu Ehren von Manfred Bonitz, März 2001. Druck in Vorbereitung. Auskünfte: as@medea.wz-berlin.de und bonitz@fz-rossendorf.de

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R. Thiel:

Der Stausee unterm Auersberg

Die Talsperre des Friedens bei Sosa in Sachsen und der Mythos ihrer Erbauer

Verfasst anlässlich des 50. Jahrestags der ersten Wasserabgabe 1951.

Sehr selten ist in aller Welt, dass Technik und Natur zusammenpassen. Der Stausee unterm Auersberg ist solche ein Wunder, wenn auch als solches nicht geplant gewesen. Im Laufe der Jahrzehnte stellte sich heraus, dass das Bauwerk nicht nur höchsten technischen Ansprüchen gerecht geblieben ist. Es fügt sich auch perfekt ins grüne Erzgebirge ein und spendet neue Schönheit: Der Stausee zwischen dunklen Fichtenwäldern tief im Tale spiegelt Himmelsblau und Weiß der Wolken.

Die Talsperre Sosa war das erste große Neubauprojekt im Osten Deutschlands nach dem II. Weltkrieg. Der Pulverdampf war verweht, doch Städte noch in Trümmern, der Hunger noch nicht zuende. Werkzeug aus der Industrie noch Mangelware. Ungewöhnliche menschliche und technische Mittel wurden aufgeboten, Meisterstücke der Improvisation vollbracht. Zum Beispiel wurden Feldbahnlokomotiven und uralte Kräne trickreich über den Berg hinweg in unwegsames Tal gehievt. Bald entstand ein Mythos um die jungen Erbauer, die der Jugendverband für die Baustelle geworben hatte.

Über den Talsperrenbau bei Sosa schrieben zumeist Journalisten, die zu Stippvisiten kamen. Doch Autor Rainer und Mitautor Manfred Sandig zählen selbst zu den Erbauern. Manfred war und blieb Arbeiter, Rainer war Abiturient und wurde Forscher und Schriftsteller. Manfred und Rainer erzählen, was sie selbst erlebten, unpathetisch, doch Abenteuer enthüllend und Spannung aus den realen Vorgängen beziehend, in denen schwere körperliche Arbeit dominierte. Die Spannung ihres Berichtes beruht auf Sachlichkeit und Sinnesfreude, auf Poesie der körperlichen Arbeit und auf Köpfchen, mit dem sich Granitfelsen per Spitzhacke und Vorschlaghammer brechen ließ, ohne die eigne Haut völlig zu zerreiben. Mit Humor und Sinn für Kreativität wird auch erzählt, wie menschliche Konflikte bewältigt wurden.

Das Talsperrenjubiläum 2001 überraschte die Erbauer durch den herzlichen Empfang, der ihnen von Einheimischen und Touristen bereitet wurde bei den Köhlertagen in Sosa mit dem historischen Fest-Umzug. Da fehlte auch der Witz nicht. Rainer hat mit Spaß beobachtet.

Einschl. Fotos 88 Seiten. 8,80 Euro 2. Auflage März 2003.

Trafo Verlag Dr. Wolfgang Weist , Finkenstr. 8, 12621 Berlin, Tel. (030) 5670 1939, Fax 5670 1949.

trafoberlin@t-online.de In Buchhandlungen unter ISBN 3-89626-424-9

 

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Publikationsfeld 11 (Wünsche)

Worüber ich noch forschen oder wenigstens etwas sagen möchte: über ....

- Defizite der Kompetenz zum logischen Denken und ihr wahrscheinlicher Einfluss auf die Nachhaltigkeit der Entwicklung; eigene Beobachtungen schon vor der PISA-Studie

- das Logik-Defizit in der Schreibe-Praxis - Kommunikations-Verluste und Denk-Störungen. Auch die sog. Rechtschreibe-Reform schoss am Ziel vorbei;

- zur Logik der Witze;

- Logik und Dialektik - logischer Widerspruch und dialektischer Widerspruch;

- Wege zur Erschließung der Dialektik von Hegel;

- Dialektik - für meine Enkel;

- Klassifikation dialektischer Widersprüche nach strukturellen Merkmalen;

- Sprache und Begriffsbildung bei Marx - Missverständnisse, denen man leicht aufsitzt;

- "Sozial und solidarisch" - JA. Doch wer das will, muss weit darüber greifen.

- die Widerspruchsdialektik als Herausforderung zu evolutions-orientiertem Handeln;

- Erfinden gleich Problemlösen? Gemeinsamkeiten und Unterschiede;

- Populäres über Fraktalität. Anregungen aus der Geometrie der Fraktale;

- Der fraktale Charakter realer dialektischer Widersprüche. Wie schon aus Bipolarität Fraktalität entsteht. Die Fraktalität in der Dialektik von Hegel und im praktischen Handeln der Menschen. Nutzung der Arbeiten von Manfred Peschel zur Fraktalen Logik und ihrer Universalität;

- die Bifurkation (nach physikalischer Evolutionstheorie und Chaostheorie) als bisher klarstes Konzept des Entstehens von dialektischen Widersprüchen;

- Bipolarität als einfachstes, aber auch als unzureichendes Paradigma für Widerspruchsdialektik. Wie erst recht aus Multi-Polarität auch Fraktalität entsteht. Gegenüberstellung von Fraktalität und tradierten Verhaltensmustern;

- zur Geschichte des dialektischen Denkens;

- verschiedene Stufen von Kreativität und verschiedne Typen von Innovation; eine überfällige Begriffsklärung;

- heuristische hidden Patterns beim Entstehen von Beweis-Ideen und Umformungen in der Mathematik; weit hinaus über Polya;

- Instabilität in der Geschichte, die mathematische Chaostheorie und die menschliche Verantwortung;

 

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Publikationsfeld 12

Biographisches, Geschichtliches

Bibliograpisches in Kürze:

Rainer Thiel, als Vierzehnjähriger in Chemnitz - 8 Wochen und ein zweites Mal 2 Wochen vor Kriegsende - im Bombenhagel beinahe verbrannt. Die Luftabwehr war längst zur Panzerbekämpfung an die Ostfront abgezogen. Trotzdem stand nun die Rote Armee in Sachsen, und im Westen war der Krieg auch schon längst entschieden. Nur um Berlin wurde noch gekämpft. Die meisten Opfer der Bombenangriffe waren Flüchtlinge aus Schlesien sowie sächsische Kinder und Alte, auch meine Großmutter, die verbrannte. Offensichtlich mussten die gewaltigen Bombenvorräte schnell noch verbraucht und das Besatzungsgebiet der Sowjetarmee schnell noch verwüstet werden. Der Bombenkrieg der Nazis ("Bomben auf Engelland", "Coventrieren", diese Worte habe ich als Kind gehört!) schlug nun auf das Land zurück, von dem er seinen Anfang genommen hatte. Das habe ich bald verstanden.

R. Th. wird nach dem Krieg initiativreicher FDJ-Funktionär, streitet auch mit Mitschülern, die sich vom Kriege nicht betroffen fühlten. Studiert 4 Semester Mathematik, 8 Semester Philosophie. Startet unterm Patronat von Georg Klaus in die Forschung mit Studie "Newton, Marx und Einstein". ^^ 10 . Ab 1959 Studien zum Gebrauch mathematischer Sprachen und kybernetischer Begriffe in Ökonomie und Philosophie: "Quantität oder Begriff?" (Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1967) und "Mathematik - Sprache - Dialektik" (Akademie-Verlag, Berlin 1975). ^^ 4

1952 und 1967 der Universität verwiesen. 1952 wegen angeblicher Agententätigkeit und Honecker-Verleumdung - in die Produktion, auf Baustellen, Schulen des Lebens. 1967- wegen Interesse an Fragen der Dialektik und der Nichtlinearität - hinweg von der Humboldt-Universität. Wegen Querköpfigkeit wollen ihn auch andere Institute nicht haben. Doch in der DDR wird niemand arbeitslos. Also hinein in wirtschafts- und wissenschaftsnahe zentrale Staatsorgane (Ministerium für Wissenschaft und Technik sowie Sekretariat des Ministerrats, Schulen technisch exakter Stabsarbeit. Thiel nutzt Spielräume und wird als Querkopf nach sieben Jahren von seinen Kollegen mit vielen Blumen verabschiedet.

Dann im Zentralinstitut für Hochschulbildung. Wegen verweigerten Schwindelns 1981 gefeuert. Ab zur Ausbildung von Patentingenieuren, denn schon ist - außerhalb aller staatlichen Pläne - Thiel Mitbegründer der Erfinderschulen in der Industrie und Mitbegründer der Methodik des Herausarbeitens von Erfindungs-Aufgaben und Lösungsansätzen, die heute in der Widerspruchsorientierten Innovationsstrategie (WOIS) weiterlebt und in der Industrie Anerkennung gewonnen hat. Widerständen widerstehend eröffnet Thiel die Sicht auf das Verhältnis von realer Kreativität und Widerspruchsdialektik. Nach der Wende Würdigung der Erfinderschularbeit durch Kollegen an Rhein und Main. Überraschend viele neue Freundschaften. Themenfeld 2, Publikationsfeld 2 ^^ 2 .

Ab 1994 erneut Marx-Studien. 1998 erscheint "Marx und Moritz". ^^ 3 . Moritz nannte sich Marxist, doch Marx las er nicht. Thiel belegt es durch sensationelle Fallstudien. Vor allem wird Marx dokumentiert. Ganz anders als geglaubt in West und Ost - Marx bleibt aktuell. Marx ist überhaupt erst zu entdecken: Marx wider den Wachstumswahn – Marx über die Menschlichkeit. Doch auch Geschichte sieht mit Marx ganz anders aus. Thiel zeigt zum Beispiel, wie Honecker - bis heute unbemerkt - Marx fälschte, um sich Macht zu erputschen und soz ialistische Denkansätze niederzuschlagen. Marx-Fälschungen werden auch aufgedeckt in dem 2000 erschienen Buch „Die Allmählichkeit der Revolution – Blick in sieben Wissenschaften.“ 3 , ^^ 3 II . Eine Rezension von Rolf Löther ist betitelt: „Von der Chaostheorie zum PDS-Programm – Kommt der große Kladderadatsch?“

1998 verstirbt Ehefrau Katrin an Krebs. Katrin – selbst berufstätig mit hohem Anspruch an Qualität und Umfang ihrer Arbeit – hat Rainer nach seinem Rausschmiss aus der Humboldt-Universität 1967 den größten Teil seiner Verpflichtungen in der 3-Kinder-Familie abgenommen. O dass nun nur einer überlebte! Oft war die Ehe der Zerrüttung nahe. Und doch haben wir uns geliebt. In Katrins letzten Monaten waren wir einander sehr, sehr nahe. Wir haben bis zur letzten Stunde nicht aufgegeben und um Rettung gerungen. Mir bleibt viel Schuld.

Im September 2000 erlebt Thiel den großartigen Streik Storkower Schüler zur Erhaltung ihrer Schule. „Streik“ hieß: Wir besetzen die Schule und managen Unterricht selber. Und alles gewaltfrei. Thiel schreibt darüber das spannende Buch „Schülerstreik in Storkow“. ^^ 7 . Rezensionen sind betitelt wie zum Beispiel: „Ein gelungener Schülerstreik“, oder „Die Kraft der Schwachen“ oder „Ein Mutmacher“. Doch der Kampf will nicht zu Ende gehen. Zur Zeit wirkt Thiel an der Seite von Schülern, Eltern und Lehrern für die Bewahrung von Schulen. Begründung des landesoffenen Runden Tisches zur Bildungspolitik. Thiel sieht das als Solidaritätsleistung und als Praxis zu seiner Philosophie.

Thiels Akte kann sich sehen lassen, obgleich in Einzelheiten falsch und nur die Jahre 67/68 betreffend, als Th. im Ministerium für Wissenschaft und Technik arbeitete, wohin ihn die Philosophen abgeschoben hatten, weil ihnen sein Interesse für Mathematik unheimlich war. Was aber EmEller, die sich Kommunisten nannten, über Thiel geschrieben haben, stimmt meist nicht mal in Einzelheiten. Im Ganzen sowieso nicht. Das gibt’s bis heute noch.

Seit meiner Zeit im Büro des Ministerrats (1971 - 74) hatte ich konspirative Betreuer, die etwa aller zwei Jahre zu mir in die Wohnung kamen. Ich nannte ihnen meine Sorgen über die Entwicklung der DDR. Etwa 1980 habe ich ihnen gesagt: „Ihr müsstet mal die Regierung observieren.“ Da lachten die beiden Offiziere und meinten: „Da kommen wir leider nicht ran.“ Ein anderes Mal wurde ich gefragt, ob ich helfen könne, einen privaten Zirkel zu beobachten, ich würde ja den Gastgeber kennen. O, dachte ich, du hast dir hundert Mal geschworen, die DDR vor Agenten zu schützen. Nun wird es aber ernst. Auf einmal stutze ich, und zwei oder drei Sekunden später kommt mir auf die Zunge: „Erstens glaube ich nicht, dass der Zirkel aus Feinden der DDR besteht. Die Leute sind unzufrieden wie ich, nur auf andre Art als ich, aber sie sind keine Feinde. Zweitens handelt es sich um Salon-Denker. Die würden sich wundern: Was will denn Thiel hier, der Praktizist, der Aufrührer, der die Philosophen anraunzt und etwas ändern will? Drittens: Ich habe gar keine Zeit, dort hinzugehen. Ich mache Erfinderschulen, um unserm Land auf die Sprünge zu helfen. Da hab ich mir schon sehr viel aufgeladen.“ Thiel sprach`s und ward in Ruh gelassen.

Ab August 2004 wirkt Thiel für Montagsdemonstrationen, vor allem in Königs Wusterhausen und Fürstenwalde, spricht dort auch jedes Mal. Weil er schon Rentner ist, versucht er sein Engagement öffentlich zu rechtfertigen. Deshalb sagte er auch: "Ich bin hier, weil ich den Müttern und Vätern der heute Arbeitslosen zu Dank verpflichtet bin. Die Werktätigen der Deutschen Demokratischen Republik haben mir ein langes Studium ermöglicht. Deshalb bin ich hier bei Euch. Mit mir könnt Ihr rechnen."

Am Ende etwas zum Schmunzeln: Am Europäischen Gerichtshof mache ich geltend, dass alle Instanzen, in denen ich geklagt habe um die rentenrechtliche Anerkennung der Jahre meiner Aspirantur (auch für andre ehemalige Aspiranten), der Auseinandersetzung mit mir ausgewichen sind. Sie sind in Vorurteilen befangen und nahmen einfach meine Darlegungen nicht zur Kenntnis. Das widerspricht der Europäischen Menschenrechtskonvention, wonach jeder den Anspruch auf rechtliches Gehör hat. Beim Europäischen Gerichtshof ist meine Akte mit dem Zusatz registriert: „Thiel gegen Deutschland“. Gleichwohl liebe ich meine Heimat. Nur - ihre Politiker haben noch viel zu lernen. Viele sind damit überfordert.

 

 

Im Oktober 2010 erschien im Verlag Edition Ost,

ISBN 9 7 8 – 3 – 8 9 7 9 3 – 2 4 8 – 7, 392 Seiten:

Rainer Thiel

Neugier –Liebe – Revolution.

Mein Lebenslauf 1930 – 2010

 

Inhaltsverzeichnis

Zur Welt gekommen 4

Erste Kindheit. Paradies und Neugier 4

Zweite Kindheit. Vom Paradies ins Stadtzentrum. Beim Management helfen 11

Dritte Kindheit. Ins Böse verstrickt 17

Das große Feuer 24

Von heißer Asche zu kalter Asche 27

Leise beginnt neues Leben 30

Lehrling – Zeitungsleser - Gymnasiast 31

Steinbruch-Arbeiter im Talsperrenbau 45

Was wird nun mit dem Studium? 51

Studium an zwei Fakultäten 53

Gehöre ich zur Arbeiterklasse? 54

Philosophie und trotzdem Mathematik? Ja, gerade deshalb 57

Als Agent entlarvt und rausgeschmissen 61

Ab nach Pommern in die Taiga 67

Erneut zum Studium - nach Berlin 74

Erste Auslandsreise 82

Dozent im gesellschaftswissenschaftlichen Grundstudium. Visiten in der Produktion und im Westen 83

K a t r i n 89

Bedürfnis, den ganzen Marx zu achten 94

Hauptberuflich forschend wirken dürfen! 97

Die Mauer in Berlin 106

Georg Klaus und mein Verhältnis zu ihm 112

Beim Aufbau empirischer Sozialforschung 116

1967 - mein Buch „Quantität oder Begriff?“ 121

Schon wieder rausgeschmissen. Hinein ins Ministerium 124

Nochmal Kybernetik anschieben 128

Im Hause des Ministerrats 133

Katrin, Rainer und drei Kinder 136

Urlaub mit der Familie 141

Die Kinder und die Baukästen 146

1975: Fertig ist mein Buch „Mathematik – Sprache – Dialektik“ 148

Katrin hat mich ausgehalten 153

Bildungsforschung – Institut steht Kopf, ich fliege raus 154

Intermezzo der Verlegenheit 158

Das revolutionäre Projekt „Erfinderschulen“ – gemeinsam mit Verdienten Erfindern 160

Honeckers Konterrevolution vor der Vollendung 171

Erfinderschulen nach der Wende? 178

Widerspruchsorientierte Innovationsstrategie 182

Jenseits oder diesseits der Familie? Beides zugleich! Doch die Familie hat gelitten 184

Die Stasi und meine Wenigkeit 190

Die PDS und ich als treue Seele 193

Endlich in Ruhe forschen können 198

Studien und Erlebnisse: Mein Buch „Marx und Moritz – Unbekannter Marx – Quer zum Ismus“ (1998) 200

Katrins letzte Reise (1998) 208

Mein Buch „Die Allmählichkeit der Revolution – Blick in sieben Wissenschaften“ (2000) 213

Sabine 215

Als Gast beim Schülerstreik 217

Das vergessene Volk - mein Praktikum in Landespolitik. Aktion als Tiefenbohrung 221

106 000 Unterschriften für Recht und Rechtsstaat und wie sie verschwunden sind 230

Christina 236

Bei Professoren im Karl-Liebknecht–Haus 238

Wie ich Montags-Demonstrant wurde 240

Wie ich Montagsdemonstrant blieb 245

Ich nähere mich Attac 258

„Allmähliche Revolution“ – immer noch Tabu der Linken? 261

Entwicklung denken. Dialektik lehrbar machen 266

Prüfung vorm Abschluss des Manuskripts 274

Wie kam ich dazu, gesamtgesellschaftlich zu denken? Kleine und große Familie 278

Die zwei letzten Sätze im Buch lauten:

„In der Bibel steht ´Glaube, Liebe Hoffnung´.

Ich sage ´Neugier, Liebe Revolution´.“

 

 

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